
Am 17. Januar 1926 nimmt die Arbeiterhochschule zur Aus- und Weiterbildung führender Funktionäre ihren Betrieb auf.
Die Arbeiter-Zeitung berichtet vorab: Heute beginnen wir ein neues Werk. In dem schönen Barockschlößchen in Heiligenstadt, in dem einst habsburgische Kaiserinnen und Erzherzoge höfische Feste feierten, wird heute die Arbeiterhochschule eröffnet.
Arbeiterhochschule! Das Wort ist ein Programm. […] Was die Arbeiterklasse den besitzenden Klassen neidet – es ist wahrlich „nicht das bißchen Kleid“, nicht einmal das bißchen besserer Nahrung und geräumigerer Wohnung, nein, es ist vor allem das Glück, noch lernen zu können in einem Alter, in dem unsere Proletarierjungen und Proletariermädchen längst in Werkstatt und Fabrik fronen müssen.
Am Tag nach der feierlichen Eröffnung widmet das Parteiblatt dem freudigen Ereignis sogar seine Titelseite. Max Adler, der Philosoph des Austromarxismus, stellt seiner Ansprache „zwei Worte unserer Lehrmeister“, die als Motto gelten sollen, voran: „Was ist der Zeit notwendig? Reform des Bewußtseins, Selbstverständigung über ihre Aufgaben“ (Marx), und „Was die Wissenschaft verworfen hat, das soll im Leben auch nicht existieren“ (Engels).

© Wien Museum
Am ersten Kurs nehmen 32 Arbeiter und Arbeiterinnen aus ganz Österreich teil; 21 entsendet die Partei, elf die Gewerkschaftskommission; 26 sind ledig, fast alle zwischen 20 und 30 Jahre alt; 15 kommen aus Wien, 13 aus dem Verband der Sozialistischen Arbeiterjugend.
Die Parteischule ist als Internat eingerichtet. Die Kosten trägt der Verein Arbeiterhochschule. Die verheirateten Kursteilnehmer erhalten eine finanzielle Entschädigung, um den Lebensunterhalt der Familie zu gewährleisten.
Ermöglicht werden die Instandsetzung und der Betrieb des zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichteten Schlößchens durch den Erlös, den die Sozialdemokratische Arbeiterpartei durch den Verkauf der Hammerbrotwerke erzielt – „Brot setzt sich in Bildung um“. Mit der Leitung der Institution wird der Kulturjournalist und Volksbildner Josef Luitpold Stern betraut.
Der aufwändige Umbau des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes wird dem Architekten George Karau anvertraut, der aus dem großen, mit Fresken von Martino Altamonte geschmückten Festsaal einen Vorlesungssaal gestaltet, und einen Speisesaal, Studienräume und Schlafsäle einrichtet. Otto Rudolf Schatz steuert drei Fresken bei.
Einst saßen Kaiser und Erzherzoginnen im Freskensaal […] Heute sitzen Schlosser und Dreher dort…Josef Luitpold Stern
In ihrem detaillierten Bericht für die Zeitung „Der Tag“ vom 24. Januar 1926 beschreibt die Journalistin Else Ehrlich einen typischen Tagesablauf: Um halb 7 Uhr morgens geht das Tagewerk an. Von 7 bis 8 Uhr wird in der Aula geturnt, dann kommt das Frühstück. Von ¼ 9 bis 12 Uhr sind, mit einer viertelstündigen Pause für das zweite Frühstück, Vorlesungen, um ½ 1 Uhr ist Mittagszeit. Bis 5 Uhr beschäftigen sich die Hörer mit der Verarbeitung und Wiederholung des Stoffes, wobei ihnen eine reiche Studienbibliothek zur Verfügung steht. Um sich diese Wiederholung und Verdauung zu erleichtern, sind die Hörer in sechs Arbeitsgemeinschaften geteilt, die den Lehrstoff gemeinsam erarbeiten. Von 5 bis 6 Uhr ist Seminar, um ¾ 7 Uhr Nachtmahl; dann kann jeder tun, wonach sein Sinn steht. Jeder Hörer bat das Recht von Samstag bis Sonntag auf Urlaub zu gehen.
Die Liste der Lehrkräfte liest sich wie das „Who’s Who“ der österreichischen Sozialdemokratie – Friedrich Adler, Max Adler, Helene Bauer und Otto Bauer, Robert Danneberg, Julius Deutsch, Arnold Eisler, Matthias Eldersch, Richard Fränkel (Gemeinderat), Siegmund (Zsigmond)Kunfi (ein ungarischer Politiker im Exil), Otto Neurath, Edmund Palla (Kammer für Arbeiter und Angestellte), Oscar Pollak, Siegmund Rausnitz (Gemeinderat), Major Alexander Eifler, Karl Renner, Adolf Schärf, Viktor Stein, Josef Luitpold Stern und Max Winter.

