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Aktuelle Seite: Der Sohn
0175 | 2. JANUAR 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Der Sohn

Am 2. Januar 1960 stirbt Friedrich Adler im Alter von 81 Jahren in Zürich.

Der Sohn des legendären Parteigründers Victor Adler hatte am 21. Oktober 1916 aus Protest gegen die Fortsetzung des Krieges Ministerpräsident Karl Graf Stürgkh erschossen. In einem aufsehenerregenden Prozess wird Adler zunächst zum Tode verurteilt und anschließend vom Kaiser zu lebenslangem Kerker, später zu 18 Jahren Zuchthaus begnadigt. Als Friedrich Adler kurz vor Kriegs­ende amnestiert und am 1. November 1918 aus dem Gefängnis entlassen wird, ist er als konsequentester Kriegsgegner der populärste Mann der Sozialdemokraten.

Adler wird deshalb auch von den Kommunisten umworben, die ihm zweimal die Führung der neugegründeten Kommunistischen Partei antragen. Vergeblich. Adler bleibt der Sozialdemokratie treu und bekommt die Führung der Arbeiterräte übertragen. In dieser Schlüsselfunktion ist er maßgeblich daran beteiligt, dass zwei kommunistische Putschversuche scheitern und auch der linke Parteiflügel nicht ausschert. Otto Bauer wird später anmerken, dass die „zielbewusste Führung Friedrich Adlers in den Arbeiter­räten, Julius Deutsch und seines Freundeskreises in den Soldatenräten […] den Kampf entschieden haben.“

Der Kopf der Internationale

Friedrich Adler ist 1918/19 Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung und 1920 bis 1923 Abgeordneter zum Nationalrat. So wie Otto Bauer verfolgt auch Adler einen Mittelweg zwischen radikalen Marxisten und gemäßigten Reformisten, den Bauer als „Integralen Sozialismus“ bezeichnet. 1923 legt Friedrich Adler seine Parteiämter zurück, um sich dem Wiederaufbau der Sozialistischen Arbeiter­internationale zu widmen, die sich nach den gescheiterten Bemühungen, alle „Internationalen“ zu vereinigen, aus der Zweiten Internationale und der Internationalen Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Parteien – der so genannten „Internationale 2½“ –, konstituiert. Zum Generalsekretär der Organisation gewählt, übt Adler diese Funktion bis zu seiner Flucht vor den National­sozialisten aus, zunächst bis 1927 in London, dann bis 1935 in Zürich, und schließlich bis 1939 in Brüssel.

Im März 1938, kurz nach dem Einmarsch der National­sozialisten in Österreich, treffen Friedrich Adler, Otto Bauer und Joseph Buttinger, der die Führung der illegalen Revolutionären Sozialisten in Österreich übernommen hatte, in Brüssel zusammen und beschließen die Auflösung des Auslandsbüros der österreichischen Sozialdemo­kraten (ALÖS) und des Partei­präsidiums der Revolutionären Sozialisten. Beide Gremien werden zur Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten  (AVOES) zusammen­gefasst. Man einigt sich auf die Zukunftsperspektive einer „gesamtdeutschen Revolution“ und verwirft damit die Wiederherstellung der Selbstständigkeit Österreichs.

Führer des Exils

Unmittelbar vor dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Belgien flieht Adler im Frühjahr 1940 nach Frankreich. Nach der französischen Kapitulation gelangt er mit einem falschen Pass – lautend auf den Namen „Herzl“ – über Spanien nach Lissabon, von wo aus er im Oktober 1940 mit einem Notvisum in die Vereinigten Staaten von Amerika reisen kann. In New York löst er nach dem Kriegseintritt der USA im September 1941 die AVOES auf und gründet im Februar 1942 das Austrian Labor Committee (ALC). Das ALC ist als Vertretung des sozialistischen Exils in den USA gedacht – in Großbritannien führen Oscar Pollak und Karl Czernetz das Londoner Büro der österreichischen Sozialisten –, aufgrund der prägenden Persönlichkeit Adlers wird das New Yorker Büro jedoch weiterhin als „die Auslands­vertretung“ rezipiert.

In den Statuten des ALC heißt es: Das ALC sieht in der sozialistischen Neu­gestaltung Europas das Hauptziel. Die Arbeiterklasse in Österreich hat nach der Überzeugung des ALC keine ‚nationale Revolution‘ zu vollbringen, sondern alle Kräfte auf die soziale Revolution, die dem Krieg folgen wird, zu konzentrieren.

Adler und das ALC stemmen sich vehement gegen alle Versuche konservativer Exilanten, in den USA eine österreichische Exilregierung (Free Austrian National Council) zu bilden. Und auch die von den meisten Exilösterreichern begrüßte Moskauer Deklaration, derzufolge Österreich als freier und unabhängiger Staat wieder zu errichten sei, stößt beim „Großdeutschen“ Adler auf Missfallen. In der Austrian Labor Information, dem Mitteilungs­blatt des ALC, kritisiert er das Memorandum, weil es „dem Geist des Diktates und nicht der Anerkennung der Gleich­berechtigung der Völker“ entspreche und helfe, eine irreführende „Legende vom glücklichen Österreich“ aufzubauen. 

