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0149 | 22. APRIL 2024    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

134 Gramm

Mit seinem Erlass vom 7. April 1919, der am 22. April in Kraft tritt, ermöglicht Otto Glöckel, Staatssekretär für Unterricht, den Frauen erstmals den Zugang zu den technischen Hochschulen und zur Hochschule für Bodenkultur.

Zwar heißt es bereits im Staatsgrundgesetz von 1867, Artikel 18: Es steht Jedermann frei, seinen Beruf zu wählen und sich für denselben auszubilden, wie und wo er will. Doch das Wörtchen „Jedermann“ war wohl wörtlich gemeint, denn den Frauen wird dieses Grundrecht noch über Jahrzehnte verwehrt. Österreich und das Deutsche Reich bilden in dieser Hinsicht das Schlusslicht der „westlichen Welt“. Denn hierzulande hält so mancher Arzt den Geist des Mannes für „tiefer, weiter und schärfer“, wiege dessen Gehirn doch durch­schnittlich um 134 Gramm mehr…

In den USA und im schweizerischen Zürich erlangen die Frauen bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Zugang zu höherer Bildung, in Ländern wie Frankreich, Schweden, Großbritannien, Finnland, Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Italien, ja auch in Griechenland, Russland und im Osmanischen Reich öffnen sich die Tore einzelner Fakultäten, lange bevor es in Österreich so weit ist.

Ab 1903 dürfen Frauen an der Technischen Hochschule in München studieren, und wenig später kommt es zur allgemeinen Öffnung der Universitäten in Preußen. In einigen Ländern werden zunächst eigene Hochschulen für Frauen errichtet, so z.B. die „womens´ colleges“ in Großbritannien, während ihnen der Zugang zu den „großen“ renommierten Hochschulen noch versagt bleibt. In Cambridge dürfen Frauen erst ab 1948 studieren, in Princeton und Harvard sogar erst ab den 1960er- und 1970er-Jahren, und auch in Frankreich wehren sich die „Grandes Écoles“ lange gegen Studentinnen.

Was ein günstiges Geschick verhüten möge…

Dabei hätte Österreich durchaus zu den Vorreitern der Frauenbildung gehören können. 1849 gibt das Ministerium für Cultus und Unterricht eine Verordnung heraus, die es den einzelnen Fakultäten gestattet, spezielle, nur für Frauen eingerichtete Vorlesungen abzuhalten. Doch dazu kommt es nie.

In einem Gutachten des Akademischen Senats der Universität Wien, in dem auf die „großen Gefahren für den wissenschaftlichen und sittlichen Ernst“ hingewiesen wird, heißt es 1873 u.a.: Der Eintritt der Frauen in die Vorträge müßte zunächst die wissenschaftliche Seite der letzteren völlig umgestalten, indem die Docenten Vieles, was sich für das Ohr der Männer eignet, erst jenem der Frauen, namentlich züchtiger Jungfrauen, anzupassen genöthigt wären, wodurch es wieder sich nicht für den männlichen Charakter eignen würde. […] und so lange die Gesellschaft, was ein günstiges Geschick verhüten möge, die Frauen nicht als Priester, Richter, Advocaten, Aerzte, Lehrer, Feldherren, Krieger aufzunehmen das Bedürfnis hat, das heißt, so lange der Schwerpunkt der Leitung der socialen Ordnung noch in dem männlichen Geschlecht ruht, liegt auch keine Nöthigung vor, den Frauen an der Universität ein Terrain einzuräumen, welches in den weiteren Folgen unmöglich zu begrenzen wäre.

Eine bloße Liebhaberei einzelner Emanzipierter

Das „Geschick“ erwies sich allerdings als nicht ganz so „günstig“ und der Druck fortschrittlicher Frauen­organisationen, wie etwa des „Vereins für erweiterte Frauen­bildung“, auf Hochschulen und Behörden lässt nicht mehr nach.

1878 ergeht eine Ministerialverordnung an die Universitäten, wonach Frauen nur ausnahmsweise als so genannte Hospitantinnen zuzulassen und keinesfalls zu immatrikulieren und als außerordentliche Hörerinnen zu akzeptieren seien. Dozenten und Professoren könnten auch nicht gezwungen werden, Frauen in ihren Vorlesungen zu akzeptieren. Generell wird noch in den 1880er Jahren die angebliche „zerebrale Unterkapazität“ von Frauen als wissenschaftliches Argument gegen ihre Zulassung zum Studium ins Treffen geführt.

Die Philosophie geht voran

Knappe zwei Jahrzehnte später, im Februar 1897, werden die Philosophischen Fakultäten Österreichs befragt, „ob und unter welchen Modalitäten Frauen sowohl als ordentliche und als außerordentliche Hörerinnen […] zugelassen werden könnten“. Nachdem sich die Fakultäten in Wien und Innsbruck für eine Zulassung aussprechen, ergeht am 23. März 1897 die Verordnung, Frauen als ordentliche Hörerinnen an den Philosophischen Fakultäten der k.k. Universitäten zuzulassen. Den Beginn machen drei Studentinnen in Wien.

