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Aktuelle Seite: Der „Fanatiker der Parteieinheit“
0072 | 24. JUNI 2022    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Der „Fanatiker der Parteieinheit“


Victor Adler kommt am 24. Juni 1852 als Sohn einer deutsch-jüdischen Familie in Prag zur Welt. Die Familie übersiedelt nach Wien, wo Victors Vater im Handel und an der Börse ein beträchtliches Vermögen erwirbt.

Schon der junge Victor Adler versammelt eine Reihe von Freunden und Bekannten, die sich regelmäßig im Haus der Familie in Oberdöbling trifft – der „Adlerhorst“. Dem Kreis gehören unter anderem der Mediziner Max von Frey, der 1885 einen Vorläufer der heutigen Herz-Lungen-Maschine entwickeln sollte, und sein Kollege Max von Gruber an, einer der Begründer der modernen Hygiene, später ein strammer Deutschnationaler, weiters die Anwälte Julius Adler und Serafin Bondi, sein Freund aus Schulzeiten Engelbert Pernerstorfer, sowie die Brüder von Adlers späterer Frau Emma, die künftigen SPD-Politiker Heinrich und Adolf Braun.

Jüdisch, deutschnational...

Einigendes Band dieser bunten Truppe sind die Ideale der gescheiterten Revolution des Jahres 1848 und die deutschnationale Gesinnung – die bei Adler in seiner Herkunft begründet ist, verstanden sich die meisten Prager Juden doch als Vertreter des Deutschtums gegenüber dem erwachenden slawischen Nationalismus –, sowie eine beinahe fanatische Richard Wagner- und Friedrich Nietzsche-Verehrung.

Stete Gesprächsthemen sind neben Philosophie und Kunst auch soziale Fragen. Adler lässt sich in dem von seinem Vater geerbten Haus in der Berggasse 19 als Arzt nieder, dem sonntäglichen Kreis gehören nun auch junge Künstler und Intellektuelle wie Gustav Mahler, Hugo Wolf und Hermann Bahr an. Nach dem Verkauf des Hauses wird Sigmund Freud 1891 in dem an dieser Adresse neu errichteten Haus einziehen.

1878 lernt Victor Emma Braun (1858–1935) kennen, noch im selben Jahr heirateten die beiden. 1879 kommt Sohn Friedrich Adler zur Welt.

Victor Adler und Engelbert Pernerstorfer sind nicht nur Mitglieder der deutschnationalen Studentenverbindung Arminia Wien; Adler verfasst 1882 auch den sozialpolitischen Teil des Linzer Programms der Deutschnationalen und Pernerstorfer legt ein Organisationskonzept für die Entwicklung einer deutschnationalen Massenpartei vor, das bei der Einigung der österreichischen Sozialdemokratie eine wichtige Rolle spielen wird.

... und sozial

Gute Menschen, aber schlechte Musikanten. Ein Mann von großer agitatorischer Begabung könnte hier Wunder tun …

Adlers Arztpraxis ist gut besucht, aber wenig einträglich. Bald spricht es sich herum, dass „der Doktor Adler“ mittellose Patienten gratis behandelt und, wo nötig, auch noch mit Medikamenten versorgt. Der Antisemitismus der Deutschnationalen und die persönliche Konfrontation mit dem Arbeiterelend führen Adler schließlich zum Sozialismus.

Er schließt Bekanntschaft mit den heimischen Arbeiterführern und bewirbt sich, allerdings vergebens, um eine Stelle als medizinischer Fabrikinspektor.

Während einer Reise, die Adler nach Deutschland, in die Schweiz und nach England führt, lernt er unter anderem Friedrich EngelsAugust Bebel und Wilhelm Liebknecht kennen. Mit Engels und Bebel wird ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden. Gleichzeitig ist diese Reise Ansporn, sich intensiver mit sozialdemokratischen Ideen und den sozialen Existenzbedingungen der Arbeiterschaft auseinanderzusetzen.

Als zu Beginn der 1880er Jahre in Folge einer Serie anarchistischer Anschläge der Ausnahmezustand über Wien und Teile Niederösterreichs verhängt wird, schließt sich Adler endgültig der Arbeiterbewegung an. In der durch behördliche Repressionen und Fraktionskämpfe zerrütteten Arbeiterbewegung stößt Adler als bürgerlicher Intellektueller zunächst jedoch auf Misstrauen.

