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Aktuelle Seite: „Die Internationale auf Bretteln“.
0005 | 5. Februar 2021    Text: Lilli Bauer & Werner T. Bauer

„Die Internationale auf Bretteln“.

Zur 2. Arbeiter-Olympiade in Mürzzuschlag

Es ist jetzt wahrlich keine Zeit der Festesfreude. Not ist in aller Welt. Auf zwanzig Millionen schätzt das Internationale Arbeitsamt die Zahl der Arbeitslosen, schreibt nicht etwa die Tagespresse im Februar 2021, sondern die Arbeiter-Zeitung vor 90 Jahren.

Und doch – als wollte die Arbeiterjungend demonstrieren, daß sie sich trotz aller Krisen des Kapitalismus und aller Angriffe der Kapitalistenklasse ihr Recht auf Aufstieg und Lebensmut und Lebensfreude durchsetzen will und wird, beginnt heute mitten in dieser Zeit der Krise […] ein wahres Trutzfest der Arbeiterjugend Europas. In Mürzzuschlag wird heute die Winterolympiade der Arbeitersportler eröffnet – der Vorbote der großen Olympiade, die im Juli die sporttreibende Arbeiterjugend Europas in Wien versammeln wird.

Ein Trutzfest des Wintersports

Von 5. bis 8. Februar 1931 veranstaltet die Sozialistische Arbeiter-Sport-Internationale (SASI) zum zweiten Mal eine Wintersport-Arbeiter-Olympiade. Die ersten Spiele hatten 1925 in Schreiberhau im schlesischen Riesengebirge stattgefunden, nun ist Mürzzuschlag der Austragungsort.

Wir verzichten von vornherein auf alle Sensationen
Julius Deutsch, Schutzbundführer und Vorsitzender der SASI

Helsinki 1927: Auf dem 4. Kongress der SASI wird die Austragung der 2. Arbeiter-Olympiade an Österreich vergeben. Die Zuerkennung erfolgt nicht zuletzt deshalb, weil der österreichische Arbeiterbund für Sport und Körperkultur europaweit die höchsten Mitgliederzahlen aufweist – gegen Ende der 1920er-Jahre zählt der ASKÖ über 200.000 Mitglieder.

Austragungsort der Winterspiele ist das steirische Mürzzuschlag. Auf historischem Boden werden die Veranstaltungen vor sich gehen, heißt es im Festführer, denn in Mürzzuschlag wurde der Skilauf in Mitteleuropa eingeführt.

„… doch darf die körperliche Erziehung nie Selbstzweck werden“

Der Akzent bei den Arbeiter-Olympiaden [sic!] liegt allerdings nicht so sehr auf Einzelleistungen, sondern auf der Breitenwirkung des Sports – in bewusster Abgrenzung zu den als kommerziell und nationalistisch eingestuften Olympischen Spielen: Denn das ist das Wesen des Arbeitersports, daß er von Haus aus eine ganz andere Richtung nehmen mußte als der Sport der besitzenden Klassen. Ist dieser individualistisch, so jener kollektivistisch. Drängt der bürgerliche Sport zur Einzelleistung, zur Rekordsucht, entwickelt sich der Arbeitersport zur Massenleistung, zum Sozialismus.

Als Antwort auf die angespannte und zunehmend von Gewaltbereitschaft geprägte Lage in Europa gibt es – als jüngste Sparte in der Internationale – sowohl bei den Winter- als auch den Sommerspielen Wehrsportübungen. Damit wollen die Arbeitersportler ihre Kampfbereitschaft unter Beweis stellen.

 

Der Weg zum Massensport

Für die Anreise der SportlerInnen und der Gäste kommen die Österreichischen Bundesbahnen den Veranstaltern mit einer fünfundzwanzigprozentigen Ermäßigung entgegen. Wintersport der Arbeiter – wer hätte vor dreißig, selbst vor zwanzig Jahren davon geträumt? Gerade der Wintersport war bis zum Kriege noch ein Sport der Reichen!, weiß die Arbeiter-Zeitung. Wie muß sich der Arbeiterjunge, das Arbeitermädel Groschen um Groschen absparen und abringen, ehe es soviel bekommen hat, Skilaufen, eine Fahrt ins Gebirge bezahlen zu können!

