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Aktuelle Seite: „Denn Menschenfleisch ist billig“
0148 | 12. APRIL 2024    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

„Denn Menschenfleisch ist billig“

Nach seiner aufsehen­erregenden Reportage über die Lage der Ziegelarbeiter am Wienerberg startet Victor Adler1889 in der Gleichheit eine neue Kampagne, die schließlich auch das Ende der Zeitschrift besiegeln wird.

Die ausbeuterischen Arbeits­bedingungen der Kutscher der Wiener Pferdetramway sind seit langem bekannt. Bereits 1885 erscheint die Schrift „Die weißen Sklaven der Wiener Tramway­gesellschaft" des katholischen Sozialreformers und späteren christlich-sozialen Politikers Rudolf Eichhorn, die die erheblichen Missstände im Detail benennt, allerdings vor antisemitischen Ausfällen nur so stotzt, etwa wenn die Rede von den „juden-liberal-kapitalis­tischen Wirthschaftslehren“, von der „Judenpresse“ oder den „jüdischen Häuptlin­gen“ der Tramwaygesellschaft die Rede ist.

„Zum Streik der Tramwaykutscher.“

Tatsächlich sind Arbeitszeiten von bis zu 19 Stunden, das Nichteinhalten der vorgeschriebenen Ruhezeiten, unbezahlte „Straftouren“ an freien Tagen für geringfügige „Vergehen“, wie z.B. verkehrs­bedingte Verspätungen, ebenso an der Tagesordnung wie willkürliche Suspendierungen und Entlassungen, alters­schwache und schlecht beschlagene Pferde sowie eine „Kranken-, Unterstützungs- und Sterbe-Kasse“, die gegen die Interessen ihrer Mitglieder agiert.

Die weißen Sklaven der Wiener Tramway-Gesellschaft beginnen sich endlich zu rühren.

Als 1889 noch schärfere Kontrollen eingeführt werden, treten die Bediensteten im April in einen Streik, bei dem sie von Victor Adler, der eben die Zeitung Gleichheit reaktiviert hat und auf dem Weg „in die Politik“ ist, publizistisch unterstützt werden. Der Streik verläuft alles andere als gewaltlos, das Unternehmen erhält den Betrieb dennoch unter militärischem Schutz aufrecht, berittene Polizei geht mit roher Gewalt gegen demonstrierende Arbeiter vor.

In der Gleichheit vom 12. April 1889 schreibt Victor Adler: Die Tramway-Gesellschaft hat bekanntlich zwei Gattungen von Bediensteten. Die einen haben eine Arbeitszeit von 16 bis 21 Stunden und ganz ungenügende Nahrung; die anderen arbeiten täglich 4 Stunden und werden reichlich genährt. Die Ersten sind die menschlichen Bediensteten, die Anderen sind die Pferde. Denn Menschenfleisch ist spottbillig in unserer Gesellschaft, Pferde aber kosten schweres Geld.

Konfisziert – und verboten

Die Behörden lassen die Ausgabe der Gleichheit, in der das Vorgehen der Polizei und des Militärs gegen die Tramway­kutscher öffentlich angeprangert werden, konfiszieren. Als das Blatt wenig später über eine Arbeiterdemonstration in Steyr und die Übertretungen des Gewerbe­gesetzes durch den dortigen Fabrikanten berichtet, wird es im Juni 1889 von der Wiener Polizeidirektion verboten. Die Gleichheit, die in den dreißig Monaten ihres Bestehens insgesamt 45 Mal beschlag­nahmt und um zahlreiche Artikel „erleichtert“ worden ist, stellt ihr Erscheinen schließlich am 14. Juni 1889 ein.

Victor Adler und der verantwortliche Redakteur Ludwig Bretschneider werden wegen des Artikels über den Streik der Wiener Tramway­kutscher angeklagt. Adler nimmt zu der Anklage wie immer sehr spitzfindig Stellung: Jeder ist in irgendeiner Weise entweder Lohnsklave oder aber wenigstens ein Sklave der Verhältnisse, in denen er lebt. Darum greifen wir nie den einzelnen an, solange dieser einzelne innerhalb der Grenzen seiner ihm aufgedrungenen Funktion sich bewegt. […] Wenn aber von irgendeiner Seite […] über das hinausgegangen wird, was die Situation erfordert, […] dann allerdings sind wir immer dagegen aufgetreten.

Im Arrest

Victor Adler wird „wegen Schmähung und Verspottung der Behörden" zu vier Monaten Arrest verurteilt, Bretschneider zu einer Geldbuße. Die Strafe wird Adler ausgerechnet kurz vor dem ersten Maiaufmarsch in Wien im Jahr 1890 antreten müssen – wohl in der Hoffnung, dass die Kundgebung ohne ihren Anführer nicht stattfinden würde.

Den streikenden Tramway­kutschern bringt ihre Aktion dennoch eine gewisse Verbesserung. Zunächst wird ihnen die Abschaffung der schikanösen Strafarbeit zugestanden, und als sich unter dem Druck der Öffentlichkeit auch der Gemeinderat mit dem Problem beschäftigt und der Tramway-Gesellschaft mit der Vertragsauflösung droht, gibt diese auch den Forderungen nach dem Zwölf-Stunden-Arbeitstag nach.

Victor Adler plant indes bereits den nächsten Coup: Am 12. Juli 1889  erscheint erstmals die Arbeiter-Zeitung, zunächst zweimal im Monat, dann wöchentlich, und ab 1. Januar 1895 besitzt die Österreichische Sozialdemokratie erstmals eine Tageszeitung.

„... recht fette Dividenden“

Victor Adler über die Lage der Ziegelarbeiter

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