Die Lage der Ziegelarbeiter

Die Sträflinge in Sibirien sind besser versorgt als diese Leute, die das Verbrechen begehen, die fetten Dividenden für die Aktionäre der Gesellschaft zu erzeugen. Gleichheit, 1.12.1888

Ende 1886 steigt Victor Adler ins Zeitungsgeschäft ein und investiert hier einen Teil seines ererbten Vermögens. Die Gleichheit, eine ursprünglich 1870 in Wiener Neustadt gegründete Wochenzeitung, versteht sich als überfraktionell und ist einer Tageszeitung bereits sehr ähnlich. Der Kreis der Autoren und Autorinnen kann sich sehen lassen – Hermann Bahr, Friedrich Engels, Klara Zetkin, August Bebel, Eduard Bernstein, Wilhelm Liebknecht und die Brüder Scheu. Im Dezember 1888 erscheinen Victor Adlers aufsehenerregende Berichte über „Die Lage der Ziegelarbeiter“, eine investigative Sozialreportage über die brutale Ausbeutung der zumeist tschechischen Arbeiter und deren Familien.

Der Einiger

Auf dem Hainfelder Parteitag, der zum Jahreswechsel 1888/89 stattfindet, gelingt es dem Außenseiter, die Richtungskämpfe der frühen Arbeiterorganisationen zu überwinden und die unterschiedlichen, teils zutiefst verfeindeten sozialdemokratischen Gruppierungen – Gewerkschaften und Genossenschaften, „Radikale“ und „Gemäßigte“ – zu einen. Die „Prinzipen-Erklärung“, also das neue Parteiprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs (SDAP), wird am 5. Januar 1889 in der Gleichheit veröffentlicht. Sie beginnt mit den Worten: Die sozialdemokratische Arbeiterpartei in Österreich erstrebt für das gesamte Volk ohne Unterschied der Nation, der Rasse und des Geschlechtes die Beseitigung aus den Fesseln der ökonomischen Anhängigkeit, die Befreiung der politischen Rechtlosigkeit und die Erhebung aus der geistigen Verkümmerung.

Die Gleichheit wird in den 30 Monaten ihres Bestehens insgesamt 45 Mal beschlagnahmt und muss infolge der Arbeiterunruhen in Steyr und der daraus resultierenden Ausnahmegesetze ihr Erscheinen am 14. Juni 1889 einstellen. Adlers politische Tätigkeit bringt ihm zwischen 1887 und 1900 17 Anklagen und insgesamt neun Monate Arrest ein.

Der Herausgeber

Nach dem Verbot der Gleichheit gründet Victor Adler die Arbeiter-Zeitung, die erstmals am 12. Juli 1889 erscheint – zunächst vierzehntägig, ab 18. Oktober 1889 als Wochenzeitschrift. Im Juni 1891 schreibt Adler mit sichtlichem Stolz an Engels, dass man von einer Sekte oder einer Horde Radaumacher zu einer politischen Partei avanciert sei. In letzter Zeit sucht man uns von allen Seiten zu schmeicheln.

Ab dem 1. Januar 1895 besitzt die österreichische Sozialdemokratie endlich ihr eigenes Tagblatt. Die letzten Finanzierungsprobleme werden durch Vermittlung Friedrich Engels' gelöst.

Sein wichtigstes politisches Ziel, das allgemeine Wahlrecht für Männer, erreicht Adler nicht durch Streiks oder Drohungen, sondern durch geschickte Verhandlungen und als Vermittler zwischen den im Reichsrat vertretenen Parteien und der Regierung unter Minister­präsident Max von Beck. Nach den ersten allgemeinen Wahlen für Männer ziehen die Sozialdemokraten 1907 mit 87 von 516 Mandaten als stärkste Partei in den Reichsrat ein.

Für den aufkommenden Nationalismus, der auch die Sozialdemokratie erfasst, besitzt Adler hingegen kein Sensorium. Als es 1910/11 zur Abspaltung der Tschechoslowakischen Sozialdemokratie kommt, reagiert Adler verständnislos und zieht sich, auch körperlich geschwächt, zusehends von der Parteileitung zurück.

Despotismus, gemildert durch Schlamperei

Der Sprachwitz und der Sarkasmus des „Übervaters“ Adler sind berühmt und berüchtigt. Dem Habsburger­reich etwa bescheinigt er Despotismus, gemildert durch Schlamperei. Bisweilen schlägt er auch ins Abgründige um, etwa, wenn er Rosa Luxemburg und Clara Zetkin „hysterischen Materialismus“ attestiert. Gegen alles Hypothetische oder rein Theoretische hegt er eine tiefe Abneigung. Theorie interessiert ihn nur in dem Maße, in dem sie für den täglichen Kampf der Arbeiterklasse anwendbar scheint. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Victor Adler kein theoretisches Werk hinterlassen hat. Er sei, wie er an Karl Kautsky schreibt, ein ganz brauchbarer Colporteur fremder Ideen. Sich selbst und seinen Freund Engels bezeichnet er einmal als Hofräte der Revolution.

