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Aktuelle Seite: Der Wille zum aufrechten Gang
0225 | 9. APRIL 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Der Wille zum aufrechten Gang

Am 9. April 1946 wird der „Bund sozialistischer Akademiker“ (BSA) in Wien gegründet.

Erste Vorläuferorganisationen des BSA, sozialdemokratische Akademiker- und Studentenvereinigungen, entstehen bereits kurz nach der Gründung der österreichi­schen Sozialdemokratie gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Im Laufe der Ersten Republik, als zunehmend „politisch heimatlose“ Akademiker und Intellektuelle in die Partei strömen, entwickeln und diversifizieren sich diese Standesvertretungen – nach Ärzten, Studenten, Juristen oder Lehrern.

In Wien entsteht die „Sozialdemokratische Studenten- und Akademikervereinigung“, in Linz die „Sozialistische Vereinigung geistiger Arbeiter“ (SOVEGA). 1921 konstituieren sich der „Fachverein sozialistischer Techniker“, 1923 die „Vereinigung sozialistischer Mittelschullehrer“, die „Vereinigung sozialdemo­kratischer Tierärzte Österreichs“ sowie die „Vereinigung sozialdemokratischer Rechts­anwälte“.

1924 gründet sich die „Vereinigung sozialdemo­kratischer Ärzte Wiens“, die eng mit dem Republikanischen Schutzbund und dem Arbeiter-Samariterbund kooperiert. 1928 ist die „Vereinigung sozialdemokratischer Juristen“ startklar, 1929 der „Arbeitskreis sozialistischer Pädagogen“ sowie die „Vereinigung sozialistischer Hochschullehrer“. Schließlich kommt es auch im künstlerischen Bereich zur „Vereinigung sozialistischer Schriftsteller“. Eine zentrale, bundesweite Organisation gibt es nicht.

Die sozialistische Intellektuellen­organisation

Über die Ziele des nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten BSA heißt es im Bericht der konstituierenden Sitzung: Die sozialistische Partei ist im Begriffe, Staatspartei dieses Landes zu werden. Sie ist nicht länger allein die Partei der Arbeiter und Angestellten, sondern aller anderen Schichten, die sich um diesen Kern gruppieren. Dieses Eindringen in die Schichten der Intellektuellen muß der Bund Sozialistischer Akademiker organisieren. Die Aufgabe ist nicht, ein Diskutierklub zu sein, sondern die Intellektuellen zu gewinnen. Ferner gilt es, Fachleute zu stellen.

Dazu müssen die bereits zuvor bestehenden sozialistischen Akademiker­organisationen, die Ärztevereinigung, die der Ingenieure und der Juristen, unter einem gemeinsamen Dach vereint werden. Nach der Gründung des BSA für Wien, Niederösterreich und das Burgenland konstituieren sich noch im Herbst 1946 die Landesorganisationen Steiermark und Oberösterreich, im Jahr darauf folgen Salzburg, Tirol und Vorarlberg, 1948 auch Kärnten.

Bereits kurz nach seiner Gründung wird der Anspruch des BSA, die sozialistische Intellektuellenorganisation zu sein, mit einer Namens­erweiterung dokumentiert: „Bund Sozialistischer Akademiker, Intellektueller und Künstler“.

Erster Präsident des BSA ist der Nationalökonom Alfred Migsch (1901–1975), der sein Amt jedoch Ende 1947 mit seiner Ernennung zum Minister für Elektrifizierung und Energiewirtschaft zurücklegt. Migsch war Anfang 1944 wegen subversiver Tätig­keiten von der Gestapo verhaftet worden und blieb bis zu dessen Befreiung durch die Alliierten im Mai 1945 im KZ Mauthausen inhaftiert. Nach Migschs Ausscheiden übernimmt Theodor Körner für kurze Zeit, auf ihn folgt 1950 Langzeit­präsident Karl Waldbrunner, Verkehrsminister und ab 1970 Nationalrats­präsident.