Adler sorgt damit auch in den eigenen Reihen für Unverständnis und Unmut: Nach heftiger Kritik legt er 1944 die Leitung des ALC nieder. Otto Leichter, der formal die Leitung übernimmt, schildert die prekäre Situation in einem Brief an Wilhelm Ellenbogen wie folgt: Die Lage ist jetzt so, daß das ALC im Zeichen einer Dauerdemission des Genossen Adlers steht […] Die Konsequenz ist, daß in jeder Frage der Wille des Genossen Adlers, ob sonst eine Mehrheit vorhanden ist oder nicht, entscheidet. Dazu sind keine Sitzungen des ALC mehr notwendig. Man könnte sich schriftlich mit Vorschlägen an den Genossen Adler wenden, er würde entscheiden, da nach den geschilderten Mechanismen alles zu geschehen hat, was er will…

Im Abseits

Nach Kriegsende sieht sich die neue SPÖ dem Vorwurf der KPÖ ausgesetzt, sie habe durch ihren Deutschnationalismus dem Nationalsozialismus gewissermaßen den Weg bereitet; Karl Renner habe sogar den Anschluss begrüßt, die Partei keinen Widerstand geleistet. Der Kommunist Alfred Klahr hingegen hätte bereits 1937 die These der Existenz eines eigenständigen österreichischen Volkes vertreten. Karl Renner vollzieht in seiner Rede als Bundespräsident anlässlich 950 Jahre Österreich am 22. Oktober 1946 eine radikale Wende: Der Österreicher ist im strengen Wortsinn kein deutscher Stamm. […] unser Volk besitzt so eine ausgeprägte und von allen anderen verschiedene Individualität, daß es die Eignung und auch den Anspruch dazu hat, sich zu einer selbständigen Nation zu erklären.

Friedrich Adler verweigert sich dieser „österreichischen Nation“ – mit ein Grund dafür, weshalb ihn die neue Parteiführung nicht zur Heimkehr nach Wien einlädt. Wenn die ebenso reaktionäre wie widerliche Utopie einer österreichischen Nation Wahrheit würde und ich gezwungen wäre, zwischen ihr und der deutschen Nation zu wählen, würde ich mich für jene entscheiden, in der Goethes Faust, Freiligraths revolutionäre Gedichte und die Schriften von Marx, Engels und Lassalle nicht zur ausländischen Literatur gehören (zit. nach Wiltschegg, 1992:117).Adler kehrt 1948 nach Europa zurück und lebt fortan in der Nähe seiner Töchter in Zürich.  

Wien besucht Friedrich Adler nach dem Krieg nur noch einmal, und zwar 1952 anlässlich des 100. Geburtstages seines Vaters. 1954 erscheint der von ihm herausgegebene und kommentierte Briefwechsel Victor Adlers mit Karl Kautsky und August Bebel. Sein Haupt­projekt, eine Biographie des legendären Parteigründers, bleibt unvollendet.

Nach seinem Tod wird Friedrich Adler auf dem Wiener Zentralfriedhof in der von Hubert Gessner geschaffenen, gemeinsamen Ehrengrabstätte an der Seite seines Vaters bestattet. Im Jahr 1989 wird der Friedrich-Adler-Weg in Favoriten nach ihm benannt.

Werk: Die Sozialdemokratie in Deutschland und der Krieg, 1915; Die Erneuerung der Internationale, 1918; Möglichkeiten der Internationale, in: Der Kampf, 1920, Heft 10; Das Stalinsche Experiment und der Sozialismus, in: Der Kampf. 1932, Heft 1; Victor Adler. Briefwechsel mit August Bebel und Karl Kautsky, 1954 (Hrsg.); Das Apriori des Sozialismus, in: Neues Forum, 1966, Heft 154.

Literatur: Julius Braunthal: Victor und Friedrich Adler. Zwei Generationen Arbeiterbewegung, 1965; Rudolf G. Ardelt: Friedrich Adler, 1982; John Zimmermann: „Von der Bluttat eines Unseligen“. Das Attentat Friedrich Adlers und seine Rezeption in der sozialdemokratischen Presse, 2000; Michaela Maier, Wolfgang Maderthaner (Hrsg.): Physik und Revolution. Friedrich Adler – Albert Einstein. Briefe – Dokumente – Stellung­nahmen, 2006; Michaela Maier, Georg Spitaler (Hrsg.): Friedrich Adler: Vor dem Ausnahmegericht. Das Attentat gegen den Ersten Weltkrieg, 2016.

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