Fatale Fehleinschätzungen

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs begehen Partei und Arbeiter-Zeitung ihren historischen „Sündenfall“. Am 5. August 1914 erscheint der unsägliche Leitartikel zum „Tag der deutschen Nation“, in dem Chefredakteur Friedrich Austerlitz die Zustimmung der deutschen Sozialdemokraten zu den Kriegskrediten überschwänglich begrüßt:

Diesen Tag des vierten August werden wir nicht vergessen. Wie immer die eisernen Würfel fallen mögen – und mit der heißesten Inbrunst unseres Herzens hoffen wir, daß sie siegreich fallen werden für die heilige Sache des deutschen Volkes […] nie hat eine Partei größer und erhebender gehandelt als diese deutsche Sozialdemokratie…

Ohne Vorbehalt, attestiert Otto Bauer der sozialdemokratischen Führung in seinem 1923 erschienenen Werk „Die österreichische Revolution“, stellte siesich auf die Seite der Mittelmächte. Im Parteivorstand führt der Artikel zu erregten Debatten zwischen den „Deutschnationalen“ um Victor Adler und Friedrich Austerlitz, die die Existenz des deutschen Volkes angesichts der russischen Bedrohung in größter Gefahr sehen, und den „Parteilinken“ um Friedrich Adler, Karl Seitz und Wilhelm Ellenbogen, die die „Burgfriedens­politik“ heftig kritisieren.

Victor Adler beugt sich dem scheinbar Unausweichlichen: Für diesen Staat haben wir nicht viel übrig, aber für die Menschen, die in diesem Staat leben [...] Österreich ist schlimm, aber gegen ein definitives Rußland wollen wir es nicht austauschen.

Auf die Kritiker aus den eigenen Reihen reagiert Adler mit gewohnter Ironie: Man müsste die Linksopposition, wenn man sie nicht bereits hätte, eigens erfinden: Nur würde man sie um eine Nuance gescheiter und anständiger erfinden. Als sein eigener Sohn Friedrich am 21. Oktober 1916 aus Protest gegen die Kriegsdiktatur den Ministerpräsidenten Karl Stürgkh erschießt, schreibt der zutiefst erschütterte Vater diese Tat dem beinahe pathologischen Idealismus seines Sohnes zu.

Der Verhandler

Adlers Tat, so Otto Bauer 1923, war ein Wendepunkt in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Die Partei distanziert sich zwar von dem politischen Attentat, doch von den meisten Arbeitern wird die Tat mit Sturm, mit Begeisterung aufgenommen. In völliger Verkennung der dahinterstehenden Finte reagiert Victor Adler positiv auf das Friedensangebot der Mittelmächte vom Dezember 1916.

Man wolle einen baldigen Frieden, in dem kein Staat gedemütigt werde, aber keinen Friedensschluss, der die Keime eines zukünftigen Krieges in sich trage. Und auf der sozialistischen Friedens­konferenz, die im Juni 1917 in Stockholm stattfindet, fordert Adler eine Beendigung des Krieges auf Grundlage eines Verständigungsfriedens.

Der Zimmerwalder Bewegung, die den Krieg von Anbeginn an als einen „Krieg der Kapitalisten“ bezeichnet, steht Victor Adler bis zuletzt ablehnend gegenüber. Seine Verdienste machen es allerdings nahezu unmöglich, Kritik an ihm zu üben.

Die Partei leidet ungeheuer unter den guten Eigenschaften Viktor [sic!] Adlers, schreibt Therese Schlesinger. So gelingt es ihm, den linken Flügel der Partei mit Otto Bauer als seinem Stellvertreter und designierten Nachfolger einzubinden und somit, im Gegensatz zu Deutschland, die Einheit der Partei zu bewahren.

Victor Adler hält bis zum bitteren Ende an der Fiktion einer Demokratisierung der Habsburgermonarchie und an der Schaffung eines Nationalitäten­bundesstaates fest. Das am 20. Januar 1918 im Wiener Eisenbahnerheim beschlossene „Nationalitätenprogramm der Linken“ zielt allerdings bereits auf die Auflösung der Monarchie in selbstständige Nationalstaaten und auf eine Vereinigung der deutschsprachigen Gebiete mit dem Deutschen Reich ab.

Der bereits schwer herzkranke Victor Adler wird in der am 30. Oktober 1918 bestellten Staatsregierung Renner I Staatssekretär des Äußeren. Er stirbt am 11. November 1918, einen Tag vor Ausrufung der Republik.
 

 

Literatur
Julius Braunthal (1965): Victor und Friedrich Adler. Zwei Generationen Arbeiterbewegung.
Wolfgang Maderthaner / Siegfried Mattl (1991): Viktor Adler. In: Walter Euchner [Hrsg.]: Klassiker des Sozialismus. Band 1.
Lucian O. Meysels (1997): Victor Adler. Die Biographie. 
Emma Adler [Hrsg.] (1968): Victor Adler im Spiegel seiner Zeitgenossen.
Links
Victor Adler-Gedenkraum
Victor Adler Verlag

Sonderausstellung im Waschsalon Karl-Marx-Hof 2014/15

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