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Aktuelle Seite: Die Frau von heut'
0126 | 22. SEPTEMBER 2023    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Die Frau von heut'


Am 22. September 1923 erscheint „als unabhängige Wochenschrift für alle Frauen“ erstmals Die Unzufriedene. Ihr Motto: „In der Unzufriedenheit liegt der Fortschritt der Menschheit!“

Die 1892 als Pendant zur Arbeiter-Zeitung gegründete und in Stil und Aufmachung nicht gerade massentauglicheArbeiterinnen-Zeitung erreicht in erster Linie jene Frauen, die ohnedies bereits in der Partei und den Gewerkschaften organisiert sind. Im Vorfeld der Nationalratswahl 1923 gründet der Journalist Max Winter deshalb eine neue, „breitenwirksame“ Frauen­zeitschrift. Erste Herausgeberin ist Eugenie Brandl, 1927 folgt ihr Paul Hons. 

Da der Ruf der ‚Unzufriedenen’ an alle Unzufriedenen geht, so ergeht er eigentlich an alle Frauen! […] Sind wir nicht noch immer die Unterdrückten? Die Sklavinnen des Mannes, der Fabrik, unserer Arbeit im Geschäft oder zu Hause, Sklavinnen unserer rückständigen Kultur, Sklavinnen unserer unfreien Gesetzgebung?

Zwischen Aufklärung und Unterhaltung

Ursprünglich nur als Agitations­medium für den Wahlkampf gedacht, wird Die Unzufriedene wegen des großen Erfolgs auch danach fortgeführt. Die Zeitschrift, die den schwierigen Spagat zwischen aktueller Berichterstattung, politischer Aufklärung, Lebensberatung und Unterhaltung versucht, erreicht Anfang der 1930er Jahre eine Auflage von über 150.000 Stück.  

Zum Erfolg der Unzufriedenen tragen auch Modetipps – „Wie kleiden wir uns schön und billig?“ –, Rezepte und Gesundheitsratgeber, vor allem aber die Leserinnenforen „Was sich Frauen von der Seele reden“ und „Bitten von Frau zu Frau“ bei, wo etwa kostenlose Kinderwäsche gesucht oder Kinderwägen günstig abgegeben werden. Das durchgängige Duzen der Leserin soll die weibliche Solidarität über alle Klassenschranken hinweg fördern.

„Die Frau von heut“ ist sportlich, berufstätig, dennoch fürsorglich – und sie trägt Bubikopf. Die konservativ-rückständige Frau hingegen ist füllig, trägt aufwändige Steckfrisuren – „lange Haare, kurzer Verstand“ – und wird als „die Gnädige“ verunglimpft.

Das in der Unzufriedenen vermittelte Rollenbild bleibt dennoch erstaunlich traditionell. Die Entlastung der Frauen zielt nicht auf eine egalitäre Aufgabenteilung im Haushalt ab, sondern beschränkt sich auf Maßnahmen zur Rationalisierung der im Übrigen nicht hinterfragten „Frauenpflichten“.

Ein Wort für Männer

Unermüdlich propagiert Die Unzufriedeneauch die Abstinenz vom Alkohol, weist den Frauen allerdings eine große Mitverantwortung zu. Schließlich seien sie es, die den Männern ein geordnetes und behagliches Familienleben zu bieten hätten. In der Beantwortung eines Leserbriefes heißt es etwa: Die Frau müßte doch immer wieder mit unermüdlicher Liebe und Geduld versuchen, den Mann auch an Sonntagen ans Haus zu fesseln oder zu gemeinsamen Unternehmungen, Spaziergängen, Besuchen bei Freunden zu veranlassen.

In „Ein Wort für Männer“ heißt es gar: Ich als Frau bin überzeugt, daß wir in den meisten Fällen selbst schuld sind, indem wir Frauen den Mann förmlich aus dem Haus treiben – also ins Wirtshaus.

