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Aktuelle Seite: Der Kinderpräsident
0183 | 29. MÄRZ 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Der Kinderpräsident


Am 29. März 1940 stirbt Otto Felix Kanitz im KZ Buchenwald „an Herzschwäche bei Herzfehler“, wie es in der Häftlingskartei so stereotyp heißt.

Der engagierte Kinderfreund und ehemalige Bundesrat hatte selbst eine trauma­tische Kindheit und Jugend. 1894 als drittes von vier Kindern eines jüdischen Paares in Wien geboren, werden er und seine zwei Brüder nach der Scheidung der Eltern dem Vater zugesprochen. Dieser lässt die Buben taufen und überantwortet sie einem katholischen Waisenhaus.

Mit 14 Jahren beginnt Otto Felix eine Lehre zum Installateur, die er jedoch bald wieder abbricht. Die Begegnung mit Hermine Weinreb, die bei den Kinderfreunden am Alsergrund moderne Erziehungsmethoden erprobt, verändert sein Leben nachhaltig. Weinreb nimmt das „ewige Waisenkind“ unter ihre Fittiche. Und sie ermutigt Otto Felix, die Matura nachzuholen und zu studieren.

Kämpfer der Zukunft

Nach dem Ersten Weltkrieg initiiert Weinreb mit Unter­stützung der amerikanischen Kinderhilfsaktion eine Kindererholung in Gmünd, deren Leitung sie dem jungen Kanitz überträgt. Kanitz, der sich für eine neue Ausrichtung der Kinderfreunde einsetzt – weg von der reinen Fürsorge, hin zur Erziehungsarbeit –, führt in Gmünd eine erste selbst­verwaltete „Kinderrepublik“ mit gewählten Kindervertrauens­leuten ein, in der die jungen Menschen zur Eigenverant­wortung erzogen werden sollen.

Jeder Saal zerfiel in sechs Gruppen zu zehn Kindern. Jede Gruppe wählte ihren Vertrauensmann. Die sechs Vertrauensmänner bildeten den Saalausschuß. Alle 60 Kinder wählten einen Saalvertrauens­mann. Die zwölf Saalvertrauens­männer bildeten den Kolonie­ausschuß. Er schlug den Präsidenten und dessen Stell­vertreter vor, der dann in der „Vollversammlung“ aller 700 Kinder gewählt wurde. Die Voll­versammlung tagte allwöchentlich und hatte über die Gesetzes­vorschläge des Kolonie­ausschusses Beschluß zu fassen. Außerdem konnte dort jedes Kind zu Anfragen, Anträgen oder Beschwerden das Wort ergreifen. Kämpfer der Zukunft, 1929

Insgesamt kommen 1.400 Wiener Arbeiterkinder in den Genuss einer sechswöchigen Sommer­frische, der Jahresbericht der Kinderfreunde vermerkt eine durchschnittliche Gewichts­zunahme um knapp drei Kilogramm pro Kind – damals ein Grund zur Freude.

Fast zwanzig Jahre lang war Kanitz vielen Kinderfreunden ein lieber Weggefährte, oft und oft umjubelt und freudig umstürmt von Kindermassen.Anton Tesarek, zitiert nach Heinz Weiss

Im Schloss

1919 erhalten die Kinderfreunde Räumlichkeiten im Schloss Schönbrunn zugewiesen und richten dort eine Erzieherschule ein, zu deren Leiter Otto Felix Kanitz bestellt wird. Bis 1924 werden hier 125 junge Pädagoginnen und Pädagogen ausgebildet, danach muss das Institut aus finanziellen Gründen schließen. Nebenbei betätigt sich Kanitz auch als Autor wissenschaftlicher Werke, schreibt Gedichte und so manchen Liedtext, darunter „Auf, Rote Falken, Auf!“.

1922 promoviert Kanitz zum Doktor der Philosophie, in seiner Dissertation „Familien­erziehung, Staatserziehung und Gesellschafts­erziehung“ greift er Max Adlers Idee vom „neuen Menschen“ auf.

