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Am 5. August 1895 stirbt Friedrich Engels in London im Alter von 74 Jahren an Kehlkopfkrebs. Zur Trauerfeier am 11. August erscheint nahezu alles, was innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung Rang und Namen hat. Die Urne mit Engels‘ Asche wird im September beim Seebad Eastbourne im Meer versenkt.
Als Sohn eines erfolgreichen Baumwollfabrikanten wächst Friedrich Engels in der heute zu Wuppertal gehörenden Stadt Barmen auf. Das familiäre Umfeld ist vom Pietismus geprägt, einer spiritualistisch-protestantischen und zum Teil auch kirchenkritischen Frömmigkeitsbewegung.
Im Gymnasium begeistert sich der aufgeweckte Schüler für liberale und humanistische Ideen. Auf Drängen des Vaters muss er das Gymnasium noch vor dem Abitur abbrechen, um im väterlichen Handelsgeschäft mitzuarbeiten. Er setzt seine Ausbildung im weltoffeneren Bremen fort und unternimmt erste literarische Versuche.
Im Alter von nur 20 Jahren wird Engels Korrespondent der „Augsburger AllgemeinenZeitung“ und verfasst Literaturkritiken, Gedichte und Prosa, zum Teil auch unter dem Pseudonym „Friedrich Oswald“.
In Berlin, wo Engels seinen Militärdienst ableistet, besucht er Vorlesungen zur Philosophie an der dortigen Universität. Er nähert sich dem Kreis der Junghegelianer an, die Hegels dialektisches Denken mit einer radikalen Kritik an den politischen und sozialen Zuständen verbinden. Unter dem Einfluss der französischen Materialisten La Mettrie, Holbach und Diderot, allesamt Vertreter eines aufklärerischen, bürgerlichen Atheismus, entfernt er sich wieder von den Junghegelianern. In dieser Zeit schreibt Engels auch für die „Rheinische Zeitung“, dem führenden Organ der oppositionellen Bewegung in Deutschland.

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Bei einem Redaktionsbesuch in der „Rheinischen Zeitung“ begegnet Friedrich Engels erstmals auch Karl Marx. Er muss allerdings weiterreisen – nach Manchester, um dort seine kaufmännische Ausbildung in der Baumwollspinnerei Ermen & Engels abzuschließen. In England lernt er die brutalen Auswirkungen des extremen Marktliberalismus auf das Leben der Arbeiterinnen und Arbeiter kennen und kommt in Kontakt mit der englischen Arbeiterbewegung, den Chartisten, nicht zuletzt auch dank seiner Geliebten, der irischen Arbeiterin Mary Burns.
In England begegnet Engels auch deutschen Arbeiterführern und Revolutionären, die wenige Jahre zuvor in Paris den frühsozialistischen „Bund der Gerechten“ gegründet hatten und nun im Londoner Exil leben.
Seine praktischen Erfahrungen führen Friedrich Engels zu immer weitergehenden theoretischen Analysen der kapitalistischen Gesellschaft. Er liest die Werke der französischen und britischen Utopisten, vertieft sich in das Studium der politischen Ökonomie und veröffentlicht seine Gedanken in diversen englischen Arbeiterblättern, in der „Rheinischen Zeitung“, später auch in den von Karl Marx und Arnold Ruge in Paris herausgegeben„Deutsch-Französischen Jahrbüchern“.
Das Verhältnis zu Karl Marx, mit dem Engels in einem regelmäßigen Briefverkehr steht, wird immer enger. Auf seiner Rückreise nach Deutschland im August 1844 besucht er ihn in Paris und verweilt zehn Tage in der französischen Metropole.

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Karl Marx, 1861
Der Aufstand der schlesischen Weber im Frühsommer 1844 entfacht in den deutschen Ländern eine revolutionäre Atmosphäre. Engels nimmt Kontakt zu Moses Heß auf, dem führenden Theoretiker der frühen Sozialisten im Rheinland. Allerdings möchten Engels und Marx die vorherrschenden idealistischen und utopisch-sozialistischen Vorstellungen ihrer linken „Konkurrenten“ überwinden. Ihnen schwebt „eine kommunistische Gesellschaft“ vor.
Im Februar 1845 erscheint das erste Gemeinschaftswerk, die „HeiligeFamilie oder Kritik der kritischen Kritik“, ein polemisches Traktat, das sich gegen die Junghegelianer wendet, die jedes politische Engagement ablehnen. Derweil arbeitet Engels seit der Rückkehr nach Barmen intensiv an seinem Werk „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, das im Frühjahr 1845 erscheint. Darin beschreibt er die elenden Lebens- und Arbeitsbedingungen in den englischen Industriestädten, die Kinderarbeit und die enormen Sterblichkeitsraten im Proletariat, das durch das herrschende Truck-System, den Zwang, ihre Lebensmittel in den Läden der Unternehmer einzukaufen, doppelt ausgebeutet werde.
Kurz darauf übersiedelt Engels nach Brüssel, wohin Marx nach seiner Ausweisung aus Paris gezogen war. Ihr nächstes Gemeinschaftsprojekt ist „Die deutsche Ideologie“, die mit dem vorherrschenden „deutschen Sozialismus“ abrechnet. Nun ist es an der Zeit, am Aufbau einer proletarischen Partei zu arbeiten. Sie treten dem „Bund der Gerechten“ bei, um diesen in eine Partei der Arbeiterklasse umzugestalten. Folgerichtig wird der „Bund“ schon bald in „Bund der Kommunisten“ umbenannt.

