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10., GöC Warenhaus im Zürcher Hof, um 1930
Im September 1905 wird die „Großeinkaufsgesellschaft für österreichische Consumvereine“ (GöC) ins Handelsregister eingetragen.
Die Errichtung einer Großhandelsorganisation wird vom Zentralverband österreichischer Consumvereine im Rahmen seines Verbandstages beschlossen. Ziel ist es, die der österreichischen Arbeiterbewegung nahestehenden Konsumvereine, die seit dem Parteitag 1903 als „dritte Säule“ der Sozialdemokratie anerkannt sind, zu stärken und sowohl logistisch als auch finanziell zu unterstützen. Direktor der GöC wird Benno Karpeles, Funktionär des Konsumvereins „Vorwärts". Im „Vorwärts“ waren eben erst in einer Rettungsaktion eine Reihe kapitalschwacher Wiener Konsumvereine zusammengeschlossen worden – eine Konstruktion, die der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in den kommenden Jahren noch jede Menge Sorgen bereiten sollte.
Der Parteitag erklärt es als die Pflicht aller von organisierten Arbeitern geleiteten Konsumvereine, dem Verbande der Arbeiter-Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften beizutreten und dessen Bestrebungen zur Zentralisierung zu unterstützen…
Mit der Gründung der GöC steigen die sozialdemokratischen Konsumgenossenschaften direkt in den Großhandel und die Eigenproduktion ein. Das große Ziel der Genossenschaftsbewegung, so heißt es in der Publikation „Das Neue Wien“ viele Jahre später, sei dann erreicht, wenn „der Konsument sein eigener Kaufmann und sein eigener Fabrikant“ geworden ist.

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Hammerbrot-Schild im Waschsalon
Ein erster Schritt dazu ist die Gründung einer eigenen Brotfabrik – ist Brot doch das Hauptnahrungsmittel der Arbeiterschaft, die mehr als die Hälfte ihres kargen Einkommens für „die Magenfrage“ aufwenden muss. Nach heftigem Widerstand der „kapitalistischen Brotspekulanten“ und der Christlichsozialen kommt es 1911 zur Gründung der Hammerbrotwerke in Schwechat. Es ist eine Anlage der Superlative – modern, hygienisch und menschenfreundlich, errichtet nach Plänen der Architekten Franz und Hubert Gessner, in deren 70 Meter langer Ofenhalle in drei achtstündigen Schichten 50.000 Laibe Brot erzeugt werden können.
Die Arbeiterfrauen werden dazu aufgerufen, klassenbewusst einzukaufen. Es ist nicht wahr, daß Brot Brot ist. Die Kapitalisten backen Brot, um sich zu bereichern, in der sozialdemokratischen Brotfabrik wird Brot erzeugt, um der Arbeiterschaft ein neues wirksames Kampfmittel zu geben. Die sozialdemokratische Brotfabrik verhindert die Verteuerung des Brotes. Wenn in den Jahren, wo alle Lebensmittel im Preise gestiegen sind, das Brot nicht teurer geworden ist, so verdanken die Arbeiterfrauen dies nur den Hammerbrotwerken, heißt es in einem Flugblatt von 1914. Hammerbrot ist in allen Konsumfilialen erhältlich, es gibt aber auch eigene Verkaufsstellen.
Im Hintergrund aber brodelt es: Durch Karpeles Doppelfunktion werden die „Vorwärts“-Filialen de facto zu Verkaufsstellen der GöC, die nicht nur den finanzschwachen „Vorwärts“, sondern auch die unrentablen Hammerbrotwerke finanziell stützen muss und dadurch selbst in eine unternehmerische Schieflage gerät.

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Darüber hinaus stoßen die expansiven und überaus aggressiven Geschäftspraktiken der GöC und des „Vorwärts“ bei den bereits länger etablierten und wirtschaftlich gesunden Konsumvereinen, wie dem Ersten Niederösterreichischen Arbeiter-Konsumverein, auf wenig Begeisterung. Letzten Endes muss der glück- und erfolglose Benno Karpeles seinen Posten räumen.
Die Rettung der GöC ist Karl Renner zu verdanken, der 1912 den „Kreditverband österreichischer Arbeitervereinigungen“ gründet – direkter Vorläufer der Arbeiterbank und damit auch der BAWAG – und mit Hilfe von Gewerkschaftsgeldern den Zusammenbruch des GöC-Imperiums verhindert.
Die endgültige Sanierung des Betriebs gelingt ausgerechnet im Zuge des Ersten Weltkriegs. Die massenhafte Produktion von Militär-Zwieback und andere Aufträge des Heeres katapultieren die GöC und ihre Betriebe wieder in die schwarzen Zahlen. Zur Deckung der großen Nachfrage müssen die Hammerbrotwerke während des Krieges sogar 24 kleinere Bäckereien dazu pachten.
Die „große Zeit“ der GöC kommt im Roten Wien. Die Gesellschaft erhält vom Staatsamt für Volksernährung, das für die Organisation der Nahrungsmittelversorgung nach dem Krieg verantwortlich ist, wichtige Aufgaben zugeteilt. Sie übernimmt einige Überbleibsel der Kriegswirtschaft als „gemeinwirtschaftliche Anstalten“ und ist mit 40% an der 1922 gegründeten „Arbeiterbank AG“ beteiligt. Aufgabe der Bank als Finanzinstitut der Arbeiterbewegung ist es, die finanziellen Mittel der Freien Gewerkschaften und der Konsumgenossenschaften zusammenzufassen und zu verwalten.