Der „Wohnungsausschuss“ wird, wie schon beim Internationalen Jugendtreffen 1929, von Gemeinderat Edmund Reismann geleitet. Zur Unterbringung werden Massen-, aber auch kostenlose Privatquartiere organisiert, allein die Gruppe der österreichischen Teilnehmer wird auf 6.000 geschätzt.

Auch für die Verpflegung ist gesorgt, ebenso für die Unterhaltung der Gäste, denen nicht weniger als 27 verschiedene Ausflüge im Skigebiet Mürzzuschlag angeboten werden. Und um die Gesundheit der SportlerInnen kümmert sich – wie immer bei solchen Großveranstaltungen – der Arbeiter-Samariterbund.

Insgesamt sind in Mürzzuschlag acht Nationen vertreten, um vier mehr als in Schreiberhau – Deutschland, Finnland, Lettland, Österreich, Ungarn, die Schweiz sowie die Tschechoslowakei mit einem Team aus Aussig und einem aus Prag. Und während in Schreiberhau nur Wettkämpfe in den Disziplinen Skilaufen, Skispringen und Rodeln ausgetragen wurden, kommen in Mürzzuschlag Eisschnellaufen, Eiskunstlaufen und das Eishockey hinzu.

Die Frau von heut‘

Seit der letzten Arbeiter-Olympiade hat auch der Frauensport große Fortschritte gemacht. Insgesamt nehmen 41 Sportlerinnen an den Wettkämpfen teil - im Langlauf, im Eiskunstlaufund im Einsitzer-Rodeln.

Frau und Sport sind heute keine Gegensätze mehr wie zu Großmutters Zeit, sondern sie gehören zusammen wie Kind und Spiel. […] Frauen und Mädchen sollen wandern, turnen, springen, schwimmen, eis- und skilaufen, bergsteigen und tanzen, sich gesund und vernünftig kleiden und ernähren, schreibt Dr. Steffi Endres in der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift Die Unzufriedene.

Der erste Tag gehörte den Finnen.

[…] der Großteil der Läufer hat aufgegeben, die Finnen sind nach drei Kilometer umgekehrt. Die Läufer versinken oft bis zur Brust in dem Pulverschnee…

Der 30-Kilometer-Langlauf auf dem Sonnwendstein muss wegen der fast unüberwindlichen Schneemassen und des einsetzenden Schneetreibens unmittelbar nach dem Start leider abgebrochen werden. Beim 15-Kilometer-Langlauf gehen die ersten neun Ränge wie erwartet an Finnland, der beste Österreicher findet sich auf Rang 13.

Im Eiskunstlauf dominieren hingegen sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern die Walzerkönige aus Wien.

20 „Sportgenossen“ hatten die ganze Nacht auf dem Eislaufplatz durchgearbeitet, um die Eisdecke vom Schnee frei zu halten.

Und beim Einsitzer-Rodeln gehen sogar alle Ränge von 1 bis 33, mit Ausnahme des fünften, an die Österreicher.

Das heimische Eishockeyteam schlägt Lettland und Deutschland und wird Olympiasieger. Und auch beim „8-Kilometer-Mannschaftslauf für Wehrturner mit Gepäck“ können die Österreicher punkten: Rang 1 geht an die Wehrturner aus Innsbruck, die Wehrturner aus Wien XVII/II werden vierte, der Schutzbund Wien XIII/6 landet auf Rang 6.

Bei den Sommerspielen, die im Juli 1931 in Wien stattfinden, werden die Österreicher noch besser abschneiden. Die Arbeitersport-Internationale ist eine Wegbereiterin des Sozialismus […]. Hoffen wir, daß die Olympiade im roten Wien mit dazu beiträgt, uns unserem großen Ziel ein ansehnliches Stück zu nähern, so Julius Deutsch.

2. ARBEITER-OLYMPIADE IN WIEN

Bis 28.11.2021 im Waschsalon Karl-Marx-Hof

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