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Aktuelle Seite: Der Arbeiter-Radiobund im Kampfe gegen die Ravag
0004 | 25. Januar 2021    Text: Lilli Bauer & Werner T. Bauer

Der Arbeiter-Radiobund im Kampfe gegen die RAVAG

Im Januar 1931 finden in mehreren Wiener Arbeiterheimen Massenproteste gegen die Radioverkehrs-AG (RAVAG)– Vorläufer des ORF –statt. Stein des Anstoßes ist die Ausrichtung des Programmes, in dem sich das Kapital, der Militarismus und nun auch der Klerikalismus […] dieses ungeheuren Volksbildungsmittels bemächtigt hat.

Der Streit schwelt schon seit Jahren. Die politische Tendenz der Radiosendungen kann man daran erkennen, was die Ravag bringt und was sie nicht bringt. Auf musikalischem Gebiet sind es vor allem die alten Militärmärsche, deren Aufführung eine bewußte Absicht verrät, ferner die sogenannte „volkstümliche Musik“, die den Alkohol verherrlicht und Erinnerungen an „selige alte Zeiten“ wecken will, kritisiert die Arbeiter-Zeitung bereits im Juli 1930.

Hallo, hallo, hier Radio Wien

Hallo, hallo, hier Radio Wien, ein jeder schmunzelt vor sich hin, ertönt der wohlbekannte Ruf, der vielen schon Vergnügen schuf…

Ob der Wiener Operettensänger und Komiker Fritz Imhoff schon beim Start der RAVAG am 1. Oktober 1924 mit dieser legendär gewordenen Signation auftrat, ist nicht verbürgt. Bekannt ist allerdings das Programm des ersten Sendetages: Festprogramm, von 4 – 6 Uhr nachmittags: Richard Wagner Konzert und ab 8 Uhr abends: Eröffnungskonzert, unter Mitwirkung namhafter Kunstkräfte.

 

Das provisorische Studio des Senders befindet sich im Dachgeschoss des Heeresministeriums am Stubenring. Aus den anfangs 11.000 Haushalten mit Empfangslizenz werden innerhalb weniger Monate 100.000 Rundfunkteilnehmer – bei einer monatlichen Gebühr von 2 Schilling, was einer heutigen Kaufkraft von etwa 7,60 Euro entspricht. 1926 übersiedelt der Sender in eine ehemalige Schule in der Johannesgasse 4a im 1. Bezirk.

Die Programminhalte von Radio Wien beschränken sich zunächst auf Bildung, „ernste Musik“ und Literatur.
Schon 1924 wird eine Radio-Volkshochschule ins Leben gerufen, im Sommer 1925 erstmals eine Opernaufführung von den Salzburger Festspielen übertragen, ab 1928 gibt es Sportübertragungen und bei den Nationalratswahlen 1930 – den letzten der Ersten Republik – sogar ein eigenes Wahlstudio. Hörfunkberichte über Politik sind jedoch eher die Ausnahme.

Militärmarsch oder Maiaufmarsch?

Die politischen Gegenspieler der Ersten Republik erkennen bald die Möglichkeiten des neuen Mediums. Während die Christlichsozialen im Kulturbereich religiöse Themen forcieren und ab 1933 auch eine „Geistliche Stunde“ und die Übertragung von Messfeiern erwirken, setzt die Sozialdemokratie auf politische Aufklärung und das propagandistische Potenzial des Radios.

Der Wandel der Technik hat dem Kapitalismus zu seinen alten Methoden geistiger Herrschaft, zu Kirche und Presse, neue Mittel der Massenbeeinflussung gegeben: das Kino und das Radio.
Robert Danneberg

Bereits im März 1924 gründen Sozialdemokraten den Verein „Freier Radiobund“, der im Herbst desselben Jahres bereits über 3.000 Mitglieder in 30 Ortsgruppen zählt.

Der Schwerpunkt der Vereinstätigkeit liegt zu Beginn im technisch-bastlerischen Bereich. Da Radioapparate noch recht kostspielig sind, gibt es Anleitungen, Kurse und Beratungen zum Selbstbau von erschwinglichen Empfangsgeräten. Der Verein unterhält zu diesem Zweck sogar eine eigene Verkaufsstelle im Gemeindebau am Margaretengürtel 122–124, dem heutigen Ernst-Hinterberger-Hof, an der "Ringstraße des Proletariats".
 

Der Arbeiter-Radiobund Österreichs

1927 wird der „Freie Radiobund“ in „Arbeiter-Radiobund Österreichs“ (ARABÖ) umbenannt. Seine Mitgliederzahl steigt rasant an und 1931 zählt der Verein bereits 18.000 Mitglieder.

Ein sozialistisches Programmkomitee soll „arbeiterspezifische Inhalte“ zusammenstellen.

Der ARABÖ, der mit Sitz und Stimme im Programmbeirat der RAVAG vertreten ist, erhält einmal wöchentlich eine Stunde Sendezeit für Vorträge über Arbeiter- und Angestelltenfragen; es gibt Übertragungen von Arbeiter-Symphoniekonzerten, Sendungen zum 1. Mai und zum „Tag der Republik“ am 12. November sowie ausführliche Berichte aus dem Bereich des Arbeitersports etwa anlässlich der Arbeiter-Olympiade 1931.

 

Der Ton wird schärfer…

Die ab 1929 zunehmend schärfer geführten politischen Auseinandersetzungen spiegeln sich auch in der Programmgestaltung wider.

Zu Beginn des Jahres 1931 veranstaltet der Arbeiter-Radiobund deshalb, gemeinsam mit dem Bühnenverein, dem Musikerverband, den Arbeiterabstinenten, den Freidenkern und dem Zentralverband der Arbeitermusikvereine mehrere Hörerversammlungen, um gegen die Vorgänge in den Ravag [sic!] entschieden zu protestieren. Beklagt wird vor allem, wie sich das Kapital, der Militarismus und nun auch der Klerikalismus dieser wichtigen Erfindung als gut gehendes Geschäft, als Beeinflussungsmittel der Reaktion, dieses ungeheuren Volksbildungsmittels bemächtigt habe. Kritisiert wird weiters, daß die Ravag immer mehr und mehr die Schallplatte in ihrem Programm aufnimmt, während Tausende und aber Tausende von Künstlern und Musikern der Arbeitslosigkeit preisgegeben sind,daß die Ravag Vorträge über die Antialkoholbewegung nicht zulasse und Vorträge von den Freidenkern verhindert habe.

„Freidenken“ verboten

Nach der Ausschaltung des Parlaments im Jahr 1933 wird der Widerstand der sozialdemokratischen Hörerschaft noch lauter. 66.000, das sind 13 Prozent aller Empfangsberechtigten, kündigen aus Protest gegen das immer stärker national und klerikal gefärbte Programm schließlich ihr Radioabonnement.

Nach dem Februarkämpfen des Jahres 1934 wird der ARABÖ, so wie alle anderen sozialdemokratischen Organisationen auch, von der Bundesregierung verboten.

Fuss ...