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Aktuelle Seite: „Der Nestor der österreichischen Arbeiterbewegung“
0221 | 25. FEBRUAR 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

„Der Nestor der österreichischen Arbeiterbewegung“


Am 25. Februar 1951 stirbt Wilhelm Ellenbogen im New Yorker Exil. Bestattet wird er in einem Ehrengrab im Urnenhain der Feuerhalle Simmering.

Wilhelm Ellenbogen wird 1863 im mährischen Břeclav (Lundenburg) nahe der Grenze zu Niederösterreich als ältester Sohn des Volksschullehrers David Ellenbogen und seiner Frau Rosa geboren. Bald nach seiner Geburt zieht die Familie nach Wien, wo der Vater sein Glück als Kaufmann versucht.

Wilhelm besucht das Franz-Joseph-Gymnasium auf der Stubenbastei und studiert anschließend Medizin. Politisch aktiv ist er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. 1887 erhält er eine Anstellung als Sekundararzt am Allgemeinen Krankenhaus.

In seiner Kurzbiographie schreibt Norbert Leser: Als eben erst ausgebildeter Sekundararzt kam der 25jährige im Allgemeinen Krankenhaus mit einem Patienten ins Gespräch, der ihn auf den Gumpendorfer Arbeiterbildungsverein und auf die Probleme der arbeitenden Bevölkerung, die dort erörtert werden, aufmerksam machte. Ellenbogen besuchte einen Vortragsabend dieses Vereins und wurde durch ein für die Lebensgeschichte vieler großer Idealisten nicht untypisches Bekehrungs­erlebnis für die Arbeiterbewegung gewonnen.

Ärzte-Sozialismus

Ellenbogen selbst berichtet über dieses „Berufungserlebnis“ in der Arbeiter-Zeitung vom 9. Juli 1948: Der Eindruck, den die erste Arbeiterversammlung, die ich sah, auf mich machte, war ungeheuer. Es war nicht allein das Verhalten der Arbeiter, das mich fesselte, nicht die religiöse Andacht, mit der sie dem Vortrag lauschten, das fühlbar leidenschaftliche Hingegebensein an die belehrenden Eröffnungen des Redners, nicht die Atmosphäre der Ehrfurcht vor den Erkenntnissen der Wissenschaft, die weltvergessene Trunkenheit, mit der sie am Quell des Wissens sogen, nicht einmal die leise aufdämmernde Ahnung, daß sich hier nach geheimnisvollen Gesetzen ein Aufstieg vollzog, sondern vor allem die Offenbarung des Revolutionären, die sich aus diesem schweigenden Milieu erhob.

In diesem Sinn ist Ellenbogens Sozialismus, ähnlich wie der Victor Adlers, zu Beginn ein „philanthropischer Ärzte-Sozialismus“, so Max Ermers. Durch die Bekanntschaft mit Karl Kautsky kann er seine Kenntnisse vertiefen und bald hält er auf Einladung Victor Adlers selbst Vorträge, tritt der Sozialdemo­kratischen Arbeiterpartei bei und wird 1891 Leiter des „Unterrichts­verbandes der Arbeiterbildungs- und Fachvereine Wiens“, eines Vorläufers der sozialdemokratischen Bildungszentrale.

1892, am dritten Parteitag der Sozialdemokratie, wird Ellenbogen in die Parteileitung gewählt. Als einer der Hauptreferenten bringt er den Antrag ein, in der Partei ein System von Vertrauenspersonen aufzubauen.

Überall zu Hause

Als Delegierter bei den Internationalen Sozialisten­kongressen der Jahre 1900, 1907 und 1910 fordert Wilhelm Ellenbogen die Einführung des allgemeinen Wahlrechts, bei seinen zahlreichen Vorträgen referiert er aber auch zu so unterschiedlichen Themen wie die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, eine sozialdemokratische Agrarpolitik, die Ein- und Auswanderung von Arbeitern oder über den Zustand der Arbeiterschaft in Ländern wie Argentinien, Finnland oder der Türkei.

Ein Radikaler ist Ellenbogen nicht. Am Parteitag 1901 erklärt er: Wir dürfen keine Dogmatiker sein... Wenn es einem Marx oder Engels möglich war, einzugestehen, daß sie geirrt haben, [...], so wird es auch uns nicht schaden, wenn wir uns von Zeit zu Zeit fragen, ob wir uns nicht vielleicht in diesem oder jenem Punkte geirrt haben.

Die Fähigkeit zu Witz und Schlagfertigkeit teilt er mit dem Parteichef Victor Adler. Auf die einhellige und massive Kritik an einer Parteitagsrede Pernerstorfers meint er: Pernersdorfer hat [...] eine – ich sage es hier ganz offen – mutige Rede gehalten. Er hat eine Anschauung entwickelt, die, wie ich glaube, von niemandem unter den Partei­genossen geteilt wird. Und auf den Zwischenruf des Abgeordneten Winarsky  Ist das ein Verdienst?: Jawohl [....], es ist ein Verdienst, eine Anschauung zu entwickeln, mit der man ganz allein steht.

