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Hauptfassade am Margaretengürtel, um 1926
Am 12. Juni 1925 wird der Metzleinstalerhof am Margaretengürtel eröffnet.
Der aus zwei sehr unterschiedlichen Bauteilen bestehende Metzleinstalerhof nimmt innerhalb der Gemeindebauten des Roten Wien eine Sonderstellung ein. Hier wird der Übergang vom privaten und kommerziellen zum gemeinwirtschaftlichen und sozialen Wohnungsbau sehr deutlich.
Der Metzleinstalerhof wird 1916, also noch während des Ersten Weltkriegs, vom Architekten Robert Kalesa als Mietshaus mit straßenseitig gelegenen Eingängen am Margaretengürtel geplant. Kriegsbedingt kann mit den Bauarbeiten des mittlerweile von der Stadt Wien übernommenen Projekts erst im Juni 1919 begonnen werden. Der erste Bauteil mit 101 Wohnungen wird im Winter 1920 eröffnet.
Kalesas gürtelseitig gelegener „Volkswohnbau“ besteht aus fünf Stiegenhäusern und ist noch weitgehend dem bürgerlichen Mietshaus der Jahrhundertwende verpflichtet – allerdings ohne Gangküchen, mit direkter Belichtung aller Räume und einem Kindergarten im Erdgeschoss.

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Kurz darauf beginnt das Architektenduo Heinrich Schmid und Hermann Aichinger mit der Errichtung des nahegelegenen Fuchsenfeldhofes, der im Frühjahr 1923 eröffnet wird und die erste geschlossene Hofanlage unter den großen Wohnbauten des Roten Wien darstellt.
1923 erhält Hubert Gessner – wie Schmid und Aichiger ein Schüler Otto Wagners – den Auftrag zur Erweiterung des Metzleinstalerhofs. Auch Gessner greift auf die traditionelle Form der geschlossenen Hofanlage zurück, architektonische Vorbilder sind etwa der barocke Heiligenkreuzer Hof, der Schottenhof oder das Freihaus auf der Wieden.
Während die Hauseingänge des ersten Bauteils an der Straßenseite liegen, verlegt Gessner den Zugang zu den acht Stiegenhäusern seines Neubaus in das Hofinnere. Der zweite Bauabschnitt zählt 143 Wohnungen. Gessner nimmt Kalesas Fassadengliederung auf und variiert dessen in Putz ausgeführte Ornamente in Form von farbigen Majolikareliefs an Fenstern und Fassaden.
Der Metzleinstalerhof teilt sich mit der Siedlung auf der Schmelz das Prädikat „erster Gemeindebau“ und, aufgrund seiner Anlage, mit dem Fuchsenfeldhof auch jenes, der Prototyp der späteren monumentalen „Volkswohnungspaläste“ zu sein.
Bürgermeister Karl Seitz erklärt 1924: Jetzt kommt die neue Bauperiode, in der wir nicht mehr kleine Einzelhäuser bauen mit kleinen Höfen, sondern große Anlagen mit Gemeinschaftswohnungen, in denen Menschen in Massen zusammen leben [...]. Wir wollen unsere Jugend nicht zu Individualisten, zu Einzelgängern erziehen, sie sollen in Geselligkeit aufwachsen und zu Gemeinschaftsmenschen erzogen werden.

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Im Unterschied zum Fuchsenfeldhof, wo die von der Küche abgetrennten Spülen gleichzeitig den Vorraum zu den Toiletten bilden, findet sich beim Metzleinsthalerhof bereits der für die späteren Gemeindebauten verbindliche Wohnungsgrundriss, bei dem alle Räume vom Vorzimmer aus zugänglich sind.
Zu jeder Wohnung gehört ein Klopfbalkon, der vom Vorzimmer aus direkt zugänglich ist.
Mit Hubert Gessners Zubau verfügt der Metzleinstalerhof nun über 244 Wohnungen, die „allen neuzeitlichen Forderungen, die eine Wohnkultur stellt“ entsprechen. „Sämtliche Wohnräume sind direkt belichtet“, die Schaffung enger Lichthöfe wird komplett vermieden. Jede Küche der Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen ist als Wohnküche gedacht und verfügt über eine eigene Kochnische, in der „ein zweiflammiger Gasherd mit Bratrohr und Vorwärmer und eine zweiteilige Abwasch mit direktem Wasserzu- und -ablauf untergebracht ist.“
Der Metzleinstalerhof ist mit einer Badeanstalt, einer Zentralwäscherei, einem Kindergarten und Hort, einer Tuberkulose-Fürsorgestelle sowie einer Lehrlingswerkstätte ausgestattet. Der repräsentative Eingang des Gessnerschen Bauteils liegt nun an der Siebenbrunnenfeldgasse, flankiert von der prächtigen Arbeiterbücherei und mehreren Geschäftslokalen.

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Siebenbrunnenfeldgasse 13-15
Am Margaretengürtel 94 befindet sich während der Ersten Republik auch ein Lokal des Österreichischen Freidenkerbundes, der sich unter der antiklerikal eingestellten Arbeiterschaft großen Zulaufs erfreut.
Der Metzleinstalerhof, der nach dem bereits 1305 erwähnten Flurnamen „Metzleinstal“ benannt ist, aus dem später „Matzleinsdorf“ wurde, wird in den Jahren 1993 bis 1996 einer Generalsanierung unterzogen.
Der Waschsalon Karl-Marx-Hof beschäftigte sich in zwei Sonderausstellungen mit dem Metzleinstalerhof: 2011/12 anlässlich einer Ausstellung über den Architekten Hubert Gessner und 2015 im Rahmen der Ausstellung über die „Ringstraße des Proletariats“.
Literatur: Hans und Rudolf Hautmann, Die Gemeindebauten des Roten Wien 1919–1934, 1980; Metzleinstalerhof, erbaut von der Gemeinde Wien in den Jahren 1923-1924, Festbroschüre; Inge Podbrecky, Rotes Wien, 2003; Helmut Weihsmann, Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919–1934, 1985/2002; Walter Zednicek, Architektur des Roten Wien, 2009; Markus Kristan, Hubert Gessner. Architekt zwischen Kaiserreich und Sozialdemokratie 1871-1943, 2011.