Zum Inhalt springen
Aktuelle Seite: Der „rote Riese“
0204 | 19. SEPTEMBER 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Der „rote Riese“

Im September 1905 wird die „Großeinkaufsgesellschaft für österreichische Consumvereine“ (GöC) ins Handelsregister eingetragen.

Die Errichtung einer Groß­handelsorganisation wird vom Zentralverband österreichischer Consum­vereine im Rahmen seines Verbandstages beschlossen. Ziel ist es, die der österreichischen Arbeiter­bewegung nahestehenden Konsumvereine, die seit dem Parteitag 1903 als „dritte Säule“ der Sozialdemokratie anerkannt sind, zu stärken und sowohl logistisch als auch finanziell zu unterstützen. Direktor der GöC wird Benno Karpeles, Funktionär des Konsumvereins „Vorwärts". Im „Vorwärts“ waren eben erst in einer Rettungsaktion eine Reihe kapitalschwacher Wiener Konsumvereine zusammengeschlossen worden – eine Konstruktion, die der Sozialdemokratischen Arbeiter­partei in den kommenden Jahren noch jede Menge Sorgen bereiten sollte.

Der Parteitag erklärt es als die Pflicht aller von organisierten Arbeitern geleiteten Konsumvereine, dem Verbande der Arbeiter-Erwerbs- und Wirtschaftsgenossen­schaften beizutreten und dessen Bestrebungen zur Zentralisierung zu unterstützen…

Mit der Gründung der GöC steigen die sozialdemokratischen Konsumgenossen­schaften direkt in den Großhandel und die Eigenproduktion ein. Das große Ziel der Genossenschafts­bewegung, so heißt es in der Publikation „Das Neue Wien“ viele Jahre später, sei dann erreicht, wenn „der Konsument sein eigener Kaufmann und sein eigener Fabrikant“ geworden ist.

Arbeiterfrauen, Arbeiterinnen! Tretet ein für euer Hammerbrot!

Ein erster Schritt dazu ist die Gründung einer eigenen Brotfabrik – ist Brot doch das Hauptnahrungsmittel der Arbeiterschaft, die mehr als die Hälfte ihres kargen Einkommens für „die Magenfrage“ aufwenden muss. Nach heftigem Widerstand der „kapitalistischen Brotspekulanten“ und der Christlichsozialen kommt es 1911 zur Gründung der Hammerbrotwerke in Schwechat. Es ist eine Anlage der Superlative – modern, hygienisch und menschenfreundlich, errichtet nach Plänen der Architekten Franz und Hubert Gessner, in deren 70 Meter langer Ofenhalle in drei achtstündigen Schichten 50.000 Laibe Brot erzeugt werden können.

Die Arbeiterfrauen werden dazu aufgerufen, klassenbewusst einzukaufen. Es ist nicht wahr, daß Brot Brot ist. Die Kapitalisten backen Brot, um sich zu bereichern, in der sozialdemokratischen Brotfabrik wird Brot erzeugt, um der Arbeiterschaft ein neues wirksames Kampfmittel zu geben. Die sozialdemokratische Brotfabrik verhindert die Verteuerung des Brotes. Wenn in den Jahren, wo alle Lebensmittel im Preise gestiegen sind, das Brot nicht teurer geworden ist, so verdanken die Arbeiterfrauen dies nur den Hammerbrotwerken, heißt es in einem Flugblatt von 1914. Hammerbrot ist in allen Konsumfilialen erhältlich, es gibt aber auch eigene Verkaufsstellen.

Krise und Aufschwung

Im Hintergrund aber brodelt es: Durch Karpeles Doppelfunktion werden die „Vorwärts“-Filialen de facto zu Verkaufsstellen der GöC, die nicht nur den finanz­schwachen „Vorwärts“, sondern auch die unrentablen Hammerbrotwerke finanziell stützen muss und dadurch selbst in eine unternehmerische Schieflage gerät.

Darüber hinaus stoßen die expansiven und überaus aggressiven Geschäftspraktiken der GöC und des „Vorwärts“ bei den bereits länger etablierten und wirtschaftlich gesunden Konsumvereinen, wie dem Ersten Niederöster­reichischen Arbeiter-Konsum­verein, auf wenig Begeisterung. Letzten Endes muss der glück- und erfolg­lose Benno Karpeles seinen Posten räumen.

Die Rettung der GöC ist Karl Renner zu verdanken, der 1912 den „Kreditverband österreichischer Arbeiter­vereinigungen“ gründet – direkter Vorläufer der Arbeiterbank und damit auch der BAWAG – und mit Hilfe von Gewerkschaftsgeldern den Zusammen­­bruch des GöC-Imperiums verhindert.