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Im Zuge ihrer Sanierungsaktivitäten übernimmt die GöC auch einige in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befindliche Betriebe. Karl Renner erklärt in diesem Zusammenhang: Die Großeinkaufsgesellschaft hat eine Reihe von Betrieben, die sie besser nicht hätte, Betriebe, die wir entweder einschmelzen oder abstoßen müssen, aber wir haben nicht das Herz, das so zu tun, daß wir die Kapitalien und die Menschen einfach auf die Straße werfen.
1919 wird auf Initiative der GöC die „Vereinigte Leder- und Schuhfabriken, Gemeinwirtschaftliche Anstalt“, kurz GEWA, als erstes gemeinwirtschaftliches Unternehmen gegründet. Hier werden täglich 800 Paar „Gewa“-Schuhe erzeugt.
1920 vereinigen sich mehrere Wiener Arbeiterkonsumvereine zur Konsumgenossenschaft Wien (K.G.W), die über 167.000 Mitglieder zählt und mehr als 1.000 Personen beschäftigt. Die K.G.W. besitzt eine Reihe von Eigenbetrieben, wie Molkerei, Bäckerei, Weinkeller, Kaffeebrennerei, weiters 163 Konsumfilialen, zwei Schanklokale, einen großen Wagenpark, zirka 80 Pferde und Lastautos, und ist damit die größte Regionalgenossenschaft.
Die GöC, in der alle zentralen wirtschaftlichen Funktionen der österreichischen Konsumgenossenschaftsbewegung gebündelt sind, avanciert zur wichtigsten Großhandelsorganisation Österreichs, mit Eigenproduktionen im Gebrauchsgüter- und Textilbereich und einer eigenen Kaufhauskette. 1930 befinden sich rund 20 Warenhäuser in ihrem Eigentum, darunter auch jenes der „Staatsangestellten-Fürsorge-Anstalt“ (Stafa) auf der Mariahilfer Straße.

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Nach den Februarkämpfen 1934 und der Ausschaltung der Sozialdemokratie wird die „Arbeiterbank“ liquidiert, die GöC unter kommissarische Verwaltung gestellt. Die meisten Produktionsbetriebe gehen Anfang 1938 in der neugegründeten „Co-op Industriegesellschaft“ auf. Nach dem sogenannten Anschluss wird die österreichische Konsumgenossenschaftsbewegung gleichgeschaltet und 1941 ins „Gemeinschaftswerk der Deutschen Arbeitsfront“ (GW) eingegliedert.
Nach 1945 nimmt die GöC ihre Geschäfte wieder auf. Schließlich werden die Regionalgenossenschaften und auch die GöC selbst von der größten Regionalgenossenschaft, der Wiener K.G.W übernommen und zum „Konsum Österreich“ vereinigt. Dessen unrühmliches Ende im Jahr 1995 ist noch in lebhafter Erinnerung…
Literatur: Robert Blaich: Die Entwicklung der Konsumgenossenschaften in Österreich, 1988; Johann Brazda und Siegfried Rom (Hrsg.): 150 Jahre Konsumgenossenschaften in Österreich, 2006; Alexander Butsch: Die Bedeutung der Konsumgenossenschaften in der Sozialdemokratischen Bewegung. Zum Verhältnis von Konsumgenossenschaften, Partei und Gewerkschaften in Österreich, 1994; Helmut Huber: Geschichte der österreichischen Konsumgenossenschaftsbewegung bis 1950, 1974; Andreas Korp: Stein auf Stein, 50 Jahre Grosseinkaufsgesellschaft österreichischer Consumvereine, ein Gedenkbuch, 1956; Helge Zoitl: Gegen den Brotwucher! Die Gründung der Wiener Hammerbrotwerke, in: Zeitgeschichte 1988/16,3.