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Aktuelle Seite: Der Feind steht links.
0135 | 16. DEZEMBER 2023    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Der Feind steht links.


Kurz nach seiner nicht ganz freiwilligen Rückkehr ins New Yorker Exil schreibt Otto Leichter einen Brief an Hilde Krones, der sie allerdings nicht mehr erreichen wird: 26. November 1948. Liebe Hilde, ich habe schon seit mehreren Ewigkeiten nichts von Dir gehört und das ist der Hauptgrund, warum ich Dir nicht geschrieben habe, obwohl kaum ein Tag vergeht, an dem ich mir nicht Deinetwegen Sorgen machte [...].

Die am29. Juni 1910 in kleinen Verhältnissen geborene HildeHandl wird schon in jungen Jahren Mitglied der Sozia­listischen Arbeiterjugend und der Naturfreunde – vielleicht auch, weil einer ihrer Jugendfreunde Paul Schärf, der Neffe des späteren sozialdemokratischen Bundespräsidenten Adolf Schärf, ist.

Und sie beweist außer­ordentlichen Mut. Nach den Februarkämpfen 1934 engagiert sie sich bei den illegalen Revolutionären Sozialisten und wird Mitarbeiterin der Untergrundzeitschrift „Die Wahrheit“. Später zweigt sie als Angestellte einer Firma, die von der deutschen Bayer I.G. Farbenindustrie übernommen worden ist, Medikamente ab, zu denen sie Zugriff hat.

Neubeginn

Bei Kriegsende gehört die mittlerweile verheiratete Hilde Krones neben Felix SlavikJosef Afritsch und Heinrich Hackenberg zu jener Gruppe der Revolutionären Sozialisten, die im Wiener Rathaus Kontakt zu führenden Funktionären der 1934 verbotenen Sozial­demokratie, unter ihnen Adolf Schärf, Theodor Körner, Paul Speiser und Karl Honay, aufnehmen.

Als am 14. April 1945 im Roten Salon des Rathauses die neue SPÖ mit dem Zusatz „Sozialdemokraten und Revolutionäre Sozialisten“ gegründet und der provisorische Parteivorstand paritätisch besetzt wird, vertreten Josef Afritsch, Josef Pfeffer, Hilde Krones, Felix Slavik und Gabriele Proft die Revolutionären Sozialisten, Adolf Schärf, Heinrich Schneidmadl, Theodor Körner und Paul Speiser die Sozialdemokraten.

Dass mit Erwin Scharf ein „couragierter“ und auf taktische Erwägungen wenig Rücksicht nehmender junger Linker zum Zentralsekretär der Partei ernannt wird, ist nicht weiter ungewöhnlich.  Die „Organisationsaufgaben“ der Partei werden gerne mit „Jungen“ besetzt, während die „öffentlichen Ämter“ eher der älteren Generation vorbehalten bleiben.

Im Herbst 1945 ziehen neben Rosa Jochmann, Ferdinanda Flossmann, Wilhelmine Moik, Marianne Pollak und Paula Wallisch auch Gabriele Proft und Hilde Krones in den National­rat ein. Die beiden letzteren gehören auch zu den ersten Mitgliedern des wiedereingerichteten sozialistischen Frauenkomitees.

Zwei feindliche Lager

Die Parteilinken organisieren öffentliche Diskussions­veranstaltungen, z.B. im Döblinger Arbeiterheim, bei denen Karl Mark als Diskussionsleiter fungiert; regelmäßige Teilnehmer sind etwa das Ehepaar Krones, Erwin Scharf und Alfred Migsch.

In der politischen Praxis zeigt sich bald, dass die Vergangenheit der „Linken“ und der „Rechten“ innerhalb der Partei, insbesondere in der Zeit des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus, entscheidend für ihre Positionierungen nach 1945 ist. Während die einen bereits vor 1934 zu den linken Kritikern Otto Bauers gehörten und sich nach 1934 als Widerstandskämpfer gegen das austrofaschistische Regime bei den „Revolutionären Sozialisten“ wiederfanden, begaben sich die meisten anderen in die „innere Emigration“ – in sich homogen sind beide Gruppen allerdings nicht.

