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Aktuelle Seite: Das erste Opfer der Faschisten
0154 | 10. JUNI 2024    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Das erste Opfer der Faschisten


Am 10. Juni 1924 wird Giacomo Matteotti, Generalsekretär des italienischen Partito Socialista Unitario (PSU), von faschistischen „Schwarz­hemden“ ermor­­det. Das Ereignis markiert den Beginn der Diktatur Benito Mussolinis.

Der 1885 in der nord­italienischen Provinz Rovigo geborene Matteotti tritt während seines Jurastudiums an der renommierten Universität von Bologna dem Partito Socialista Italiano (PSI) bei. Die italienischen Sozialdemokraten sind seit ihrer Gründung von ideologischen Flügelkämpfen zwischen Marxisten, revolutionären Syndikalisten und Revisionisten zerrissen. Matteotti, der seit 1919 als Abgeordneter für die Region Ferrara in der Abgeordnetenkammer sitzt und als begabter Agitator gilt, gehört dem reformistischen Flügel der Partei an.

Der Widersacher

Nach der Abspaltung des „gemäßigten“ Lagers mit dem Namen Partito Socialista Unitario (PSU, „Sozialistische einheitliche Partei“) im Jahr 1922 wird Matteotti dessen General­sekretär.

Als König Viktor Emanuel III. im selben Jahr Benito Mussolini – bis zu dessen Parteiausschluss 1914 selbst noch Funktionär der Sozialisten – zum Minister­präsidenten ernennt, avanciert Matteotti zu einem seiner schärfsten Kritiker. Mussolini, der über keine eigene Mehrheit im Parlament verfügt, lässt ein neues Wahlgesetz ausarbeiten, das der Liste mit den meisten Stimmen zwei Drittel der Sitze garantiert. Das verbleibende Drittel soll unter den übrigen Parteien proportional aufgeteilt werden. Die Abstimmung über dieses Gesetz, das das Prinzip der Verhältniswahl grotesk verzerrt, geschieht unter äußerstem Druck und in einer Atmosphäre der totalen Einschüchterung.

Bei der Parlamentswahl 1924 erhalten die Faschisten mit einem Schlag 355 der insgesamt 535 Sitze. Am 30. Mai 1924 hält Matteotti eine flammende Rede im Parlament, in der er Mussolini persönlich der Wahlfälschung bezichtigt. Er schießt mit dem Worten: Und jetzt können Sie meine Grabrede vorbereiten.

Die Tat

Wenige Tage später, am 10. Juni 1924, entführen sechs „Schwarzhemden“ Giacomo Matteotti in Rom. Seine Leiche wird erst zwei Monate später, am 16. August, nördlich der Stadt entdeckt.

Mussolinis Popularität erleidet durch Matteottis Ermordung einen markanten Einbruch. Die Mehrheit der Italiener ist davon überzeugt, dass die Faschisten hinter der Tat stecken. Um eine Reaktion des Königs und baldige Neuwahlen zu erzwingen, ziehen die Abgeordneten der Linken aus dem Parlament aus. Am 12. September 1924 erschießt der Kommunist Giovanni Corvi aus Protest den faschistischen Abgeordneten Armando Casalini in einer Straßenbahn.

Beginn der faschistischen Diktatur

Doch Mussolini reißt das Heft des Handels wieder an sich. Anfang des Jahres 1925 übernimmt er in einer Rede vor dem Abgeordnetenhaus die volle „moralische, politische und historische Verantwortung“ für den Mord, und verspricht, „nun Ordnung zu schaffen“. Ende 1925 wird die Sozialistische Partei verboten. Jede Opposition ist nun konsequent unterdrückt, die Pressefreiheit drastisch eingeschränkt.

Von den sechs mutmaßlichen Mördern werden drei im März 1926 zu je fünf Jahren verurteilt, aber bereits nach zwei Monaten vom willfährigen Monarchen begnadigt. Das Verfahren wird erst 1947 erneut aufgerollt, die drei noch lebenden Mörder erhalten je 30 Jahre Haft.

Ein Name wird zum Symbol

Matteottis Name steht im restlichen Europa bald für die internationale Solidarität mit den Opfern des erstarkenden Faschismus. Schon 1924 wird in Belgien ein erstes „Matteotti-Komitee“ für politisch verfolgte Italiener gegründet, das später von Paris aus seinen Aktions­radius auf den gesamten Kontinent ausdehnt und verfolgten Linken und Gewerkschaftern zur Flucht verhilft.

In Wien werden 1927 der Matteottiplatz in der Wohnhausanlage Sandleiten und im Jahr darauf der neu errichtete Matteottihof in der Siebenbrunnenfeldgasse nach dem Märtyrer benannt. Und in Italien kämpfen in den beiden letzten Kriegsjahren mehrere Gruppen sozialistischer Partisanen als „Matteotti-Brigaden“.

Heute erinnern in Italien zahlreiche Straßen und Plätze an Giacomo Matteotti. Die „Matteotti-Affäre“ wird 1973 mit Franco Nero als Titelheld und Mario Adorf in der Rolle Mussolinis unter dem Titel „Il delitto Matteotti“ verfilmt.

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