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Aktuelle Seite: Der „Neutöner“
0203 | 15. SEPTEMBER 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Der „Neutöner“


Am 15. September 1945 wird der Komponist Anton Webern im salzburgischen Mittersill versehentlich von einem amerikanischen Soldaten erschossen.

Anton (von) Webern wird 1883 in Wien als Sohn eines Bauingenieurs geboren und wächst in Graz und Klagenfurt auf. Die väterliche Familie ist bereits 1753 in den Trienter Adelsstand erhoben worden; mit der Republikgründung 1919 werden die Adelsprädikate in Österreich abgeschafft.

Schon der junge Anton erhält Klavier-, Cello- und Kompositionsunterricht, studiert von 1902 bis 1906 Musik­wissenschaft bei Guido Adler in Wien und ist seit 1904 – gemeinsam mit Alban Berg (1885–1935) – einer der ersten Kompositions­schüler von Arnold Schönberg (1874–1951), mit dem ihn später auch eine persönliche Freundschaft verbinden wird.

Ab 1908 ist Webern als Theaterkapellmeister, u.a. in Bad Ischl, Danzig, Stettin und Prag tätig. Glücklich ist er dabei nicht. 

Schwere Kost

Nach dem Ersten Weltkrieg lebt Webern wieder in Wien. Er ist Mitglied von Schön­­­bergs „Verein für musikalische Privat­aufführungen“, leitet von 1922 bis 1934 die Wiener Arbeiter-Sinfoniekonzerte und – als Chormeister – den Wiener Arbeiter-Singverein der Sozial­demo­kratischen Kunststelle.

Anton Weberns musikalischer Weg führt von der Spätromantik über die Atonalität zur Zwölftontechnik und schließlich zur seriellen Gestaltung, bei der die einzelnen Elemente der Musik, wie Tondauer, Tonhöhe oder Lautstärke, auf Zahlen- und Proportionsreihen aufgebaut werden. Damit beeinflusst er nachfolgende Komponisten­generation wie die Vertreter der seriellen Musik Karlheinz Stockhausen (1928–2007), Pierre Boulez (1925–2016) oder Luigi Nono (1924–1990). Seit 1927 ist er außerdem als ständiger Dirigent und musikalischer Fachberater beim österreichischen Rundfunk tätig.

Webern gehört, neben Arnold Schönberg und Alban Berg, zum inneren Kreis der Zweiten Wiener Schule und wird zu einem der wichtigsten Vertreter der Neuen Musik. Als solcher gibt er Gastspiele in der Schweiz, in England, Spanien und Deutschland und ist als Dirigent, Juror und Komponist eine der prägenden Gestalten bei den Weltmusiktagen der 1922 gegründeten Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (ISCM).

Der Tod eines „Kulturbolschewisten“

Nach 1934 verschlechtert sich seine persönliche Situation zunehmend. Webern lebt in immer größerer Zurück­gezogenheit und in prekären finanziellen Verhältnissen. Als „Kultur­bolschewist“ erhält er 1938 von den Nationalsozialisten Aufführungs- und Publikationsverbot. Im „Dritten Reich“ schwankt Webern zwischen seinem Patriotismus und der Loyalität gegenüber seinen jüdischen Freunden. Er zieht sich fast völlig aus der Öffentlichkeit zurück und arbeitet als privater Musiklehrer. Noch im Februar 1945 fällt sein Sohn Peter.

Tragisch ist auch sein eigenes Ende. Am 15. September 1945 wird Anton Webern in Mittersill bei Zell am See, wohin er vor den auf Wien vorrückenden Truppen der Roten Armee geflohen war, von einem Soldaten der US-Armee im Zuge einer Razzia irrtümlich erschossen. Die Durchsuchung galt seinem Schwiegersohn, der des Schwarzhandels verdächtig wurde. Noch kurz zuvor hatte Anton Webern einen Rilke-Vers in sein Notizbuch notiert: „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.“

In der Löwengasse 53, dem Geburtshaus Anton Weberns im 3. Bezirk, befindet sich eine Gedenktafel für den Komponisten. Seit 1998 trägt der Anton-von-Webern-Platz ebenfallsim 3. Bezirk seinen Namen.

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