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Am 19. Oktober 1930 wird „die erste Schule des neuen Wien eröffnet.“
Bereits tags zuvor haben Vertreter in- und ausländischer Zeitungen die Gelegenheit, die Schule zu besichtigen. Geführt werden sie vom Präsidenten des Stadtschulrates Otto Glöckel persönlich. Die Kinder der Freihofsiedlung, für die die Schule errichtet worden ist, haben die Klassenzimmer mit Blumen aus den Siedlungsgärten ihrer Eltern geschmückt. Die Schule ist nach modernsten Erkenntnissen eingerichtet und beinhaltet einen Physiksaal, ein Lichtbildzimmer, einen Turnsaal mit „schwedischen Geräten“ sowie eine „Taferlklasse“, „wo die ganze Wand in Kindeshöhe eine Schultafel ist, und wo jedes Kind seine ersten Zeichnungen auf die Wand malt.“Tische und Sessel sind kindgerecht gestaltet „und können nach der Größe der Kinder mit einfachen Griffen reguliert werden.“
Die Schule umfasst vier Volksschulklassen und elf Klassen einer Hauptschule für Mädchen. Alle Lehrzimmer sind der Sonnenseite zugewandt. Zur besseren Belüftung ist sogar eine eigene Frischluftanlage eingebaut. Im Verwaltungsgebäude gibt es neben der Kanzlei des Direktors, dem Lehrerzimmer und der Wohnung des Schulwarts auch ein eigenes Ärztezimmer.

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Der Zeichenunterricht kann an warmen Tagen auf der geräumigen Dachterrasse stattfinden, „auch das Bad, das nach dem Turnen benützt wird, und der Schulgarten“ – jede Klasse ist für ein eigenes Beet zuständig – „und die Schulküche machten starken Eindruck.“ Der weitläufige Spiel- und Sportplatz ist für alle Arten von Ballspielen eingerichtet und besitzt außerdem eine große Laufbahn.
Die das Schulgebäude umgebenden Gassen werden nach zwei bedeutenden Pädagogen benannt: Paul Natorp, Vorkämpfer der sozialen Einheitsschule, und Anton Sickinger, der zu Beginn des Jahrhunderts mit dem „Mannheimer Schulsystem“, einem differenzierten Volksschulsystem mit Normal-, Förder- und Hilfsklassen, eine der Grundlagen für ein soziales, großstädtisches Schulwesens geschaffen hatte.

Für die Arbeiter-Zeitung berichtet die Journalistin Marianne Pollak. Der Bau, so schreibt sie, sei „schlicht, geradlinig, zweckschön. Wenig Beton und viel, sehr viel Glas.“ Die Wände weiß, das Stiegenhaus „in Blau getaucht“, die Einrichtung „von moderner, gewinnender Einfachheit.“
Der Stadtschulratspräsident erklärt, dass die Gemeindeverwaltung beabsichtige, weitere Schulen dieser Art zu errichten. Die inneren Bezirke der Stadt hätten zwar „einen Überschuß an Schulen“, da wo neue Wohnbauten und Siedlungen entstanden sind, herrsche jedoch ein Mangel.
Der vorbildlich moderne Bau mit seiner klaren, einfachen Gliederung ist ein Werk des Architekten Karl Schartelmüller, der seit 1913 im Dienst der Gemeinde Wien steht und im Roten Wien als federführender Architekt des Siedlungsamtes für die Planung einiger der größten Siedlungsprojekte verantwortlich zeichnet, unter anderem für die in den Jahren 1923 bis 1927 errichtete Freihofsiedlung.
Ursprünglich in Kagran als Kleinhaussiedlung für Bedienstete des E- und des Gaswerks sowie der Straßenbahnen in eigener Regie errichtet, wird die Freihofsiedlung ab 1924 mehrfach erweitert. Durch die Zusammenarbeit dreier Siedlungsgenossenschaften entstehen mit der Zeit in 687 Einzelobjekten insgesamt 1.014 Wohnungen und zahlreiche Gemeinschaftseinrichtungen und Geschäftslokale – und schlussendlich auch eine eigene Schule!

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Die Freihofsiedlung wird nach dem sogenannten Anschluss noch mehrfach erweitert und bildet heute die größte Genossenschaftssiedlung Wiens, eigentlich eine autarke Kleinstadt. Eine nochmalige Erweiterung auf über 2.200 Häuser und fast 10.000 Bewohner bleibt jedoch Makulatur. Von Schartelmüller stammt darüber hinaus auch die große Siedlung Lockerwiese in Lainz. Vor allem in der Detailgestaltung lassen beide Siedlungen den unverkennbaren Einfluss der Wiener Gemeindebauarchitektur auf die Siedlungsbewegung erkennen – auch wenn sich die Siedlerbewegung von Beginn an als Gegenkonzept zu den großen Gemeindebauprojekten positioniert.
Um eine privatwirtschaftliche Umnutzung des Hausbesitzes zu verhindern, erhalten die Siedler rechtlich die Stellung von „Erbmietern“, d.h. dass nur die Nachkommen ursprünglicher Siedler ein Anrecht auf ein Siedlungshaus erwerben können. Viele Familien leben deshalb bereits in der vierten Generation in der Freihofsiedlung.