© Der Kuckuck, 1930
Otto Bauer umringt von Studenten
Wen wundert es, dass nicht bloß die Idee, Menschen aus „einfachen Verhältnissen“ eine „höhere Bildung“ zukommen zu lassen, sondern vor allem die Zusammensetzung des Lehrkörpers die Gegner des Roten Wien in Rage versetzt. „Der eiserne Besen“, das Organ des 1919 gegründeten „Deutsch-Österreichischen Schutzvereins Antisemitenbund“, der Antisemiten aus dem deutschnationalen, dem nationalsozialistischen, aber auch dem katholisch-christlichsozialen Milieu vereint, konstatiert am 5. März 1926, dass beim Lehrpersonal „neben einigen wenigen Ariern also fast lauter Juden“ anzutreffen seien und auf zwei arische Schüler ein jüdischer Lehrer entfalle. Die berühmte Arbeiterhochschule ist demnach nichts anderes als eine ganz gewöhnliche Judenschule… Und die antisemitische Satirezeitschrift „Kikeriki“ mutmaßt am 31. Januar 1926, die Absolventen der Arbeiterhochschule würden wohl den Titel Dr. terr. h.c. (doctor terroris honorarii causa) erhalten.
Der sechsmonatige Lehrgang umfasst Kurse in Sozialpolitik und Arbeiterrecht, in Gewerberecht und Genossenschaftswesen, in Nationalökonomie und Rechtskunde, darüber hinaus ein volkswirtschaftliches und statistisches, ein journalistisches und ein rhetorisches Seminar.

© VGA
Josef Luitpold Stern
Viele der Absolventen werden nach 1945 führende Positionen in Politik und Gewerkschaft einnehmen – die Stadträtin Maria Jacobi, die Frauenvorsitzende Rosa Jochmann, der Wiener Bürgermeister und Bundespräsident Franz Jonas, der Minister und Gewerkschaftschef Karl Maisel, der Staatsekretär und spätere Leiter des Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums Franz Rauscher, der niederösterreichische Nationalratsabgeordnete Ernst Winkler sowie der burgenländische Landeshauptmann Hans Bögl.
In den schulfreien Monaten wird das Gebäude von befreundeten Bildungseinrichtungen genutzt. Im Herbst 1928 etwa findet in der Arbeiterhochschule ein vierwöchigen Spezialkurs für Funktionärinnen der Frauenorganisationen aus den verschiedenen Wiener Bezirken statt.
Infolge der Weltwirtschaftskrise und der prekären finanziellen Situation muss die Arbeiterhochschule bereits 1930 ihren Betrieb einstellen. Das in die Jahre gekommene Schlößchen wird von den Nationalsozialisten „arisiert“, übersteht den Zweiten Weltkrieg unbeschadet und wird 1945 der Kommunistischen Partei übergeben. Wegen „Gebäudeschäden“ wird es 1960 kurzerhand abgerissen.