
© Ingo Pertramer
Büste Jakob Reumanns aus den Beständen des Wien Museums im Waschsalon Karl-Marx-Hof
Am 29. Juli 1925 stirbt der erste Bürgermeister des Roten Wien Jakob Reumann.
In der von bildungs- und großbürgerlichen Intellektuellen geprägten Führungselite der Wiener Sozialdemokratie sind Jakob Reumann und Franz Schuhmeier die ersten Vertreter der „unteren Klasse“, die durch persönlichen Fleiß und Engagement in wichtige Positionen aufsteigen können.
Der 1853 in Wien geborene Reumann wächst als unehelicher Sohn einer aus Mödling stammenden Hilfsarbeiterin in recht ärmlichen Verhältnissen auf. In einer Meerschaumpfeifenfabrik erlernt er das Drechslerhandwerk. Bereits als Geselle gründet Reumann die erste Gewerkschaft dieser Sparte, den Fachverband der Drechsler, wird deren Obmann und leitender Redakteur des kleinen Verbandsblattes.
So wie viele gewerkschaftlich engagierte Arbeiter verliert auch Jakob Reumann seine Anstellung und wird auf die berüchtigte „schwarze Liste“ der Unternehmer gesetzt. Er versucht sein Glück in München, doch Parteichef Victor Adler erkennt sein politisches Talent und holt ihn nach Wien zurück, wo er rasch Karriere macht. Am Hainfelder Parteitag zum Jahreswechsel 1888/89 wird Reumann zum ersten Sekretär der neu gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei gewählt.
Jakob Reumann und Franz Schuhmeier sind die ersten führenden Sozialdemokraten, die die Bedeutung der Kommunalpolitik für die Sozialdemokratie nicht nur erkennen, sondern auch mit Leben und Inhalt erfüllen.
Das am 2. Februar 1896 als Aufmacher der Arbeiter-Zeitung veröffentlichte sozialdemokratische Kommunalprogramm geht auf ihre Initiative zurück.

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Unter der Schlagzeile „Was die Sozialdemokraten von der Kommune fordern!“ heißt es da so zukunftsweisend wie visionär: Eine den Forderungen der Wissenschaft gemäße Bauordnung und Wohnungsordnung hat den Bau gesunder Wohnhäuser zu fördern und die Vermiethung [sic!] sanitätswidriger Wohnungen zu hindern. […] Die Kommune hat ihr Grundeigenthumdurch Erwerbung noch unverbauter Grundstücke in großem Maßstabe zu vermehren und darauf systematisch Häuser mit billigen Wohnungen zu errichten.
Gefordert werden weiters die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts, eine staatliche Altersversicherung, die Errichtung eines städtischen Gesundheitsamtes, die Übernahme der Kinderpflege, des Rettungswesens, der Badeanstalten und der Leichenbestattung, aber auch des öffentlichen Transportwesens, der Straßen- und Kanalreinigung und der öffentlichen Beleuchtung in städtische Obsorge. Außerdem die Begrenzung der Schülerzahlen pro Klasse auf 30, die Unentgeltlichkeit des Unterrichts, der Lehrmittel und Schulbücher sowie die Einrichtung von „Schultafeln“ auf Gemeindekosten. Eine Revolution bahnt sich an!
Es ist nur folgerichtig, dass im Jahr 1900 Jakob Reumann im Wahlkreis Favoriten und Franz Schuhmeier in Ottakring als erste Sozialdemokraten in den Wiener Gemeinderat einziehen.
Am Verbandstag der Arbeiter-Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft stellt Reumann 1904 den Antrag, eine Kommission einzusetzen, die die Gründung einer Großeinkaufsgesellschaft für die Konsumvereine Österreichs vorbereiten solle. Schon im Jahr darauf wird die „Großeinkaufsgesellschaft österreichischer Consumvereine“, kurz GÖC, gegründet, die zunächst einmal den kapitalschwachen Konsumverein Vorwärts und die wenig später gegründeten Hammerbrotwerke unterstützen soll.
Nach der Einführung des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts ist Jakob Reumann ab 1907 auch Abgeordneter zum österreichischen Reichsrat, wo er sich v.a. mit Fragen der Kranken- und Unfallversicherung, der Arbeitslosenfürsorge und der Lebensmittelversorgung befasst. Als die christlichsoziale Stadtverwaltung gegen Ende des Ersten Weltkriegs angesichts der katastrophalen Versorgungslage eine breitere politische Basis sucht, ernennt sie Jakob Reumann 1917 zum ersten sozialdemokratischen Stadtrat von Wien. Nach Ausrufung der Republik übernimmt Reumann den Vorsitz im provisorischen Gemeinderat und wird einer von drei Vizebürgermeistern.

