
„Ein Schrank mit Glastüren teilt den Raum ab und schafft die Schreibzimmer- und Leseecke, die Stehlampe gibt genügend Beleuchtung, der kleine Hocker dient als Rauschtisch.“ © Der Kuckuck, 1931
Am 14. Februar 1980 stirbt der Stadtplaner und Architekt Victor Gruen nach Jahren des Exils in seiner Heimatstadt Wien.
1903 als Victor David Grünbaum in Wien geboren, macht sich der Architekturstudent zunächst einen Namen als politischer Kabarettist. Von 1926 an leitet Grünbaum gemeinsam mit Robert Ehrenzweig das Politische Kabarett, eine linke Agitpropgruppe, die vor allem die Politik der konservativen Bundesregierung an den Pranger stellt, aber auch vor innerparteilicher Kritik nicht zurückscheut.
Im Kabarett Literatur am Naschmarkt lernt Victor den jungen Kulissenschieber Felix Slavik kennen; aus dieser Freundschaft mit dem späteren Bürgermeister wird in den 1970er Jahren die erste Fußgängerzone Wiens in der Kärntnerstraße hervorgehen.
1932 eröffnet Gruen sein eigenes Architekturbüro, das sich auf die Planung von Wohnungen – z.B. auch jene Otto Bauers – und Geschäftslokalen spezialisiert. Daneben schreibt er Artikel zu Einrichtungsfragen, etwa im Kuckuck: Ganz allgemein aber wollen wir sagen, daß die heute im Handel erhältlichen Möbel, auch wenn sie angeblich „modern sind“, für Wohnungen mit beschränkten Platzverhältnissen, und das sind gut 90 Prozent aller Wiener Wohnungen, vollkommen ungeeignet sind, weil sie alle auf der „gutbürgerlichen“ Wohnung, bestehend aus Speisezimmer, Salon, Schlafzimmer, Kinderzimmer basieren.
1938 gelingt Grünbaum auf abenteuerliche Weise die Flucht. Er landet schließlich in New York, „mit einem Architekturabschluß, 8 Dollar und null Englisch“. Er ändert seinen Namen auf Victor Gruen und erhält erste Aufträge zum Umbau von Geschäftslokalen. 1940 übersiedelt er nach Los Angeles, 1943 nimmt er die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Seinen Durchbruch als Architekt schafft er 1947 mit der Planung eines Kaufhauses samt Parkdeck auf dem Dach – genau das richtige Konzept für ein Land, in dem die Stadtzentren veröden und ohne Auto gar nichts mehr läuft.
Sein 1949 gegründetes Unternehmen „Victor Gruen Associates“ entwickelt sich rasch zu einem der größten US-amerikanischen Architekturbüros. Zu Beginn der 1950er Jahre errichtet Gruen in Northland bei Detroit sein erstes Einkaufszentrum und bald darauf in Southdale bei Minneapolis die erste überdachte Shopping Mall, die neben Geschäften auch öffentliche und soziale Einrichtungen wie eine Schule, einen Hörsaal und einen Eislaufplatz enthält. Nach dem Vorbild europäischer Stadtzentren – Gruen denkt dabei immer auch an Wien – sollen Malls nicht nur das Einkaufen erleichtern, sondern mit ihrem „Branchenmix“ auch das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Vorstädte stärken.
In diesen multifunktionellen Malls gibt es Bereiche für Erlebnis, Erholung, Gastronomie und Kultureinrichtungen. Gruen möchte mit diesem Konzept urbane, weitgehend autofreie und von dichter Wohnbebauung, Parks und Sportanlagen umgebene Downtowns schaffen und so die sukzessive Marginalisierung des urbanen Raums zugunsten des motorisierten Indivualverkehrs verhindern. Einkaufszentren, so Gruen, sollten zu Kristallisationspunkten des kommunalen Lebens in der Vorstadt werden. Sein bekanntestes Argument lautet: Autos kaufen nichts.Wer einkaufen will, so Gruen, muss sich vom Autofahrer wieder zum Zweibeiner verwandeln!
Als nächsten Schritt entwickelt Gruen bereits Mitte der 1960er Jahre erste Konzepte für autofreie Innenstädte und Fußgängerzonen in Kalifornien und lässt mit seiner 1968 gegründeten „Victor Gruen Foundation for Environmental Planning“ auch Umweltfragen in die Stadtplanung einfließen.