Auf diese Weise vertritt Die Unzufriedene durchaus kleinbürgerliche Werte: die vorbildliche Hausfrau, das weiße Tischtuch, die blitzblanke Wohnung, der schmückende Blumenstrauß, die eigene kleine Bibliothek. Hingegen: Wenn der Mann Krägen ausbügelt... – da kann schon einmal ein Zimmerbrand entstehen!

Tante und Gouvernante

Ambivalent ist auch die Einstellung der Unzufriedenen zum Geschlechtsleben. Einerseits propagiert die Zeitschrift eine aufgeklärte Sexualität, auf der anderen Seite warnt sie vor „sittlicher Verkommenheit“ und vor der Hingabe an „Verführer“: Ihr Proletariermädchen müßt euren Körper noch mehr schützen vor frühzeitiger Blütenlese als die Töchter der Bürgerlichen, denn ihr geht einem viel härteren Kampf ums Dasein entgegen.

In einer eigenen Beilage erscheinen parallel immer zwei Fortsetzungs­romane, zumeist seichte Unterhaltung ohne literarischen Anspruch. Der sozialdemokratische Kulturkritiker Fritz Rosenfeld geht mit dieser Form von „Literatur“ gnadenlos zu Gericht: Was hier an Geschmacklosigkeit, Unbedeutendheit, Trivialität und Rührseligkeit geleistet wird, übersteigt alle Grenzen, schreibt er in der Bildungsarbeit.

Im Verlag Die Unzufriedene werden zwischen 1925 und 1927 allerdings auch die sogenannten Wiener Groschenbüchel herausgegeben, darunter – als letzte Ausgabe dieser losen Reihe – Adelheid Popps Autobiographie „Traurige Jugend“, später unter dem Titel „Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin“ publiziert.

Das kleine Frauenblatt

Ein neuer Abschnitt der Geschichte unserer Heimat hat begonnen. [...] Der Arbeiter und die Arbeiterin dürfen heute nicht mehr in schroffer Ablehnung zum Staate, aber sie sollen auch nicht teilnahmslos und kritiklos abseits stehen, wenn im Staate um neue Formen gerungen wird.

Am 11. Februar 1934 erscheint die vorerst letzte Nummer der Unzufriedenen. Nach mehrwöchiger Unterbrechung ist sie ab 22. April wieder erhältlich. Der Leitartikel dieser Ausgabe ist einigermaßen schwammig und erwähnt die Februarkämpfe mit keinem Wort.

Welches ist nun die Aufgabe der Frauen in diesen Tagen und in den nächsten Wochen? […] Die Leidenschaften zu dämpfen, mitzuhelfen an dem Neuaufbau des Staates und damit auch mitzuhelfen an dem Neubau, der als Heimstätte für die Arbeiterschaft dieses Landes entstehen soll.

Gesucht wird auch ein neuer Name. Und tatsächlich, am 1. Juli 1934 erscheint „Das kleine Frauenblatt: eine unabhängige Wochenschrift für alle Frauen, vormals ‚Die Unzufriedene’“! Unter diesem Titel wird das Blatt bis 1944 erscheinen.

In dieser ersten Ausgabe heißt es: Natürlich drückt sich aber in der Namensänderung auch die neue Stellung zum Staate aus, die auch die arbeitende Frau heute bezogen hat. [...] Vor dem Februar stand die Frau in scharfer Opposition zum Staat. Der Februar hat eine entscheidende Wendung gebracht. [...] Auch die Frau muß heute eine positive Einstellung zu dem Staate nehmen, denn es ist auch unser Staat, wir leben in diesem Staat und es kann keiner Frau gleichgültig sein, wie der neue Staat, der da im Entstehen begriffen ist, aussehen soll.

Die Frau am Titelbild trägt nun statt des Sportdress eine Schürze und ein Kind im Arm...


Literatur: Renate Billeth, Die Ambivalenz im Frauenbild in der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift „Die Unzufriedene“, 2003.

PRESSE UND PROLETARIAT

Sozialdemokratische Zeitungen im Roten Wien

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