Während zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Medizinerinnen an den Universitäten in Lemberg, Czernowitz, Krakau und Prag hospitieren, dauert es noch bis zum Jahr 1900, als im Parlament ein Gesetz beschlossen wird, das den Frauen ein ordentliches Medizin- und Pharmaziestudium ermöglicht. Gabriele Possanner von Ehrenthal, Tochter eines hohen Beamten im Finanz­ministerium, ist die erste Frau in Österreich, die, nachdem sie bereits in Genf und Zürich Medizin studiert und zahlreiche Eingaben an die verschiedensten Stellen abgefasst hatte, ihr Schweizer Diplom nostrifizieren darf und am 2. April 1897 im Fach Medizin promoviert wird.

Die Juristen hinken hinterher

Am längsten und erfolgreichsten wehren sich – abgesehen von den beiden theologischen Fakultäten – die Juristen und die Techniker gegen die Aufnahme von weiblichen Studentinnen. Obwohl sich das Professoren-Kollegium der rechts- und staats­wissen­schaftlichen Fakultät in Wien bereits 1899 mit der Frage der Zulassung der Frauen an ihrer Fakultät auseinandersetzt und ein positives Gutachten des in dieser Angelegenheit sehr engagierten Juristen Edmund Bernatzik vorliegt, erhalten sie erst 1919, nach der Gründung der Republik, Zutritt zur juridischen Fakultät, deren Besuch nicht nur für den Zugang zu juristischen Berufen, sondern auch Bedingung für fast alle höheren staatlichen Beamtenpositionen ist.

Die Zahl der Studentinnen ist zunächst gering – in den ersten zehn Jahren promovieren nur insgesamt 76 Frauen. Marianne Beth, bereits Doktorin der Philosophie, ist die erste, die 1921 das Rechtsstudium in Wien abschließen kann. 1924 legt sie die Rechtsanwaltsprüfung ab und wird 1928 als erste Frau in die Rechtsanwaltsliste der Wiener Kammer eingetragen. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs wird sie als Jüdin aus der Rechtsanwaltsliste gelöscht und emigriert mit ihrem Ehemann in die USA. Ähnlich ergeht es der zweiten Wiener Rechtsanwältin Julie Riesenfeld, die nach London fliehen muss. Keine Einzelfälle, kommen die meisten Studentinnen sämtlicher Fächer doch aus dem Bildungsbürgertum, wo der Anteil von Personen „jüdischer Herkunft“ besonders groß ist.

Ohne Schädigung der männlichen Studierenden

1919 werden auch die Veterinärmedizin und die Wirtschaftswissenschaften für Frauen zugänglich gemacht. Der Glöckel-Erlass sichert ihnen nun außerdem den freien Zugang zu den letzten Männerbastionen, den technischen Hochschulen und der Hochschule für Boden­kultur.

Im Erlass heißt es: Es läßt sich nicht verkennen, daß es dem Zuge der Zeit entspricht, auch Frauen zum Studium an den Technischen Hochschulen sowie der Hochschule für Bodenkultur zuzulassen. Dafür sprechen auch die Erfahrungen, welche während des Krieges gemacht werden konnten, da sich Frauen vielfach mit Erfolg auch auf Gebieten geistiger Arbeit, insbesondere fachtechnischer Richtungen betätigt haben, welche bis dahin nur Männern vorbehalten waren.

Der Zugang zum Technikstudium ist zunächst jedoch mit einer Einschränkung verbunden: Frauen dürfen sich nur dann für ein technisches Studium einschreiben, wenn sie „ohne jede Schädigung und Beeinträchtigung der männlichen Studierenden“ Platz in der gewünschten Studienrichtung finden können.

Im Studienjahr 1919/20 sind es gerade einmal 20 Frauen, die zum Studium an der Technischen Hochschule (TH) Wien zugelassen werden. Frauen sind in den ersten Jahrzehnten vor allem an den Fakultäten für Architektur und Technische Chemie vertreten, in den eigentlichen Ingenieurswissen­schaften bleibt ihr Anteil gering. Erst 1940 wird die erste Frau an der TH Wien habilitiert, 1973 mit Elfriede Tungl die erste außerordentliche und 1996 mit Sabine Seidler die erste ordentliche Professorin ernannt.

Und heute?

Im Wintersemester 2022/23 sind knapp 56% aller Studierenden an Österreichs Hochschulen Frauen. Bei den Abschlüssen von Erststudien an öffentlichen Universitäten lag der Frauenanteil laut Statistik Austria 2019/20 bei 57,8%, an den Fachhochschulen bei 54,7%, an den Pädagogischen Hochschulen (Lehramt) bei 80,9% und an Privatuniversitäten bei 66,1%.

Die Zahl der Professorinnen an öffentlichen Universitäten hat sich seit 1980/81 beinahe verzehnfacht. Nichtsdestotrotz ist der Frauenanteil mit knapp 28% im Studienjahr 2020/21 noch immer weit von einer Gleichstellung entfernt.

Literatur: Ilse Brehmer (Hrsg.), Geschichte der Frauenbildung und Mädchenerziehung in Österreich. Ein Überblick, 1997; Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr (Hrsg.), 100 Jahre Frauenstudium. Zur Situation der Frauen an Österreichs Hochschulen, 1997; Karl von Lemayer, Die Verwaltung der österreichischen Hochschulen von 1868–1877, 1878; Rebecca Cäcilia Loder, Die ersten jüdischen Studentinnen an Österreichs Universitäten (bis 1939). Eine Darstellung anhand autobiografischer Texte, 2011.

Link: Rebecca Cäcilia Loder: Die ersten jüdischen Studentinnen an Österreichs Universitäten (bis 1939)

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