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Am zweiten Kongress des „Bundes der Kommunisten“ in London im November 1847 werden Marx und Engels beauftragt, ein Programm auszuarbeiten. Es erscheint im Februar 1848 als „Manifest der Kommunistischen Partei“ und wird zum weltweit bekanntesten „kommunistischen Glaubensbekenntnis“. Die „Bourgeoisie“ habe sämtliche „überkommenen Verhältnisse“ der Menschen untereinander zerstört und an deren Stelle das „reine Geldverhältnis“ gesetzt. Damit sei alles zur Ware degradiert. Die revolutionäre Losung lautet nun: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
Nach dem Ausbruch der Märzrevolution 1848 treffen Marx und Engels einander in Paris und begeben sich schließlich nach Köln, um an der Gründung der „Neuen Rheinischen Zeitung“ mitzuwirken – Marx als Chefredakteur, Engels als sein Stellvertreter. Im Frühjahr 1849 nimmt Engels in Baden und der Pfalz sogar aktiv an den revolutionären Kämpfen gegen Preußen teil. Seine militärischen Erfahrungen tragen ihm später den Spitznamen „General“ ein. Nach der Niederlage der Märzrevolution flieht er über die Schweiz nach England, um sich wieder seinen Geschäften als Teilhaber der Firma Ermen & Engels in Manchester zu widmen. Dieses eigentümliche Doppelleben als Revolutionär und Kapitalist wird er strenggenommen bis 1870 fortführen.
Karl Marx hingegen arbeitet seit den 1850er Jahren an seinem Opus Magnum, dem „Kapital“, dessen erster Band im September 1867 erscheint. Engels, der mit seinen finanziellen Zuwendungen Marx‘ endlose ökonomischen Studien überhaupt erst ermöglicht, schreibt im April 1867 an den „lieben Mohr“: Ich sehne mich nach nichts mehr, als nach Erlösung von diesem hündischen Commerce, der mich mit seiner Zeitverschwendung vollständig demoralisiert.
Im Oktober 1870 ziehen Engels und Lizzy Burns, die jüngere Schwester der inzwischen verstorbenen Mary, in die Nähe der Marx’schen Wohnung nach London. Auf den deutsch-französischen Krieg und die kurzlebige Pariser Kommune reagieren sie ambivalent.

Zunächst meint Engels noch, dass Deutschland sich gegen den französischen Chauvinismus Napoleons III. verteidigen müsse, nach der Niederlage der Franzosen und der deutschen Reichsgründung in Versailles wird ihm die Gefahr des heraufdräuenden deutschen Chauvinismus mehr und mehr bewusst. Marx, der die revolutionären Bestrebungen der Pariser Kommune anfangs argwöhnisch beäugt, verfasst nach deren Niederschlagung die Schrift „Der Bürgerkrieg in Frankreich“, in der er die Bedeutung des Aufstandes betont.
Das zunehmende Alter bringt auch für Engels große Schicksalsschläge mit sich. Am 11. September 1878 stirbt seine langjährige Gefährtin Lizzy Burns, die er noch am Sterbebett geehelicht hatte.
1883 stirbt sein zweiter Lebensmensch, Karl Marx. Friedrich Engels wird als dessen wichtigster Nachlassverwalter zum „Apostel des Marxismus“ und zum allseits geschätzten Berater aller „marxistisch“ orientierten Strömungen der internationalen Arbeiterbewegung, insbesondere auch der deutschen Sozialdemokratie. Ihm ist auch die Ordnung und postume Herausgabe von Marx‘ nachgelassenen Schriften zu verdanken, „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“, „Das Elend der Philosophie“, vor allem aber des zweiten Bandes des „Kapitals“ im Jahr 1885. Die Edition des dritten Bandes wird noch bis 1895 dauern. Auch mit Victor Adler, dem Gründervater der SDAP, steht Friedrich Engels in regem Austausch und unterstützt ihn dabei, ab 1895 aus der Arbeiter-Zeitung ein Tagblatt zu machen.
Engels Einfluss auf die weitere Entwicklung des Marxismus kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Nach Marx‘ Tod ist er die unbestrittene Autorität der internationalen Arbeiterbewegung und seine Popularisierung der Marx’schen Theorien macht diese erst international bekannt.
In der neueren Marxismus-Forschung ist allerdings auch vom „tragischen Irrtum“ („tragic deception“, Norman Levine, 1975) die Rede. Engels habe die grundlegenden Konzepte von Marx missverstanden und sei verantwortlich für die daraus folgenden realsozialistischen Fehlentwicklungen.

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Friedrich-Engels-Hof in Simmering
Im Roten Wien werden der in den Jahren 1925/26 nach Plänen von Franz Kaym, Alfons Hetmanek und Hugo Gorge errichtete Friedrich-Engels-Hof in Simmering ebenso wie 1920 der Engelsplatz in der Brigittenau nach ihm benannt.
Werk (Auswahl): Die Lage der arbeitenden Klasse in England, 1845; Der deutsche Bauernkrieg, 1850; Anti-Dühring, 1878; Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, 1880; Ursprung der Familie, des Privateigentum und des Staates, 1884; Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, 1886.
Literatur: Karl Kautsky: Friedrich Engels. Sein Leben, sein Wirken, seine Schriften, 1895; Max Adler: Engels als Denker, 1920; Auguste Cornu: Karl Marx und Friedrich Engels. Leben und Werk. 1818–1846. 3 Bde., 1954–1968; Hans Peter Bleuel: Friedrich Engels, Bürger und Revolutionär, 1984; Helmut Hirsch: Friedrich Engels, 1993; Jürgen Herres: Marx und Engels. Porträt einer intellektuellen Freundschaft. 2018; Wolfgang Maderthaner: Hofrat der Revolution, in: Zeit Nr. 45/2018; Marlene Ambrosi: Friedrich Engels – Fabrikant, Gefährte, Sozialrevolutionär, 2020; Kurt Fricke: Friedrich Engels. Philosoph der Bewegung. 2023.