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Aktuelle Seite: Bauhaus in Wien
0167 | 9. OKTOBER 2024    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Bauhaus in Wien


Am 9. Oktober 1944 wird die österreichische Malerin, Designerin und Innen­architektin Friedl Dicker-Brandeis im KZ Auschwitz ermordet.

Die am 30. Juli 1898 als einzige Tochter des Papierwaren­händlers Simon Dicker und seiner Frau Karoline geborene Friedericke wächst in einem jüdisch-assimilierten, bürgerlichen Elternhaus auf. Ihre Mutter stirbt früh. Das Papierwarengeschäft des Vaters ist für die kleine Friedl ein Schlaraffenland. Hier findet sie alles, was sie braucht, um zu malen und mit den unter­schiedlichsten Materialien zu experimentieren.

Nach der Wiener Bürgerschule für Mädchen absolviert Friedl Dicker eine Lehre an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, an der Frauen seit 1908 offiziell zugelassen sind, und schreibt sich zu Beginn des Krieges in der Textilklasse der Kunstgewerbeschule Wien ein. Einer ihrer Lehrer ist der Begründer des Kinetismus Franz Čižek.

In die Welt hinaus!

Im Anschluss daran studiert Friedl Dicker an der privaten Kunstschule des Schweizer Malers und späteren Begründers der Farbtypenlehre Johannes Itten. Als Itten Walter Gropius kennen­lernt und dieser ihn als Meister an das Bauhaus in Weimar beruft, folgen ihm etliche seiner Wiener Studenten, darunter auch Friedl und ihr Freund Franz Singer, der zu diesem Zeitpunkt Architektur studiert.

Noch während ihrer Ausbildung entwerfen Friedl Dicker und Franz Singer Bühnenbilder und Kostüme für die Bauhaus-Theatertruppe, bald auch für diverse Schauspielhäuser in Leipzig, Dresden und Berlin, wo sie nach Abschluss ihres Studiums die „Werkstätten Bildender Kunst“ gründen.

Neben ihrer kunstgewerblichen Tätigkeit – im Atelier „Werkstätten Bildender Kunst“ entwirft sie Stoffe, Schmuck, Theaterkostüme, Kinder­spielzeug, Handtaschen, Bucheinbände und vieles mehr – ist Friedl Dicker auch als vielseitige bildende Künstlerin tätig. Mit den Mitteln der Collage greift sie aktuelle politische Themen auf.

Während ihre frühen Gemälde und Zeichnungen noch der Abstraktion verpflichtet sind, wendet sie sich später zunehmend dem Realismus und der Porträtmalerei zu.

Rückkehr

1921 heiratet Franz Singer die Sopranistin Emmy Heim, bleibt aber weiterhin mit Dicker liiert. 1926 kehren beide, die jahrelang eine turbulente und konfliktreiche Beziehung unterhalten, nach Wien zurück.

Ihr Gemeinschaftsatelier „Singer-Dicker“ ist hauptsächlich im Bereich der Innen­architektur tätig. Bekanntestes Werk dieser Lebens- und Arbeitsgemeinschaft ist die funktionale und kindgerechte Inneneinrichtung für den 1930 errichteten Montessori-Kindergarten im Goethehof, die 1934 von Vandalen teilweise zerstört und nach dem sogenannten Anschluss gänzlich vernichtet werden wird.

Exil in Prag

1931 wird die Atelier­gemeinschaft offiziell aufgelöst. Dicker wendet sich der Kunstpädagogik zu, tritt noch im selben Jahr der Kommunistischen Partei bei und wird 1934 wegen ihrer politischen Aktivitäten verhaftet. Nach ihrer Freilassung emigriert Friedl Dicker nach Prag, wo sie 1936 ihren Cousin, den gelernten Zimmermann Pavel Brandeis heiratet und mit Grete Bauer-Fröhlich, einer Kollegin aus Bauhaus-Zeiten, ihre kunstgewerblichen und innenarchitektonischen Arbeiten fortsetzt. Auch mit Franz Singer und dessen Schwester Frieda Stork ergibt sich wieder eine Zusammenarbeit, gemeinsam entwerfen sie einige Wohnungseinrichtungen in Prag.

Ab 1938 arbeiten Friedl Dicker-Brandeis und ihr Mann für die Weberei B. Spiegler & Söhne, die der befreundeten Familie Moller gehört, für die Dicker bereits in ihrer Wiener Zeit tätig war. Mit der Flucht der Eigentümer vor den Nationalsozialisten endet allerdings auch diese Beschäftigung. Dicker vertieft sich in die Malerei, Freunde versuchen vergeblich, sie zur Emigration zu bewegen. Der nach London geflohene Franz Singer will sie nachholen, von Hans Moller erhält sie sogar ein Visum für Palästina. Doch Friedl Dicker ergreift die Gelegenheit zur Flucht nicht, will ihren Mann nicht zurücklassen.

Der Vernichtung entgegen

Im Herbst 1942 werden beide nach Theresienstadt deportiert. In diesem von den Nazis in einer ehemaligen Garnison eingerichteten „Wohnghetto“ organisiert Dicker Mal- und Zeichenkurse für traumatisierte Kinder und gestaltet Bühnenbilder und Kostüme für die hier stattfindenden Theateraufführungen.

1944 wird das Ehepaar im Zuge der „Endlösung“ nach Auschwitz verbracht. Friedl Dicker wird einen Tag nach ihrer Ankunft ermordet, Pavel Brandeis überlebt das Konzentrations­lager.

Viele der Kinderzeichnungen, die Friedl Dicker vor ihrem Abtransport in einem Koffer versteckt hatte, werden nach Kriegsende wiederentdeckt und dem Jüdischen Museum in Prag übergeben.

2016 wird der Gemeindebau in der Althanstraße 33 in Wien Alsergrund nach Friedl-Dicker-Brandeis benannt, 2022 auch ein Stück des Weges am Donaukanal in der Leopoldstadt.

Literatur: Katharina Hövelmann, Bauhaus in Wien? Möbeldesign, Innenraumgestaltung und Architektur der Wiener Ateliergemeinschaft von Friedl Dicker und Franz Singer, 2021; Katharina Hövelmann, Andreas Nierhaus, Georg Schrom (Hrsg.), Atelier Bauhaus, Wien. Friedl Dicker und Franz Singer: Eine Ausstellung in Kooperation mit dem Bauhaus-Archiv Berlin, 2022; Elena Makarova, Friedl Dicker-Brandeis. Ein Leben für Kunst und Lehre, 2000; Patrick Rössler und Elizabeth Otto, Frauen am Bauhaus. Wegweisende Künstlerinnen der Moderne, 2019. 

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