Volks-„Genossen“

Die neue Parteiführung verzichtet nach 1945 aus unterschiedlichen, nicht immer ganz hehren Gründen, auf eine systematische Rückholung ihrer vertriebenen, meist jüdischen Parteifunktionäre. Gleichzeitig beginnt mit dem Ende der Entnazifizierungsprogramme und der Gründung des VdU, Vorläuferorganisation der FPÖ, das Werben der beiden großen Parteien um die ehemaligen Nationalsozialisten. Der BSA erweist sich bei der „Reinwaschung“ früherer, auch hochrangiger NSDAP-Mitglieder, als brauch­bares Instrument. Schon Alfred Migsch, obwohl selbst ehemaliger KZ-Häftling, setzt sich für eine „differenzierte und vorsichtige Einbindung ehemaliger Nationalsozialisten“ in die SPÖ ein und vertritt, so wie viele in der Partei, eine harte Haltung gegenüber den jüdischen Restitutionsansprüchen. 

Vor allem in den westlichen Bundesländern wird infolge des Mangels an Fachpersonal die Aufnahme der „Ehemaligen“ forciert. 1948 besteht der BSA-Steiermark zu 70% aus früheren Mitgliedern national­sozialistischer Organisationen, in Oberösterreich sind es 58%, in Salzburg 26% und selbst in Wien, wo es den größten Anteil an NS-Verfolgten, Widerstandskämpfern und Emigranten gibt, sind 15% der BSA-Mitglieder vormalige Nazis. Besonders auffällig ist ihre Präsenz im Fachverband der Wiener Ärzte, wo sie über ein Drittel der Mitglieder stellen.

Kein Ruhmesblatt

Für besondere Aufmerksamkeit sorgt der Fall des Arztes und BSA-Mitglieds Heinrich Gross, der während der NS-Zeit als Arzt am Spiegelgrund auf der Baumgartner Höhe in Wien an der Tötung von Kindern mitwirkte und nach dem Krieg als Mitglied der SPÖ und des BSA als Gerichtsmediziner Karriere macht. Gross wird 1957 Leiter der 2. Psychiatrischen Abteilung sowie des Neurohistologischen Laboratoriums der „Baumgartner Höhe“ und führt hier Forschungen an den Gehirnen getöteter Kinder durch. Für diese Forschungen wird er 1959 sogar mit dem Theodor-Körner-Preis ausgezeichnet. Gleichzeitig ist er der meistbeschäftigte Gerichtsgutachter des Landes und erstellt bis 1978 rund 12.000 Beurteilungen, nicht selten auch in überaus sensiblen Fällen. 1975 verleiht ihm Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg das österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.

Erst eine Wiederbegegnung mit dem ehemaligen Spiegelgrund-Überlebenden Friedrich Zawrel und die publikums­wirksamen Aktionen der Mitglieder der „Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin“ unter Werner Vogt bringen den Skandal um Gross in den späten 1970er-Jahren in die Medien. Der Arzt wird 1981 pensioniert und im selben Jahr aus der SPÖ ausgeschlossen.

Die Durchdringung des BSA mit ehemaligen Nationalsozialisten ist natürlich seit längerem bekannt und sorgt auch regelmäßig für Kritik. Schon Simon Wiesenthal spottet: „Der Bund Sozialistischer Akademiker (BSA) hieß unter Kennern bis in die sechziger Jahre nur BSS.“ Und auch Bruno Kreisky erinnert sich, dass „von bos­haften Leuten BSA als B-SA ausgesprochen wurde, weil eine große Zahl der Mitglieder bei der SA gewesen sein soll.“

Besser spät als nie!

Reichlich spät lässt der BSA unter der Präsidentschaft Sepp Rieders und Caspar Einems seine historische Rolle bei der Reinwaschung ehemaliger Nationalsozialsten in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Wider­standes DÖW im Rahmen eines Forschungs­auftrages und mit der Herausgabe des Buches „Der Wille zum aufrechten Gang“ im Jahr 2005 wissenschaftlich aufarbeiten.

Heute versteht sich der BSA, der seit 2010 vom früheren Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny geleitet wird, als „offenes Forum für Akademiker, Intellektuelle und Künstler, die sich der sozialdemokratischen Bewegung zugehörig fühlen oder mit ihr sympathisieren“.

Literatur: Wolfgang Neugebauer, Peter Schwarz, Der Wille zum aufrechten Gang. Zur Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Integration ehemaliger Nationalsozialisten, Wien 2005. Bruno Kreisky: Im Strom der Politik, 1988;  Simon Wiesenthal: Recht, nicht Rache, 1988.

Link: BSA

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