Die endgültige Sanierung des Betriebs gelingt ausgerechnet im Zuge des Ersten Weltkriegs. Die massenhafte Produktion von Militär-Zwieback und andere Aufträge des Heeres katapultieren die GöC und ihre Betriebe wieder in die schwarzen Zahlen. Zur Deckung der großen Nachfrage müssen die Hammerbrotwerke während des Krieges sogar 24 kleinere Bäckereien dazu pachten.

Ein rotes Wirtschaftsimperium

Die „große Zeit“ der GöC kommt im Roten Wien. Die Gesellschaft erhält vom Staatsamt für Volksernährung, das für die Organisation der Nahrungsmittel­versorgung nach dem Krieg verantwortlich ist, wichtige Aufgaben zugeteilt. Sie über­nimmt einige Überbleibsel der Kriegswirtschaft als „gemeinwirtschaftliche Anstalten“ und ist mit 40% an der 1922 gegründeten „Arbeiterbank AG“ beteiligt. Aufgabe der Bank als Finanzinstitut der Arbeiterbewegung ist es, die finanziellen Mittel der Freien Gewerkschaften und der Konsumgenossenschaften zusammenzufassen und zu verwalten.

Im Zuge ihrer Sanierungs­aktivitäten übernimmt die GöC auch einige in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befindliche Betriebe. Karl Renner erklärt in diesem Zusammenhang: Die Großeinkaufsgesellschaft hat eine Reihe von Betrieben, die sie besser nicht hätte, Betriebe, die wir entweder einschmelzen oder abstoßen müssen, aber wir haben nicht das Herz, das so zu tun, daß wir die Kapitalien und die Menschen einfach auf die Straße werfen.

1919 wird auf Initiative der GöC die „Vereinigte Leder- und Schuhfabriken, Gemein­wirtschaftliche Anstalt“, kurz GEWA, als erstes gemein­wirtschaftliches Unternehmen gegründet. Hier werden täglich 800 Paar „Gewa“-Schuhe erzeugt.

1920 vereinigen sich mehrere Wiener Arbeiter­konsumvereine zur Konsum­genossen­schaft Wien (K.G.W), die über 167.000 Mitglieder zählt und mehr als 1.000 Personen beschäftigt. Die K.G.W. besitzt eine Reihe von Eigenbetrieben, wie Molkerei, Bäcke­rei, Weinkeller, Kaffeebrennerei, weiters 163 Konsumfilialen, zwei Schanklokale, einen großen Wagenpark, zirka 80 Pferde und Lastautos, und ist damit die größte Regionalgenossenschaft.

Die GöC, in der alle zentralen wirtschaftlichen Funktionen der österreichischen Konsum­genossenschafts­bewegung gebündelt sind, avanciert zur wichtigsten Großhandels­organisation Österreichs, mit Eigenproduktionen im Gebrauchsgüter- und Textilbereich und einer eigenen Kaufhauskette. 1930 befinden sich rund 20 Waren­häuser in ihrem Eigentum, darunter auch jenes der „Staatsangestellten-Fürsorge-Anstalt“ (Stafa) auf der Mariahilfer Straße.

Ende – Wiederaufbau – Ende

Nach den Februarkämpfen 1934 und der Ausschaltung der Sozialdemokratie wird die „Arbeiterbank“ liquidiert, die GöC unter kommissarische Verwaltung gestellt. Die meisten Produktionsbetriebe gehen Anfang 1938 in der neugegründeten „Co-op Industriegesellschaft“ auf. Nach dem sogenannten Anschluss wird die österreichi­sche Konsum­genossenschaftsbewegung gleichgeschaltet und 1941 ins „Gemein­schafts­werk der Deutschen Arbeitsfront“ (GW) eingegliedert.

Nach 1945 nimmt die GöC ihre Geschäfte wieder auf. Schließlich werden die Regional­genossenschaften und auch die GöC selbst von der größten Regional­genossenschaft, der Wiener K.G.W übernommen und zum „Konsum Österreich“ ver­einigt. Dessen unrühmliches Ende im Jahr 1995 ist noch in lebhafter Erinnerung…

Literatur: Robert Blaich: Die Entwicklung der Konsum­genossenschaften in Österreich, 1988; Johann Brazda und Siegfried Rom (Hrsg.): 150 Jahre Konsumgenossenschaften in Österreich, 2006; Alexander Butsch: Die Bedeutung der Konsumgenossenschaften in der Sozialdemokratischen Bewegung. Zum Verhältnis von Konsum­genossenschaften, Partei und Gewerkschaften in Österreich, 1994; Helmut Huber: Geschichte der österreichischen Konsumgenossenschafts­bewegung bis 1950, 1974; Andreas Korp: Stein auf Stein, 50 Jahre Grosseinkaufsgesellschaft österreichischer Consumvereine, ein Gedenkbuch, 1956; Helge Zoitl: Gegen den Brotwucher! Die Gründung der Wiener Hammerbrotwerke, in: Zeitgeschichte 1988/16,3.

 

 

Fuss ...