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Aktuelle Seite: Der Papierarchitekt
0057 | 31. JANUAR 2022    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Der Papierarchitekt

Am 31. Januar 1942 stirbt der Architekt Rudolf Perco an einer Leuchtgasvergiftung in Wien.

In Ihnen steckt ein monumentales Empfinden, nicht umsonst machte ich Sie schon frühzeitig mit Palladio vertraut.Otto Wagner (zitiert nach Prokop, 2001)

Rudolf Perco wird 1884 in der norditalienischen Stadt Görz geboren. 1890 übersiedelt die halb italienisch, halb slowenische Familie nach Wien. Früh zeigt sich Percos große zeichnerische Begabung: Der erst Vierzehnjährige arbeitet neben der Schule bereits im Architekturbüro bei Rudolf Peschel mit. Als Stipendiat besucht er von 1900 bis 1904 die Staatsgewerbe­schule in Wien, von 1906 bis 1910 studiert er bei Otto Wagner an der Akademie der bildenden Künste.

„Wunderknabe", unvollendet...

Schon während des Studiums wird Rudolf Perco mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft; er ist als Chefzeichner im Büro von Hubert Gessner beschäftigt, wo er mit der Ausarbeitung der Pläne für das Vorwärts-Verlagshaus, die Schwechater Hammerbrotwerke und vor allem für die Irrenanstalt im tschechischen Kremsier befasst ist. 1913 macht sich Perco als Architekt selbständig; aus dieser Zeit stammt der Fürstenhof in der Praterstraße 25, heute Sitz der Bildungsakademie der Wiener SPÖ.

Während des Ersten Weltkriegs leistet Rudolf Perco die gesamte Zeit über Kriegsdienst; 1918 gerät er in italienische Kriegsgefangen­schaft und wird als Spion angeklagt. Zurück in Wien, studiert er Bauingenieurwesen an der Technischen Hochschule und gleichzeitig Rechtswissenschaften, die er 1934 mit einem Doktorat abschließen wird.

Endlich Architekt

Das Wohnbauprogramm des Roten Wien bringt Perco wieder Aufträge als Architekt. Seine zahlreichen Entwürfe und Wettbewerbsbeiträge sind visionär und von einem „futuristisch-kubistischen“ Geist geprägt, die meisten seiner kühnen und bisweilen utopischen Projekte bleiben jedoch unverwirklicht. Percos Hang zum Monumentalen und Repräsentativen findet besonders in den großen Wohnbauten des Roten Wien seinen Ausdruck, die die neu errungene Macht der Arbeiterschaft widerspiegeln sollen.

Perco, der bei den Gemeindewohn­anlagen Professor-Jodl-Hof (1925) in Döbling und Am Wienerberg (1926, beide in Arbeitsgemeinschaft mit Rudolf Fraß und Karl Dorfmeister) mitwirkt, führt selbständig den bemerkenswert strengen Holy-Hof (1928), vor allem aber den gewaltigen „Superblock“ am Friedrich-Engels-Platz (1929 bis 1933) aus – mit 1.467 Wohnungen der zweitgrößte Wohnbau des Roten Wien der Ersten Republik.

Ein Schwieriger...

Die Wirtschaftskrise und der autoritäre Ständestaat, in dem Perco als „linker Architekt“ punziert ist und trotz Anbiederungs­versuchen ohne Aufträge bleibt, beenden seine produktive Phase. Er verliert sich in abgehobenen Studien und Projekten, die von phantastisch überbordenden Ideen geprägt sind (Prokop).

Rudolf Perco begrüßt daher das Ende der austrofaschistischen Diktatur durch den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und  erhält von den neuen Machthabern eine Stelle im Planungsbüro von Ludwig Stigler, danach im Büro seines Studienkollegen, des Partei­architekten Franz Kaym.

Schließlich kommt Perco im Baureferat des Reichsstatt­halters Baldur von Schirach unter, wo er mit den gigantomanischen Plänen für das neu zu schaffende Groß-Wien befasst ist.

Perco, der Zeit seines Lebens als einzelgängerisch, schwierig und als „notorischer Nörgler“ gilt, gerät schließlich ins Visier der Gestapo und wird 1942 aus nicht näher bekannten Gründen entlassen. Er stirbt wenig später unter ungeklärten Umständen durch einen „Gasunfall“.

Eine traurige Bilanz

Rudolf Perco hat als Architekt keine Schule geprägt, seine Bauten und Entwürfe besitzen keinen Vorbildcharakter. Die geringe Anzahl seiner realisierten Projekte – nur sieben ausgeführte Bauten, auch wenn darunter eine der größten Wohnhausanlagen Wiens fällt –, sind in einer mehr als dreißig Jahre währenden Tätigkeit eine traurige Bilanz (Prokop).

Mit einer Unzahl von Entwürfen und Studien bleibt Percos eigentliches Vermächtnis „Papierarchitektur“, die in ihrer ungezügelten Phantastik und „rückwärts gewandten Utopie“ durchaus den Zeitgeist dieser Jahre reflektiert.

In ihrer Monographie konstatiert Ursula Prokop, dass das österreichische Trauma des Unterganges der Monarchie und die Erkenntnis, nicht mehr Bewohner eines „Reiches“, sondern eines Kleinstaates zu sein, die Wagner-Schüler besonders hart getroffen habe.

Ganz im Gegensatz zu den Absolventen der Technischen Hochschule, die ungleich pragmatischer mit den veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten umzugehen wussten. Während Josef Frank und sein Kreis zu den Trägern der „zweiten Wiener Moderne“ der Zwischenkriegszeit avancieren, entwickelt sich die Otto-Wagner-Schule, eine der fortschrittlichsten Architekturschulen [...], zum Hort konservativer Ideen, die einer progressiven Entwicklung des sozialen Wohnbaus geradezu im Wege gestanden ist.

Bei Rudolf Perco stellt sich – ähnlich wie bei vielen seiner Kollegen – zudem die Frage nach der persönlichen Haltung. Der Bogen seiner Entwürfe spannt sich von den explizit propagandistischen Denkmälern der Monarchie, den Wohnhausanlagen des Roten Wien und den Kirchenprojekten für den Ständestaat bis hin zu den megalomanen städtebaulichen Vorhaben für das NS-System – stets mit der immer gleichen inneren Überzeugung. Oder eben keiner...

Literatur
Ursula Prokop, Rudolf Perco 1884–1942. Von der Architektur des Roten Wien zur NS-Megalomanie, 2001.

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