Dennoch werden die ideologischen Gräben zwischen den beiden Lagern in den ersten Nachkriegsjahren immer offensichtlicher, etwa wenn es um die Aktualität des „Klassenkampfes“, die Haltung zum Sowjetkommunismus, die mögliche Zusammenarbeit mit der KPÖ und die tatsächliche mit der ÖVP geht oder um die Rückholung der zwischen 1934 und 1938 emigrierten Sozialdemokraten – aber ebenso bei relativ banalen Fragen der Personal­politik. Besonders schwierig gestalten sich die Diskussionen bei der Auseinandersetzung mit dem auch in der Partei vorhandenen latenten Antisemitismus und die Entnazifizierungs­problematik.  

Am Parteitag 1946 erklärt Erwin Scharf: Wir österreichischen Sozialisten haben ein Vermächtnis zu erfüllen. Es ist das Vermächtnis des integralen Sozialismus, das uns Otto Bauer hinterlassen hat. Gemeint ist der im Linzer Programm von 1926 beschriebene demokratische Weg zum Sozialismus, den die Linken gemeinsam beschreiten sollten, eine Synthese aus revolutionär gewordenem sozialdemo­kratischem Reformismus und demokratisch gewordenem revolutionären Bolschewismus.

Dem steht die große Mehrheit jener entgegen, die dort anschließen wollen, wo sie 1934 unterbrochen worden waren und deren antikommunistische Haltung sich im beginnenden kalten Krieg noch verhärtet hat. Viele Exilanten werden daher einer „linksradikalen Gesinnung“ verdächtigt, weshalb wenig Interesse an ihrer Rückholung besteht. „Im Augenblick sieht es für Eure Rückkehr nicht vielversprechend aus“, schreibt etwa Karl Renner an Karl Hans Sailer.

Der Konflikt verschärft sich

Im Herbst 1946 wird der prononciert linke „Informations­dienst“, in dem Franz Krones eine wichtige Rolle spielt, eingestellt und durch den „SPÖ-Vertrauensmann“ ersetzt. Die Links­sozialisten verlieren damit ihr wichtigstes propagandistisches Medium.

1947 ist Hilde Krones gemeinsam mit Karl Mark und Erwin Scharf an der Gründung des „Kämpfer“, dem Blatt des Bundes sozialdemokratischer Freiheitskämpfer, Opfer des Faschismus und aktiver Antifaschisten, beteiligt. Der latente Konflikt zwischen den Parteilinken – Erwin Scharf, Franz und Hilde Krones sowie Karl Mark – und den Großkoalitio­nären innerhalb der SPÖ – Männer wie Karl Renner, Adolf Schärf und Oskar Helmer –, die sich bereits während der Ersten Republik am rechten Flügel der SDAP befunden hatten, aber auch Oskar Pollak, der zwar am Austromarxismus festhält, die SPÖ allerdings als glaubwürdige antikommunistische Kraft etablieren möchte, verschärft sich.

Showdown

Am Parteitag 1947 proben die Linken noch einmal den Aufstand. Ihre organisatorische Basis sind einige Wiener Bezirksorganisationen – vor allem Döbling und Ottakring –, die Jugend- und Studenten­organisationen und der eben erst gegründete Freiheits­kämpferbund. Mitglieder sind in erster Linie ehemalige RSler, zurückgekehrte Emigranten und Jungfunktionäre, die allesamt über keinerlei Verbindungen in die Betriebe, in die Gewerkschaften oder in die Bundesländerorganisationen verfügen.

Zum großen Ärger der völlig überrumpelten Parteiführung legen sie ihre „Resolution der 44“ vor, eine relativ harmlose Entschließung zur politischen Lage, die „sozialistische Konturen“ in der Regierungs­politik und eine deutlichere Abgrenzung vom Koalitions­partner einfordert und von 44 Delegierten unterschrieben ist.

