
Der Kuckuck, 1930 © ÖNB
Am 4. Oktober 1930 hält Ernst Rüdiger Starhemberg, Heimwehrführer und Innenminister der Minderheitsregierung Vaugoin, auf dem Heldenplatz eine Wahlkampfrede für die bevorstehende Nationalratswahl vom 9. November. Es ist eine durchaus bemerkenswerte Rede…
Die immer mehr zum ständischen Klerikalfaschismus tendieren Heimwehren – ursprünglich paramilitärische, in der Regel den Christlichsozialen nahestehende „Selbstschutzverbände“ – wollen schon seit längerem mehr sein, als nur der „Kettenhund der bürgerlichen Parteien“, wie der Tiroler Landesführer Richard Steidle es formuliert. Sie wittern Morgenluft. Gerade erst ist Johann Schober, der frühere Polizeipräsident, als Bundeskanzler zurückgetreten. Er war am Versuch gescheitert, die verfeindeten Wehrverbände Schutzbund und Heimwehren zu entwaffnen. Der bisherige Vizekanzler und christlichsoziale Parteiobmann Carl Vaugoin bringt keine neue Regierung zustande. Neuwahlen stehen vor der Tür.
Der austrofaschistische Scharfmacher Starhemberg ist in der Übergangsregierung Vaugoin mit dem politisch mächtigen Amt des Innenministers betraut worden – schon damals machen die Konservativen den Bock zum Gärtner. Und er hat größere Ambitionen.

Zu den vorgezogenen Wahlen tritt er – nach vergeblichen Koalitionsverhandlungen mit den Nationalsozialisten, die nicht akzeptieren wollen, dass „sich Starhemberg selbst die Führung anmaßte“– mit seiner eigenen Liste, dem „Heimatblock“ an. Wohl in der Hoffnung, in der nächsten Regierung mit den Christlichsozialen ein noch größeres politisches Gewicht zu erlangen...
Die Arbeiter-Zeitung berichtet tags darauf, am Sonntag, 5. Oktober: Bei der gestrigen Kundgebung der Heimwehr auf dem Heldenplatz sagte Bundesführer Ernst Rüdiger Starhemberg unter anderem: Den Wienern werde ich ein gutes Rezept für den Wahlkampf geben: sie sollen die Wahlschlacht im Zeichen Breitners führen. Nur wenn der Kopf dieses Asiaten in den Sand rollt, wird der Sieg unser sein. Dabei zeigt er in einer dramatischen Geste mit der Hand zu Boden. Den Zusehern gefällt’s.
In seiner Rede ereifert sich Starhemberg auch über „diese krummnasigen Zeitungsschmierer“,die nur zur Verwirrung in den Reihen des Bürgertums beitrügen. Christlichsozialer Antisemitismus in Höchstform.
Das Kleine Blatt titelt mit der Schlagzeile: „Starhemberg fordert den Kopf Breitners.“ Im Gegensatz zur Arbeiter-Zeitung, die relativ nüchtern und eher ironisch-distanziert berichtet, ist der Redaktion des linken Boulevardmediums die Tragweite dieser Äußerungen des Innenministers durchaus bewusst. Nichts weniger als „die Ermordung Breitners“ werde hier gefordert, weil er die Häuserschieber und Inflationsgewinner nicht zu hohen Würden erhebt, sondern sie tüchtig besteuert.
Die bürgerliche „Neue Freie Presse“ reagiert verhalten. „Nach verläßlichen Mitteilungen“, schreibt sie, „soll der Minister hiebei gesagt haben…“ Die der Christlichsozialen Partei nahestehende „Reichspost“ hingegen spricht unverhohlen von einem „erfolgsverheißenden Auftakt“. Sie wittert „Unmoral, Korruption und Bolschewismus“ beim politischen Gegner und verlangt, dass „der roten Hydra der Kopf zertreten“ werden müsse.

Die Forderung nach dem „Kopf des Asiaten“ kommt in dem Bericht der „Reichspost“ erstaunlicherweise nicht vor, die Rede ist nur von „Anti-Breitner-Wahlen“. Offenbar will die „Reichspost“ die zartbesaiteten Gemüter unter der christlichen Wählerschaft nicht allzusehr „vor den Kopf“ stoßen. „Der Endsieg“, heißt es da noch, „gehört uns, den Vertretern des deutschfühlenden, christlich denkenden Oesterreichertums!“, was mit „tosendem, langanhaltenden Beifall“ quittiert wird.
Der Kuckuck hält am darauffolgenden Wochenende eher lapidar fest: „Die christlichsoziale Partei hat diesen Bürgerkriegshetzer zum Innenminister gemacht, sie ist ins Lager des Faschismus übergegangen.“
Der von Starhemberg und seinen Heimwehren erhoffte Wahlsieg bleibt dennoch aus. Bei den letzten Nationalratswahlen der Ersten Republik verliert die CS stark, ihre rechten Verbündeten sind ebenfalls nur mäßig erfolgreich, für eine rechtskonservative Regierungsmehrheit reicht es jedoch allemal.
Starhembegs Rede bildet einen Höhe- bzw. Tiefpunkt in der seit Jahren andauernden Hetzkampagne gegen den brillanten Finanzstadtrat des Roten Wien. Gesundheitlich angeschlagen tritt Hugo Breitner 1932 von seinem Amt zurück. Im Februar 1938 verlässt er Österreich und emigriert mit seiner Familie in die USA, wo er 1946 in Claremont, Kalifornien, stirbt.
Starhemberg, der nach der Annäherung Italiens an das Deutsche Reich und der Auflösung der Heimwehren durch Bundeskanzler Schuschnigg im Herbst 1936 zunächst in die Schweiz emigriert und in weiterer Folge mehrere Exilstationen durchläuft, kehrt 1955 nach Österreich zurück. Bei einem Kuraufenthalt in Schruns wird er vom einem Redakteur der kommunistischen „Volksstimme“ erkannt und fotografiert. Starhemberg attackiert den Journalisten und gerät dabei so in Rage, dass er einen Herzanfall erleidet und an Ort und Stelle verstirbt.
Und die Moral von der Geschicht‘? „Brandmauer gegen rechts“ können die „Christlichsozialen“ schon 1930 nicht buchstabieren.