Nachdem die Mitglieder der Kinderfreundegruppen nahtlos in die Sozialis­tische Arbeiterjugend überführt werden sollen, wechselt auch Kanitz 1926 zur SAJ. Deren Obmann Karl Heinz ist zugleich Vorsitzender der Sozialistischen Jugend­internationale SJI, und so wird Kanitz 1928 zunächst zum geschäftsführenden stell­vertretenden Verbandsobmann gewählt, 1930 schließlich zum Vorsitzenden. 1929 ist Kanitz führend an der Organisation und Durchführung des Internationalen Sozialistischen Jugendtreffens in Wien beteiligt.

Am Ende ganz allein

Nach den Februarkämpfen 1934 flieht Kanitz ins benachbarte Brünn. Hier verdingt er sich unter dem Pseudonym Dr. Fritz Friedrich als „Blitzdichter“, Conférencier und in der Werbebranche; politisch aktiv ist er nicht mehr.

Anfang 1936 darf Kanitz, der zuvor offiziell erklären muss, sich „jedweder politischen Betätigung [zu] enthalten“, nach Wien zurückkehren. Viele frühere Weggefährten nehmen ihm diesen „Kniefall“ vor dem „Schuschnigg-System“ übel. Er gilt nun „als arrogant, ungeduldig und zu gescheit“.

Mit seiner Frau Maria, einer ehemaligen Schülerin der Schönbrunner Erzieherschule, und Tochter Ilse lebt Kanitz zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr zusammen; im April 1938 erfolgt die offizielle „Trennung von Tisch und Bett“. Am 2. November wird Kanitz, der nach dem „Anschluss“ den Zusatznamen „Israel“ annehmen musste, von der Gestapo ver­haftet und einige Monate später in das KZ Buchenwald überstellt.

Der Sozialistische Kampf vom 1. Juni 1940 informiert aus Paris über den Tod von Otto Felix Kanitz, dessen Leben „nicht frei von Flecken war …“ Das Urteil der Genossen – Chefredakteur ist Oscar Pollak alias Austriacus – fällt ungemein hart und ungerecht aus: Er gehörte zu jenen, denen in ruhigen Zeiten eine glänzende Laufbahn beschieden gewesen wäre: in der Jugendbewegung und bei den „Kinderfreunden“, später in der Propagandaabteilung des Parteisekretariats entfaltete er eine ausserordentlich starke Begabung, der leider kein starker Charakter zur Seite stand. Das zeigte sich, als Kanitz vor und nach den Ereignissen des Februar 1934 versagte. Nach einer Zeit der Emigration kehrte er als halber oder ganzer „Versöhnler“ nach Österreich zurück […]. Sein Tod entsühnt ihn in den Augen jener, die ihm in den letzten Jahren seines Lebens die Freundschaft nicht bewahren konnten: er ist nicht für seine Gesinnung gestorben, aber er starb doch, weil er einmal ein Sozialist gewesen war.

1966 wird die Freisingergasse in Wien-Mauer in Kanitzgasse umbenannt. Kanitz’ Urne ist seit ihrer Umbettung vom Urnenhain im Jahr 2002 auf dem Heiligenstädter Friedhof bestattet.

Werk: Das proletarische Kind in der bürgerlichen Gesellschaft, 1925, neu herausgegeben von Lutz von Werder 1974; Kämpfer der Zukunft. Für eine sozialistische Erziehung, 1929, neu herausgegeben von Lutz von Werder 1970.

Literatur: Albrecht K. Konecny; Der Tod eines Bundesrates, 2003; Henriette Kotlan-Werner, Otto Felix Kanitz und der Schönbrunner Kreis, 1982; Heinz Weiss, die Pädagogen des Schönbrunner Kreises, 2007; ders., Vom jüdischen Klosterschüler zum Top-Roten der Zwischenkriegszeit, 2016.

OTTO FELIX KANITZ

Sonderausstellung im Waschsalon 2019/20

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