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Aktuelle Seite: Alte und neue Seuchen
0211 | 14. DEZEMBER 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Alte und neue Seuchen


Am 14. Dezember 1930 wird der neue Tuberkulosepavillon im Lainzer Krankenhaus der Stadt Wien von Bürgermeister Karl Seitz feierlich eröffnet.

Professor Julius Tandler, der Initiator der Anstalt, begrüßt die Festgäste. Er erläutert, dass ein modernes Spital nicht bloß die körperlichen Leiden zu bekämpfen habe, sondern auch die psychischen, die mit einem Spitalsaufenthalt in der Regel verbunden seien. Deshalb habe man sich bemüht, ein „der Konvention widersprechendes Krankenhaus“ zu bauen, das alleine schon durch seine Farbgebung die Patienten mit dem Spitalsaufenthalt „versöhnen“ solle.

Der Stadt Wien, so der Stadtrat für das Wohlfahrtswesen weiter, sei es gelungen, den Morbus Viennensis, wie die Tuberkulose wegen ihrer starken Verbreitung in der Donaumetropole international genannt werde, bereits um die Hälfte zu reduzieren.

Bürgermeister Karl Seitz verspricht, dass der erfolgreiche Kampf gegen die Volksseuche Tuberkulose weitergeführt werde, bis Wien „von der Schande befreit ist, die Stadt der Tuberkulose zu heißen“ und die Krankheit mindestens so weit eingedämmt sei, wie in anderen Städten der Welt.

„Welthauptstadt“ ohne Renommee

Tatsächlich war die in Wien vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits stark verbreitete Tuberkulose – 1871 kamen 90 Sterbefälle auf 10.000 Einwohner – während des Ersten Weltkriegs und in den Nachkriegsjahren wieder stark angestiegen: Von 37,5 Bewohnern (je 10.000) im Jahr 1915 auf 60,7 im Jahr 1918. Die Bekämpfung der Krankheit und der Betrieb von Tuberkulose­fürsorgestellen lag in der Monarchie ausschließlich in den Händen privater Organisationen wie dem Roten Kreuz. Erst nach der Republiksgründung schaltet sich die Gemeindeverwaltung aktiv in die Tuberkulose­bekämpfung ein. 1918 bestehen in Wien nicht mehr als sieben private Tuberkulose­fürsorgestellen, bis 1923 werden fünf neue, städtische geschaffen, bis Ende 1928 weitere fünf, und 1931 existieren 25 Tuberkulose­fürsorgestellen, davon zwölf kommunale, sieben private und sechs von den Krankenkassen betriebene.

Die Tuberkulosefürsorgestellen sind eng mit der allgemeinen städtischen Fürsorge verschränkt, vor allem mit dem schulärztlicher Dienst. Neue Anstalten, wie die Umwandlung des Sanatoriums auf der Baumgartner Höhe in eine Lungenheilstätte, die Eröffnung einer Heilstätte für „Leichtlungenkranke“ in der Himmelstraße in Döbling, der Betrieb einer Erholungsstätte für Lungenkranke auf der Kreuzwiese in Hernals, aber auch zusätzliche infrastrukturelle Maßnahmen der neuen sozial­demokratischen Gemeindeverwaltung, wie der soziale Wohnbau im Allgemeinen, die Modernisierung der Müllabfuhr und die Errichtung von Freibädern und Sportplätzen tun ihr Übriges. 1925 liegt die Anzahl der TBC-Opfer bei unter 20, 1930 bei 16 von je 10.000.

Ein Meilenstein

Das vorbildlich moderne Gebäude, das durch spätere Umgestaltungen leider stark beeinträchtigt wurde, sticht bis heute aus der weitläufigen Spitalsanlage in Lainz hervor. Deren Bau wurde anlässlich des 60-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph 1907 beschlossen, „freiwillig und ohne Anerkennung einer gesetzlichen Verpflichtung […] in der Absicht, der Wiener Spitalsnot so weitgehend und so rasch als möglich abzuhelfen“. Bis zur Errichtung dieses ersten städtischen Spitals lag die medizinische Versorgung der Stadt überwiegend bei den Stiftungs- und Ordensspitälern. Auf Initiative des Bürgermeisters Lueger wurde das Spital in Lainz noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Pavillonsystem ausgebaut.

Der auf Betreiben Julius Tandlers neu errichtete, 320 Betten umfassende TBC-Pavillon, ist ein Werk der Architekten Fritz Judt­mann und Egon Riss, die 1927 auch das Amtsgebäude der Arbeiterkrankenkasse in der Traungasse im 3. Bezirk entworfen haben.

In den Obergeschoßen des langgestreckten Baus, dessen Fensterfronten nach Süden ausgerichtet ist, befinden sich großzügige Veranden und Liegehallen. Die Männer- und Frauenabteilungen sind in den beiden Flügeltrakten untergebracht, im Mitteltrakt befinden sich die Therapie- und Gemeinschaftsräume sowie die Ärzte- und Schwesternzimmer.

Ein Visionär

Gesundheitsstadtrat Tandler betrachtet Lainz gerne als „sein Spital“, das nach den Vorstellungen der sozial­demokratischen Stadtregierung zu einer Art sozialer „Gegenuniversität“ werden soll und deshalb auch mit aufwändigen Behandlungs­apparaten ausgestattet wird. Der vorausschauende Julius Tandler lässt neben der Tuberkulose­station bereits damals neue Abteilungen für Strahlentherapie – Wien erwirbt als dritte Stadt der Welt 5g Radium zur Bestrahlung von Krebspatienten –, sowie für Rheuma- und Stoffwechselkrankheiten einrichten. Denn, so Tandler: „Für einen einzigen Krieg soll sich die Menschheit begeistern, und das ist der Krieg gegen die die Menschheit würgenden Krankheiten…“

Literatur: Die Tuberkulosefürsorge der Gemeinde Wien, 1927; A. Götzl: Die Tuberkulosefürsorge in Wien 1919 bis 1929, 1930; Das Krankenhaus der Stadt Wien, hrsg. von der Gemeinde Wien; red. von Franz Xaver Friedrich, Wien 1931.

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