
© Bezirksmuseum Brigittenau
Am 22. November 1915 stirbt der sozialdemokratische Kommunalpolitiker Leopold Winarsky im Alter von nur 42 Jahren an den Folgen einer schweren Erkrankung.
Der am 20. April 1873 im mährischen Brünn geborene Sohn eines Tapeziermeisters kommt nach dem frühen Tod seines Vaters als Kind nach Wien, wo seine Mutter die Familie als Bedienerin und Wäscherin durchbringen muss.
Während seiner Lehre als Tapezierer schließt sich Winarsky dem Landstraßer Arbeiterbildungsverein „Gleichheit“ an, dessen Vorsitzender er 1893 mit nur 20 Jahren wird. Im Redeunterricht des Vereins kann er seine Fähigkeiten erproben und laufend verbessern.
Leopold Winarsky ist ein glänzendes Beispiel dafür, wieviel an schöpferischer Begabung in der Arbeiterklasse steckt […] und sich den Aufstieg in das Reich des Wirkens und Schaffens aus eigener Kraft erkämpft.Arbeiter-Zeitung, 23.11.1915
Winarsky ist trotz seiner „einfachen Herkunft“ ein überaus belesener Autodidakt, der sich intensiv mit den Theorien der Arbeiterbewegung beschäftigt und bereits in jungen Jahren Artikel für die „Volkstribüne" von Franz Schuhmeier verfasst.
Auf Winarskys Initiative hin wird am 4. November 1894 im Gasthaus „Hamberger“ in der Castelligasse 1 in Margareten die erste sozialdemokratische Jugendorganisation gegründet – der Verein jugendlicher Arbeiter. Winarsky, gelingt es, die beiden Wiener Jugendgruppen „Jugendbund“ aus Ottakring und „Bücherskorpion“ aus Hernals zu vereinen. Aus diesen aufmüpfigen, aber noch nicht dezidiert politischen Bildungsvereinen entsteht die erste Vertretung junger Lehrlinge und Arbeiter, die, ausgehend von ihrer eigenen Lebensrealität, beginnen, sich mit sozialen und politischen Fragen zu beschäftigen.

„Poldl“, 1892 in Glühlichter 1915 © ÖNB
Allerdings stößt der Verein nicht nur bei den Behörden, sondern auch bei Teilen der sozialdemokratischen Funktionäre auf Ablehnung und Skepsis.
Doch die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Bald entstehen auch in den anderen Arbeiterbezirken – in der Leopoldstadt, in Margareten, Meidling, Favoriten, Ottakring und in der Brigittenau – lokale Gruppen. Nach der Gründung eines Vereins jugendlicher Arbeiter in Graz im Jahr 1901 ist es 1903 Zeit für eine landesweite Dachorganisation.
Eine eigene Zeitschrift, „Der jugendliche Arbeiter“, erscheint ab Herbst 1902.
Spät aber doch wird auch die Sozialdemokratische Arbeiterpartei die Bedeutung der neuen Bewegung erkennen, die 1907 in die Satzung der Partei integriert wird. Auch dabei werden Leopold Winarsky, der leidenschaftliche Vorkämpfer der österreichischen Arbeiterjugendbewegung und sein um 12 Jahre jüngerer aufstrebender Kollege Robert Danneberg eine entscheidende Rolle spielen.
1895 wird Winarsky wegen einer in Ottakring gehaltenen öffentlichen Rede zu einer viermonatigen Haftstrafe, „verschärft mit einem Fasttage monatlich“ verurteilt. Das Gerichtsurteil ist schon wegen seiner Skurrilität bemerkenswert.
Die Arbeiter-Zeitung vom 18. Juli 1895 berichtet: „Der Angeklagte Leopold Winarsky ist schuldig des Verbrechens der Beleidigung von Mitgliedern des kaiserlichen Hauses […] begangen dadurch, daß er in einer am 10. März 1895 im Saale „zur rothen Bretze“ […] abgehaltenen Volksversammlung zur Tagesordnung „Das Jahr 1848“ sprach und äußerte: --- Konfiszirt --- hiedurch öffentlich und vor mehreren Leuten durch Schmähungen und Lästerungen die Ehrfurcht gegen die gedachten Mitglieder des kaiserlichen Hauses verletzte…“

Arbeiter-Zeitung, 18. Juli 1895, Abendblatt © ÖNB
1898 holt Ferdinand Skaret den erst 25jährigen als Mitarbeiter in das zentrale Parteisekretariat, wo er sich zu einem ausgezeichneten Organisator entwickelt.
Weil die Bildungsarbeit dem jungen Autodidakten ein besonderes Anliegen ist, unterstützt er auch den von sozialistischen Studenten gegründeten wissenschaftlichen Verein „Zukunft“ nach Kräften. Und als bereits einige Jahre vor der Gründung der Zentralstelle für das Bildungswesen ein erster Versuch unternommen wird, der Arbeiterschaft den Besuch von anspruchsvollen Theatervorstellungen zugänglich zu machen, engagiert sich Winarsky auch hier.
1906 wird Leopold Winarsky zum ersten sozialdemokratischen Gemeinderat der Brigittenau gewählt, ein Jahr später zieht er in den Reichsrat ein. Hier setzt er sich für das Verbot des Sonntags- und Nachtunterrichts an den gewerblichen Fortbildungsschulen und für die Abschaffung des Lehrgeldes, das Lehrlinge bzw. deren Familien an die Lehrherren zu bezahlen hatten, ein. Die Rechte der Lehrlinge sind und bleiben ihm stets ein besonderes Anliegen.