Nach dem triumphalen und in diesem Ausmaß von niemandem erwarteten Wahlsieg der Sozialdemokraten bei der Gemeinderatswahl am 4. Mai 1919 wird Jakob Reumann zum ersten sozialdemokratischen Bürgermeister Wiens und auch zum ersten sozialdemokratischen Stadtoberhaupt einer Millionenmetropole weltweit gewählt.
In seiner Antrittsrede erklärt Reumann sein Programm: Dem politischen Umsturz muß die soziale Umwälzung folgen. […] Der schweren Verantwortung, die wir tragen, bewußt, sorgfältig prüfend und wägend, aber auch freudigen Herzens wollen wir das große Werk beginnen, das die Gemeinde zur Herrin von Grund und Boden machen, allen Bewohnern ein entsprechendes Heim schaffen, den Verkehr ausgestalten und der Stadt den entscheidenden Einfluß auf die Versorgung der Bevölkerung mit den wichtigsten Lebensmitteln bringen soll. Und er schließt mit folgenden Worten: Es ist nicht meine Absicht, trügerische Hoffnungen zu wecken.
In Reumanns Amtszeit werden die Grundlagen des Roten Wien gelegt – der Beginn des kommunalen Wohnbaus, die Reform des Gesundheits- und Fürsorgesystems, die Einleitung der großen Schulreformen und die ersten Schritte zur Schaffung von neuen Grünanlagen und modernen Freizeiteinrichtungen. In Hugo Breitner (Finanzen), Julius Tandler (Gesundheit und Soziales) und Karl Hartl (Verwaltungsreform) findet Jakob Reumann auch die richtigen Persönlichkeiten zur Erfüllung dieser großen Aufgaben.
Durch das am 10. November 1920 in Kraft getretene Bundesverfassungsgesetz wird Wien neben seiner Funktion als Stadtgemeinde zum eigenständigen Bundesland. Doch noch gilt es, die Trennungsmodalitäten, die Aufteilung von Gebäuden und Liegenschaften zu regeln. Das mit Niederösterreich verhandelte sogenannte Trennungsgesetz tritt schließlich am 1. Januar 1922 in Kraft.
Nach dem Ende der kurzlebigen „großen Koalition“ auf Bundesebene verschärft die rechtskonservative Regierung ihre Angriffe auf das Rote Wien. Auch Reumann gerät mehrmals mit dem Bund in Konflikt.

Anlässlich der Uraufführung von Arthur Schnitzlers skandalträchtigem Theaterstück „Reigen“ im Volkstheater am 1. Februar 1921 „ersucht“ der christlichsoziale Innenminister den Wiener Bürgermeister, die bereits erteilte Aufführungsbewilligung nochmals „zu überprüfen“. Als sich Reumann weigert, die Aufführung zu verbieten, wird er von der Bundesregierung beim Verfassungsgerichtshof angeklagt – letzten Endes erfolglos, da das „Ersuchen“ keine rechtlich verbindliche Weisung dargestellt habe.
Nur ein Jahr später findet ein zweites Verfahren gegen Reumann statt. Dieses Mal geht es um die Inbetriebnahme des nach einem Entwurf von Clemens Holzmeister errichteten Krematoriums in Simmering. Die katholische Kirche und die Christlichsoziale Partei laufen von Beginn an Sturm gegen das Projekt. Die Feuerbestattung, so ihre Argumentation, sei zutiefst unchristlich, da sie die Auferstehung verhindere, wohingegen die Erdbestattung denGedankeneinesschlafähnlichenTodesundmithindieErwartungderAuferweckung,derAuferstehungamJüngstenTageingibt.
Über die Vorteile der Einäscherung gegenüber dem Verfaulungsprozeß in der Erde herrscht nach dem Stande der modernen Wissenschaft in hygienischer und sanitärer Beziehung keine Meinungsverschiedenheit.Jakob Reumann, 1922
Die Christlichsozialen beißen sich die Zähne aus: Die Simmeringer Feuerhalle wird am 17. Dezember 1922 als erstes Krematorium des Landes durch Bürgermeister Jakob Reumann feierlich eröffnet – und das, obwohl ein vom christlichsozialen Sozialminister Richard Schmitz eingebrachter Antrag dies noch in letzter Minute verhindern soll.
Auch hier bringt die Bundesregierung eine Klage gegen Reumann beim Verfassungsgerichtshof ein, durch einen Beharrungsbeschluss des Wiener Gemeinderates bleibt das Krematorium jedoch in Betrieb, und am 17. Januar des folgenden Jahres findet die erste Einäscherung in Gegenwart der Stadtregierung statt.
1924 wird der Disput vom VfGH zur allgemeinen Überraschung zugunsten der Gemeinde Wien entschieden. Bald folgen weitere Arbeiter-Hochburgen dem Beispiel der Bundeshauptstadt: 1927 Steyr, 1929 Linz, 1931 Salzburg und 1932 Graz.

Im November 1923 – Jakob Reumann steht im 70sten Lebensjahr – übergibt er, gesundheitlich angeschlagen, das Bürgermeisteramt an Karl Seitz. Auf der Rückreise von einem Kuraufenthalt in Kärnten im Juli 1925 ereilt ihn der Tod. Jakob Reumann, wird – nur wenige Jahre, nachdem er deren Errichtung durchgesetzt hatte – in der Feuerhalle eingeäschert. Sein monumentales Urnengrab befindet sich in der Mitte des Vorplatzes der Anlage.
Wenige Wochen nach seinem Tod wird der „Bürgerplatz“ im Arbeiterbezirk Favoriten in Reumannplatz umbenannt. Die in den Jahren 1924 bis 1926 nach Plänen von Hubert Gessner errichtete monumentale Wohnhausanlage am Margaretengürtel 100-110 erhält den Namen Reumannhof. Im Ehrenhof der Anlage wird eine Reumannbüste von Franz Seifert aufgestellt; eine weitere Büste desselben Künstlers findet sich am Republikdenkmal am Dr.-Karl-Renner-Ring. An den ersten sozialdemokratischen Bürgermeister Wiens erinnert außerdem noch die Reumannstraße im 19. Bezirk.
Literatur: Felix Czeike, Wien und seine Bürgermeister, 1974;Andreas P. Pittler, Jakob Reumann, 2011.