Die Resolution wird mit überwältigender Mehrheit niedergestimmt, besiegelt allerdings das politische Schicksal des Zentralsekretärs Erwin Scharf und führt zu einem regelrechten Kesseltreiben gegen die Unterzeichner.

Eine Kampagne

Es ist vor allem der damalige Innenminister und praktizierende Antisemit Oskar Helmer, der gegen Hilde Krones, Erwin Scharf und Otto Leichter eine Diffamierungskampagne startet. Vorwurf ist deren Zusammen­arbeit mit den ebenfalls illegalen Kommunisten während der Zeit des Faschismus und ihre angebliche ideologische Nähe zur KPÖ.

In der Zeit des kalten Krieges scheint die Auseinandersetzung mit dem Stalinismus wichtiger, als die mit dem überwundenen Regime des Nationalsozialismus. Außerdem setzt in beiden großen Parteien bereits das Buhlen um die Stimmen der „Ehemaligen“ ein, die 1949 erstmals wieder zur Wahl zugelassen werden.

Helmer plädiert dafür, die Gründung einer zweiten „bürgerlichen Partei“ rechts der ÖVP zu unterstützen, um deren rechte Kräfte zu binden, die ÖVP in die Mitte zu rücken und zu einem einfacheren Verhandlungspartner für die SPÖ zu machen. Die Parteilinken bevorzugen die Idee einer links der ÖVP angesiedelten liberalen Partei, um längerfristig die Option einer „kleinen Koalition“ abzusichern. Schließlich setzt sich die von Helmer favorisierte Lösung durch. In der Absicht, das „bürgerliche Lager“ zu spalten, kommt es sogar zu intensiven Kontakten und Hilfestellungen an den 1949 erstmals antretenden VdU, Vorläufer der FPÖ.

Redeverbot, Parteiausschluss – und ein Suizid

Am 30. Juni 1948 verhängt ein Parteischiedsgericht über Erwin Scharf ein Redeverbot, worauf dieser am 29. Oktober in Eigenregie die Broschüre „Ich darf nicht schweigen“ veröffentlicht. Noch am selben Tag wird Scharf, der sich für eine offene Konfrontation mit dem Parteivorstand entschieden hatte, auf Antrag Helmers aus der Partei ausgeschlossen.

Otto Leichter kehrt in die USA zurück. In einem Brief an Schärf schreibt er: Ich hatte den Eindruck gewonnen, daß die Partei mich nicht braucht und von meinen Kenntnissen und Fähigkeiten – wie klein immer sie auch sein mögen – keinerlei Gebrauch machen will oder keine Notwendigkeit sieht, mich entsprechend zu verwenden.

Hilde Krones wird ebenfalls Opfer von Helmers persönlichen Diffamierungen. Sie habe „eine Ehe zerstört“. Da hilft auch ihre alte Bekanntschaft zu „Onkel Adolf“ [Schärf] nichts mehr.

Am Abend des 13. Dezember 1948 nimmt Hilde Krones in ihrer Wohnung eine Überdosis Schlaftabletten. Als sie zwei Tage später gefunden wird, kommt jede Hilfe zu spät. Sie stirbt am 16. Dezember.

Die verbliebenen Linken beschränken sich in Folge auf das Verfassen theoretischer Schriften und Schulungs­tätigkeiten und dürfen sich – wie Hugo Pepper selbstironisch anmerkt – als „Bildungsferdln und Berufsantifaschisten“ betätigen.

Literatur: Edith Probst (Hrsg.), Die Partei hat mich nie enttäuscht, Österreichische Sozialdemokratinnen, 1989; Fritz Weber, Der kalte Krieg in der SPÖ: Koalitionswächter, Pragmatiker und revolutionäre Sozialisten 1945-1950, 2011.

Im Herbst 2024 erscheint eine von Georg Spitaler verfasste „Biografie in Gefühlen und Begriffen“ zu Hilde Krones, basierend auf dem im Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung liegenden Nachlass.

Georg Spitaler: Hilde Krones und die Generation der Vollendung. Eine hauntologische Séance, Mandelbaum 2024.

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