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Aktuelle Seite: „Die Hauptsache bleibt die Einigkeit.“
0137 | 30. DEZEMBER 2023    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

„Die Hauptsache bleibt die Einigkeit.“


Zum Jahreswechsel 1888/1889 findet im niederöster­reichischen Hainfeld (Bezirk Lilienfeld) der sogenannte Eini­gungs­­parteitag statt, die eigentliche Geburtsstunde der Sozialdemokratischen Arbeiter­partei Österreichs.

Das etwas abgeschieden gelegene Hainfeld wird als Tagungsort gewählt, da die Arbeiter der Sägemühlen und Eisenwarenfabriken des Ortes bereits organisiert waren und man davon ausging, dass der zuständige Bezirkshauptmann, der bekannt liberale Leopold Graf Auersperg, kein behördliches Veranstaltungs­verbot erlassen würde.

Zwar versucht der Bürgermeister noch, die Veranstaltung zu verhindern, indem er den Wirten des Gasthauses „Zum Goldenen Löwen“ anweist, die von den Organisatoren bestellten Essensportionen sowie die Reservierung des Veranstaltungs­raums wieder zu stornieren. Mit viel Verhandlungs­geschick können Victor Adler und Anton Stacherl, der Vorsitzende der Ortsgruppe, ihn schließlich dazu überreden, die Reservierungen aufrecht zu halten. Vermutlich wirkt auch die Drohung der proletarischen Stammgäste, sein Wirtshaus nie wieder aufzusuchen, stärker als jene der lokalen Behörden.

Ungewöhnlich ist auch der Termin zum Jahreswechsel, der es einer größtmöglichen Zahl von Menschen ermöglichen soll, an diesem Gründungskongress teilzunehmen. Geladen sind 110 Delegierte aus Wien und sämtlichen Kronländern, und tatsächlich reisen Vertreter aus allen Ecken des Landes, mit Ausnahme Dalmatiens, in die kleine nieder­österreichische Marktgemeinde.

Der „Gründervater“

Victor Adler, dem „Spätberufenen“, ursprünglich ein deutschnational-liberaler Demokrat aus dem jüdisch-assimilierten Bürgertum, der mit seinen Enthüllungsreportagen über das Elend der Wienerberger Ziegelarbeiter in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Gleichheit zum Helden der Wiener Arbeiterschaft aufgestiegen war, gelingt es, zwischen den seit langem verfeindeten Gruppierungen der „Gemäßigten“ und „Radikalen“ zu vermitteln und diese endlich zu versöhnen. Wahrscheinlich auch, weil er selbst von den Fraktionskämpfen innerhalb der österreichischen Arbeiterbewegung weitgehend unbelastet war.

Adler hatte bereits im Vorfeld ein Programm ausgearbeitet, das vom einflussreichen Partei­theoretiker Karl Kautsky „gebilligt“ worden war. Dieses neue Parteiprogramm, die „Prinzipien-Erklärung“, wird von den 73 erschienenen stimm­berechtigten Delegierten schließlich mit drei Gegenstimmen und einer Enthaltung angenommen.

Das Programm – eine historische Mission

Die Prinzipienerklärung benennt den politischen Charakter der kapitalistischen Gesellschafts­ordnung, die Rolle des bürgerlichen Klassenstaates und die damit verbundene Eigentumsfrage sowie die daraus resultierende Massenarmut, Verelendung und Unterdrückung. Und sie stellt die Frage nach der historischen Mission der Arbeiterklasse im Kampf für eine gerechte Gesellschaft – und damit auch die Machtfrage.

Die sozialdemokratische Arbeiterpartei in Österreich erstrebt für das gesamte Volk ohne Unterschied der Nation, der Rasse und des Geschlechtes die Beseitigung der ökonomischen Abhängigkeit, die Befreiung der politischen Rechtlosigkeit und die Erhebung aus der geistigen Verkümmerung.

Die Ursache dieses unwürdigen Zustandes ist nicht in einzelnen politischen Einrichtungen zu suchen, sondern in der das Wesen des ganzen Gesellschafts­zustandes bedingenden und beherrschenden Thatsache, daß die Arbeitsmittel in den Händen einzelner Besitzender monopolisirt sind.

Die Besitzer der Arbeitskraft, die Arbeiterklasse, wird dadurch zum Sklaven der Besitzer der Arbeits­mittel, der Kapitalistenklasse, deren politische und ökonomische Herrschaft im heutigen Staate Ausdruck findet. Der Einzelbesitz an Produktions­mittel, wie er also politisch den Klassenstaat bedeutet, bedeutet ökonomisch steigende Massenarmuth und wachsende Verelendung immer breiterer Volksschichten.

