
Wahlaufruf, 1907
Am 14. Februar 1941 stirbt der populäre frühere sozialdemokratische Politiker August Forstner im Alter von nur 65 Jahren.
August Forstner wird 1876 als Sohn eines kleinen Fuhrwerkunternehmers in Rudolfsheim-Fünfhaus geboren. Der junge August muss schon als Kind täglich im Stall aushelfen; mit 16 Jahren ist er schon selbst Fiaker – für die Schule bleibt da keine Zeit.
In der proletarischen Vorstadt kommt Forstner früh mit der organisierten Arbeiterbewegung in Kontakt. Seine karge Freizeit verbringt er vorwiegend im Arbeiterbildungsverein Gumpendorf, dem er bereits als 14-Jähriger beitritt.
1898, im Alter von 22 Jahren, gründet Forstner den „Verein der Kutscher und Hilfsarbeiter“, aus dem sich innerhalb weniger Jahre der „Verband der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter" entwickelt, dessen Obmann er bis zum Jahr 1934 bleiben wird.
1899 gründet Forstner ein Branchenblatt mit dem sinnigen Titel „Die Peitsche“, das er selbst redigiert und als dessen Herausgeber er auch fungiert. 1904 wird die Zeitschrift, nur eines von insgesamt über 50 gewerkschaftlichen Blättern, in „Zeitrad“ umbenannt.
Im August 1904 streiken die Wiener Schwerfuhrwerkskutscher unter Forstners Führung. Sie verlangen neben einer Lohnerhöhung auch eine Entschädigung für die Sonntagsarbeit, den Wegfall der Stallwache, eine 14-tägige Kündigungsfrist – und eine verbriefte „anständige Behandlung“ durch die Unternehmer, die ihre Angestellten nun mit „Herr“ oder per „Sie“ ansprechen müssen. Die Kutscher können ihre Forderungen durchsetzen. Forstner selbst jedoch wird wegen seines politischen und gewerkschaftlichen Engagements von seinem Vater, der sich als selbständiger Fiakerunternehmer in seiner Existenz bedroht sieht, enterbt.

© DÖW
August „Gustl“ Forstner heiratet 1901 Franziska Egel und erhält 1902 eine Anstellung bei der Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und Unterstützungskasse. 1905 wird er zum Sekretär der Gehilfenkrankenkasse der Genossenschaft der Groß- und Kleinfuhrwerksbesitzer ernannt.
1907, bei den ersten Wahlen nach dem allgemeinen Wahlrecht für Männer, wird Forstner als Kandidat der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei mit knapp 30 Jahren als jüngster Abgeordneter in den Reichsrat gewählt, dem er bis 1918 angehört. Wegen seiner Herkunft, aber auch seiner volkstümlichen Schlagfertigkeit und seines jovialen Witzes nennt man ihn den „Kutscher im Parlament“.
In einer am 13. Januar 1948 erschienenen Würdigung Fortsners in der Arbeiter-Zeitung berichtet sein Kollege Johann Witzmann: Wenn Forstner in einer Versammlung als Redner angekündigt war, so kamen die Menschen von weither zusammen, um ihn zu hören. Gerade bei den Versammlungen, in denen die wirksamsten sozialdemokratischen Redner sprachen, gab es damals häufig Störungsversuche. […] Für solche Zwischenfälle war Forstner besonders gerüstet: mit ihm ging eine kleine Schar von Transportarbeitern, die in solchen Fällen die Störenfriede einen nach dem anderen hinaus-„transportierten“.
Mit Gründung der Republik wechselt Forstner – „ein gefürchteter Zwischenrufer“ – in den Nationalrat, dem er bis 1934 angehört. Als Parlamentarier setzt er sich mit Nachdruck für die Entwicklung einer bundesweiten Kranken- und Unfallversicherung ein.
Parallel zu seiner Tätigkeit auf Bundesebene ist Forstner von 1918 bis 1919 auch Abgeordneter im Niederösterreichischen Landtag und in weiterer Folge von 1918 bis 1923 im Wiener Gemeinderat. Bis zu seiner politisch motivierten Verhaftung durch das austrofaschistische Regime im Februar 1934 ist Forstner auch als Obmann des freien Gewerkschaftsverbandes tätig.

Forstnerhof, um 1926 © Wien Museum Inv.-Nr. 57962/310
In einem Nachruf der im Exil erscheinenden „London-Information“ heißt es: Er war Fiakerkutscher gewesen und sein Aufstieg von diesem wienerischsten aller Berufe zum Abgeordneten bezeichnete das Erwachen einer ganzen Schicht, die Vereinigung des Wienertums mit der Sozialdemokratie, den Übergang eines Kulturerbes aus den Händen des absteigenden Bürger- und Kleinbürgertums in die der aufstrebenden Arbeiterklasse.
1949 wird die vom Architekten Gottlieb Michal errichtete Wohnhausanlage in der Camillo-Sitte-Gasse 12 Forstnerhof benannt.
Publikation: Zeitrad, Organ der Gewerkschaft der Bediensteten im Handel, Transport und Verkehr, 1904–1933.