Von 1901 bis 1918 gehört Wilhelm Ellenbogen dem Reichsrat an, in dem er den Wahlkreis Brigittenau vertritt. Von 1918 bis 1934 ist er Abgeordneter zur Provisorischen Nationalversammlung bzw. zum Nationalrat, von 1919 bis 1920 Unterstaatssekretär im Staatsamt für Handel und Gewerbe, Industrie und Bauten; 1920 wird er mit der vorübergehenden Führung dieses Amtes betraut und – als Nachfolger Otto Bauers – zum Präsidenten der Staatskommission für Sozialisierung ernannt. Von seinen weitreichenden Plänen, wichtige Wirtschaftszweige dem privaten Gewinnstreben zu entziehen, kann wegen des hinhaltenden Widerstandes der Christlichsozialen allerdings nur ein kleiner Teil auch tatsächlich umgesetzt werden.

Gegen Faschismus und Kommunismus

Als Politiker mit vielseitigen Interessen – Ellenbogen kennt „nahezu jede Zeile Goethes“ – wird der engagierte Parlamentarier nicht nur als „Pragmatiker der Sozialdemokratie“ bekannt. Frühzeitig warnt er vor dem Faschismus, mit dessen Strukturen er sich auch theoretisch intensiv beschäftigt. Auf die österreichische Regierung bezogen kritisiert er das Nahe­verhältnis von Bundeskanzler Ignaz Seipel zu Mussolini, insbesondere vor dem Hintergrund der von den Faschisten betriebenen Entnationalisierungspolitik in Süd­tirol.

Sein Spezialgebiet war Italien. Er liebte dieses Volk, seine Sprache, seinen Freiheitskampf, seine Geschichte, seine Kultur....Arbeiter-Zeitung, 1951

Gleichzeitig polemisiert er gegen „die Auswüchse“ des Austromarxismus. Den „kommunistischen Auswürflingen“ wirft er eine „Fülle von Unwissenheit, Verlogenheit, Unredlichkeit, Betrug an der Arbeiterschaft in der Form eines aufgeblasenen Dünkels“ vor, „und das alles gepaart mit einem unerschöpflichen Quantum an moralischer Entrüstung über den ‚Sozialverrat‘, die ‚Tatenlosigkeit‘, die ‚Schwäche‘ der anderen“.

Wilhelm Ellenbogen wird im Februar 1934 verhaftet und im Mai wieder entlassen – mit der Auflage, sich nicht mehr politisch zu betätigen. Am 1. Mai 1939 verlässt Ellenbogen, der Zeit seines Lebens Junggeselle geblieben ist und mit seinen ebenfalls unverheirateten Geschwistern Gisela und Leopold zusammenlebt, gemeinsam mit diesen Wien. Nach einer aufreibenden Reise über Paris, das südfranzösische Montauban, Madrid und Lissabon – inklusive Pyrenäen-Überquerung zu Fuß – gelangen die Geschwister nach New York.

Exil ohne Rückkehr

In der Emigration gehört Ellenbogen dem Vorstand des Austrian Labour Committee an, der von Friedrich Adler geleiteten Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten in den USA. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits 78 Jahre alt ist, erlernt Ellenbogen noch die englische Sprache und ist weiterhin als Vortragender und Publizist tätig.

Sein sehnlicher Wunsch, nach Kriegsende nach Österreich zurückkehren zu können, geht aufgrund des Widerstands der neuen Parteispitze nicht in Erfüllung. Exponierte Vertreter der „glorreichen Ära“ stören beim Aufbau einer großen Koalition. Lediglich Rosa Jochmann setzt sich für seine Rückholung ein.

In ihrem Nachruf schreibt die wiederbegründete Arbeiter-ZeitungAls „Radikaler“ hat auch Ellenbogen begonnen. Aber in der Schule Victor Adlers wurde er rasch zu jener Weisheit erzogen, die Propaganda und praktische Aktion mit allen „zweckdienlichen, dem natürlichen Rechtsbewußtsein der Massen entsprechenden Mitteln“ verfolgt.

Literatur: Norbert Leser, Wilhelm Ellenbogen. In: Norbert Leser (Hrsg.), Werk und Widerhall. Große Gestalten des österreichischen Sozialismus, Wien 1964, 130–145; Wilhelm Ellen­bogen, Die Sozialistsche Partei – der Inhalt meines Lebens, Wilhelm Ellenbogen zu seinem 85. Geburtstag, Arbeiter-Zeitung 9. Juli 1948, 5.

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