Acht Grundsätze

Schließlich werden acht allgemeine Grundsätze formuliert. Betont wird der inter­nationalistische Charakter der Partei, die Rolle der Propaganda und Agitation für die Ver­breitung der sozialistischen Ideen, die Frage der aktiven Teilnahme an den Wahlen der verschiedenen Körperschaften und am Parlamentarismus, der Kampf um eine Arbeiterschutz­gesetzgebung, die Beschränkung der Arbeitszeit, die Aufhebung der Kinderarbeit, der unentgeltliche und konfessionslose Unterricht in den Volks- und Fortbildungsschulen und die unentgeltliche Zugänglichkeit zu sämtlichen höheren Lehranstalten sowie der Ersatz des stehenden Heeres durch die allgemeine Volksbewaffnung.

Besonders hervorzuheben ist der folgende, weit in eine bessere Zukunft weisende Passus des Hainfelder Programms: Der Träger dieser Entwicklung kann nur das klassenbewußte und als politische Partei organisierte Proletariat sein. Das Proletariat politisch zu organisie­ren, es mit dem Bewußtsein seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfüllen, es geistig und physisch kampffähig zu machen und zu erhalten, ist daher das eigentliche Programm der sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich, zu dessen Durchführung sie sich aller zweckdienlichen und dem natürlichen Rechtsbewußtsein des Volkes entsprechenden Mitteln bedienen wird.

Frauen: Bitte warten!

„Ohne Unterschied der Nation, der Rasse und des Geschlechtes“ – ganz soweit sind die Genossen allerdings selbst noch lange nicht. Der einzigen weiblichen Delegierten, Anna Altmann (1852–1937) aus Polzental in Böhmen, wird die Teilnahme am Parteitag verwehrt. Altmann erinnert sich später: Im Jahre 1889 wurde der Parteitag nach Hainfeld einberufen, und auch die Polzentaler Genossen wurden davon in Kenntnis gesetzt, mit der Aufforderung, zu delegieren. Ich wurde als Delegierte gewählt und erstattete nach Wien die Meldung. Die Wiener Genossen schrieben damals, daß sie einen männlichen Delegierten wünschen, die Frauen wären noch nicht so weit...

Einigkeit statt Spaltung

Der Hainfelder Parteitag markiert jedenfalls das Ende der heftigen Auseinandersetzungen, die zur Spaltung der österreichischen Arbeiterbewegung in verfeindete Fraktionen geführt hatten. Die geeinte Sozialdemokratie nach Hainfeld versteht sich als marxistische Partei, wobei die marxistische Theorie entsprechend den spezifischen Verhältnissen des Landes adaptiert werden soll.

Bereits im Jahr 1890 entstehen allein in Wien 30 neue Arbeitervereine und die Mitgliederzahl der sozial­demokratischen Organisationen wächst auf 50.000 Personen an. Daran können auch die staatlichen Repression nichts ändern, als etwa die „Gleichheit“ wegen der Unterstützung eines Streiks der Pferdetramway­kutscher in Wien 1889 verboten und ihr Herausgeber Victor Adler als „Anarchist“ zu vier Monaten Kerker verurteilt wird.

Auf dem Wiener Parteitag von 1901 wird das Hainfelder Programm durch ein neues, etwas gemäßigteres ersetzt. Max Adler, der Theoretiker des Austromarxismus, wendet sich bereits damals entschieden gegen die Verwässerung des Hainfelder Programms und bezeichnet den Entwurf des neuen Programms als „reformistisch“: „Wir brauchen keine Revision unseres prinzipiellen Standpunktes“.Erst das kontrovers diskutierte Linzer Programm des Jahres 1926, das die Handschrift Otto Bauers trägt, kehrt wieder zum Ziel einer „Revolution auf demokratischem Wege“ zurück.

Victor Adler selbst wird bis zu seinem Tod im November 1918 erster Vorsitzender der neuen und nunmehr geeinten Partei bleiben.

An den Parteitag erinnert ein Denkmal in Hainfeld. Der Gedenkstein wird 1928 zum 40. Jahrestag des Parteitags errichtet und 1934 zerstört. 1948 wird das Denkmal wiedererrichtet.

Literatur: Heinz Fischer, Die Zukunft der SPÖ – Hundert Jahre nach dem Hainfelder Parteitag, 1988; Franz Kreuzer, Was wir ersehnen von der Zukunft fernen. Der Ursprung der österreichischen Arbeiterbewegung, 1988; Herbert Steiner, Die Arbeiterbewegung Österreichs 1867–1889, 1964.

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