Visualisierung der Kärntner Straße aus dem Nachlass von Victor Gruen © WienWiki
Gruen, der seine Heimatstadt bereits 1948 wieder besucht und hier einen namhaften Freundeskreis besitzt, ist nicht allen willkommen. Die Wiener Architektenkammer erkennt ihm den Berufstitel „Architekt“ ab, da er es als verfolgter Jude im nationalsozialistischen Wien „verabsäumt“ habe, sein Studium formal abzuschließen. Gruen darf sich in der Folge nur noch „architect“ nennen. Der gelernte Satiriker meint dazu nur: Hoffentlich wird mich der Kellner im Landtmann ab jetzt mit Herr architect ansprechen! Erst 2010 wird ihm als Geste der Wiedergutmachung posthum die symbolische Ehrenmitgliedschaft zuerkannt.
1965 beauftragt der nunmehrige Wiener Bürgermeister Felix Slavik seinen alten Freund mit einem Konzept zur Revitalisierung des Wiener Stadtkerns. Victor Gruen avanciert dadurch zum „Vater“ der ersten Wiener Fußgängerzone, die 1974 – nach Fertigstellung der U-Bahn-Bauten – trotz teilweise harscher Kritik in der Kärntner Straße und am Graben eingerichtet wird. Gruen berichtet später, dass alle Maßnahmen, die er vorschlug, bei der Stadtverwaltung auf offenen Widerstand gestoßen seien. Die Planungsbürokratie habe an „Autoneurosis“ gelitten.
1973 kehrt Gruen gemeinsam mit seiner Frau endgültig nach Wien zurück, wo er das „Zentrum für Umweltplanung“ ins Leben ruft. In der von ihm verfassten „Charta von Wien“ – einem Gegenentwurf zu Le Corbusiers „Charta von Athen“ – formuliert Gruen die Leitsätze einer umweltverträglichen und auf die Bedürfnisse des Menschen ausgerichteten Stadtplanung, in der alle notwendigen Wege mit schnellen, energiesparenden und günstigen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden können. Victor Gruen wird somit zum Vordenker der „Compact Cities“ und der heute propagierten „Stadt der kurzen Wege“.
Dass sich seine Erfindung der Shopping Mall weltweit durchsetzen, jedoch nicht den von ihm gewünschten Effekt erzielen würde, entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Wenig später erobern die Einkaufszentren auch Europa – mit zum Teil verheerenden Auswirkungen auf die gewachsenen Innenstädte. Gruen, der sein Modell pervertiert sieht, betont zeitlebens, Immobilienkonzerne hätten das Konzept der Shopping Town „entführt“ und zur reinen „Verkaufsmaschine“ reduziert.

© MA 18
Bei einer Rede 1978 in London bekräftigt Gruen, er streite „die Vaterschaft“ für die Einkaufszentren ein für alle Mal ab und weigere sich „Alimente für diese Bastardobjekte zu zahlen“.
Die Geister, die ich herbeigerufen hatte, überwucherten in unheilvoller Weise die ganze Welt. Gruen, „The Gruen Effect“
Es ist geradezu eine Ironie der Geschichte, dass ein aus dem Roten Wien kommender Architekt den modernen „Konsumtempel“ erfindet. Ebenso, dass diese, die Innenstädte ausblutenden Einkaufszentren auf der grünen Wiese von jemandem erdacht wurden, der selbst ein erklärter Gegner des Einkaufszentrums am Stadtrand ist und eigentlich das genaue Gegenteil schaffen wollte: Multifunktionelle Zonen, die mit einem Mix aus Einkaufsmöglichkeiten, öffentlichen und sozialen Einrichtungen zu neuen urbanen Zentren werden.
Unsere Städte sind nicht nur gefährlich, hässlich und chaotisch, sie liefern uns auch keine soziale und kulturelle Inspiration.
1981 wird die Victor-Gruen-Gasse beim Laaer Berg in Favoriten nach ihm benannt.
Werk: Shopping towns USA. The planning of shopping centers, 1960; The heart of our cities, 1964; Meine alte Schuhschachtel. Schriften aus den zwanziger Jahren, 1973; Das Überleben der Städte. Wege aus der Umweltkrise. Zentren als urbane Brennpunkte, 1973; Ist Fortschritt ein Verbrechen? Umweltplanung statt Weltuntergang, 1975; Die lebenswerte Stadt. Visionen eines Umweltplaners, 1975; Victor Gruen. Eine Autobiografie, 2012; Shopping Town. Memoiren eines Stadtplaners (1903–1980), herausgegeben von Anette Baldauf, 2014.
Literatur: M. Jeffrey Hardwick, Mall Maker. Victor Gruen, Architect of an American Dream, 2003; Alex Wall, Victor Gruen – from urban shop to new city, 2005; Barbara Mautner, Dem Wiener seine Stadt zurückgeben. Victor Gruen (1903-1980) und die Wiener Stadtplanung: Städtebauliche Planungspraxis im ausgehenden 20. Jahrhundert, 2012.
Film: Der Gruen Effekt. Victor Gruen und die Shopping Mall. Dokumentarfilm von Anette Baldauf und Katharina Weingartner. A 2010