Als 1907 in Stuttgart die Sozialistische Jugendinternationale gegründet wird, vertritt Leopold Winarsky die österreichische Jugendbewegung und hat maßgeblichen Anteil daran, dass das Internationale Büro in Wien angesiedelt wird. Vor ihm liegt eine glänzende politische Karriere.
Nach der Gründung der Zentralstelle für das Bildungswesen im Jahr 1908, ist Winarsky deren logischer erster Vorsitzender. Auch an der Gründung der programmatischen Zeitschriften Der Kampf und „Bildungsarbeit“ ist Winarsky maßgeblich beteiligt. Anlässlich des 30. Todestages von Karl Marx im Jahr 1913 würdigt er in einer ausführlichen Arbeit Marx' Tätigkeit im Bund der Kommunisten und das 1848 veröffentlichte Kommunistische Manifest als „das erste historische Dokument des wissenschaftlichen Sozialismus“.
1914 muss Leopold Winarsky, der zu den wenigen gehört, die sich vom nationalen Kriegstaumel nicht mitreißen lassen, zum Militär einrücken. Im Jahr darauf wird er wegen einer schweren Erkrankung entlassen, an der er wenig später mit nur 42 Jahren stirbt. In einem Nachruf in der Zeitschrift „Glühlichter“ vom 2. Dezember 1915 schreibt „Th. Sch.“ [Therese Schlesinger?]: Wer ihn jemals auf der Tribüne gesehen hat, der wird sich gewiss immer seiner erinnern. Wie ein Sinnbild des Befreiungskampfes der Arbeiterschaft steht seine hohe Gestalt vor uns. Die stolze Haltung des Kopfes, der freie kühne Blick seiner hellen Augen, die große ungezwungene Geste seiner schlanken Hände, all das sehen wir deutlich vor uns, sobald sein Name an unser Ohr klingt. Wir glauben dann seine kraftvolle, frische Stimme zu hören, seine Worte, die zugleich hinreißend und überzeugend wirken. Nachruf, Glühlichter 2.12.1915
In derselben Ausgabe der Glühlichter kommt auch sein Mitstreiter Robert Danneberg zu Wort: So wird er in den Herzen der Arbeiterklasse fortleben: als Vorkämpfer für die Ideen des Sozialismus, als Lehrer des Volkes, aus dem er stammte und dem er treu geblieben ist, in guten und in bösen Tagen.

Winarskyhof, 20., Winarskystraße 15-21, um 1926 © Wien Museum Inv.-Nr. 58129/60
Anfang der 1920er-Jahre wird Winarskys umfangreiche Privatbibliothek von der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien erworben, wo sie gemeinsam mit den Bibliotheken Victor Adlers und Engelbert Pernerstorfers den Grundstock der Sozialwissenschaftlichen Studienbibliothek bildet.
Die in den Jahren 1924 bis 1926 nach Plänen von Josef Hoffmann, Josef Frank, Oskar Strnad, Oskar Wlach, Franz Schuster, Adolf Loos, Margarete Lihotzky, Karl Dirnhuber und Peter Behrens errichtete städtische Wohnhausanlage Winarskyhof und die angrenzende Straße werden nach dem früheren Gemeinderat benannt. Direkt davor befand sich übrigens das 1936 von den Austrofaschisten zerstörte Lassalle-Denkmal.
Werk: Die Organisation der arbeitenden Jugend in Österreich. In: Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. 1903; Die Jugendorganisation in Österreich. In: Die Neue Zeit. 1908; Bericht über die Tätigkeit der Sozialdemokraten in den Gemeindevertretungen, 1909; Wohnungsteuerung und Wohnungselend, 1911; Karl Marx. In: Robert Danneberg: Karl Marx. Der Mann und sein Werk, 1913.
Literatur: Norbert Leser (Hrsg.): Werk und Widerhall. Große Gestalten des österreichischen Sozialismus. Wien 1964; Madeleine Wolensky, "Sie sind mein Harem und mein Lustgarten" oder Bücher haben ihr Schicksal, 1986; Madeleine Wolensky und Josef Vass (Hrsg.): „Er ist gekommen als ein schwärmerischer Idealist“. Leopold Winarsky (1873–1915). Sozialdemokrat und Bücherfreund, Wien 1990.