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Aktuelle Seite: „Die Leser der Wiener Tagesblätter“
0201 | 16. AUGUST 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

„Die Leser der Wiener Tagesblätter“

Unter diesem Titel erscheint am 16. August 1895 im „Humoristisch-satirischen Arbeiterblatt“ Glühlichter eine bemerkenswerte Karikatur…

Signiert ist die Zeichnung mit „H. Pictor“, ein Kürzel für Homo pictor, „der Mensch als Bildschöpfer“. Der Zeichner selbst bleibt anonym.

Die „Glühlichter“ nehmen innerhalb der ausufernden sozialdemokratischen Presselandschaft einen besonderen Platz ein. In der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei erkennt man schon sehr früh die Bedeutung der Satire zur Mobilisierung „der im Proletariat schlummernden Kräfte.“ Den politischen Gegner der Lächerlichkeit preiszugeben, wird als probates Mittel in der politischen Auseinander­setzung gesehen, darüber hinaus ermöglicht es die ins Lächerliche gehende und oft übertriebene Darstellungsform – schärfer als sonst üblich – auf gesellschaftliche Mißstände hinzuweisen.

Erste „Witzblätter“ entstehen im Umfeld der des Lesens kundigen „proletarischen Elite“ der Drucker und Setzer. 1868 erscheint das satirische Arbeiterblatt „Der Keiltreiber“ als „politisch-humoristisch-satyrische Zeitschrift für Typo-, Litho-, Photo-, Xylo-, Kalli- und sonstige Graphen, Schriftgießer, Stereotypeure und alle Anderen, die für oder gegen den Druck sind.“ Und 1882 kommen die „Elektrischen Streiflichter“ als humoristische Ergänzung zum Fachblatt der Drucker, dem „Vorwärts“, heraus.

Große Namen

Ab dem 30. November 1889 erscheinen schließlich zweimal monatlich die „Glüh­lichter“. Die im Stil des Münchner „Simplizissimus“ gehaltene Satirezeitschrift befindet sich anfangs in Privateigentum und wird, nachdem sie Gewinn abwirft, 1894 von der Partei übernommen.

Die „Glühlichter“ wenden sich nicht mehr an einen bestimmten Berufsstand, sondern an ein breiteres Publikum. Herausgeber sind der Journalist Hans Czermak, der Buchdruckergewerkschafter David Sussmann, der Buchhändler und Verleger Ignaz Brand und dessen Mitarbeiter Arthur Heydtmann; als Redakteure fungieren der gelernte Buchdrucker, Schriftsteller und Journalist Emil Kralik – der spätere „Habakuk“ der Arbeiter-Zeitung–, der Journalist Hans Bernauer, der Buchhändler und Verleger Hugo Heller, der Schriftsteller und Theatergründer Stephan Großmann und der Arbeiterdichter und Volksbildner Josef Luitpold Stern.

Die „Glühlichter“ enthalten humoristische Glossen, Lieder, Gedichte, politische Witze, Fortsetzungserzählungen und satirische Beiträge bekannter Autoren, etwa des Arbeiter­dichters Alfons Petzold, des Schriftstellers und Satirikers Alexander Roda-Roda, des späteren Literaturnobelpreis­trägers Hermann Hesse oder der Schriftsteller und Dichter Marie Ebner-Eschenbach, Christian Morgenstern und Anastasius Grün.

Die – teilweise auch kolorierten – Karikaturen und Zeichnungen zur Tagespolitik stammen unter anderem von Friedrich Kaskeline, Theodor Zajeckowski, Fritz Graetz, Franz Koch, Moriz Jung oder Alfred Kubin.

Ganz und gar nicht „korrekt“

Die ganzseitige und kolorierte Karikatur vom 16. August gehört zweifellos zu den besten in der Geschichte des Blattes. Der Illustrator spielt mit Stereotypen, die 30 Jahre vor dem Nationalsozialismus noch „unschuldig-naiv“ wirken, im Rückblick freilich etwas fragwürdig erscheinen. Besonders trifft dies auf den Leser der „Neuen Freien Presse“ (NFP) im linken oberen Bildteil zu, der als „typisch jüdisch“ dargestellt wird und wahrscheinlich gerade die Aktienkurse studiert. Dieser „Börsenjude“, der andere, vor allem aber das Geld für sich arbeiten lässt, und zu diesem Zweck, wie an seinen ledernen Hausschuhen erkennbar, nicht einmal das Haus verlassen muss, ist überdeutlich antisemitisch karikiert – denn auch die Arbeiterbewegung bedient sich in ihrer Polemik gegen Großindustrielle und Börsenspekulanten immer wieder solcher Klischees.

Gleichzeitig aber rekrutiert sich ein großer Teil des Führungspersonals der SDAP gerade aus dem assimilierten jüdischen Bürgertum – Victor Adler, Otto Bauer, später auch Hugo Breitner, Robert Danneberg und viele, viele andere. Und im Roten Wien werden nicht wenige aus dem Milieu des assimilierten jüdischen Bürgertums stammende Leser der NFP mangels Alternative die Sozialdemokratie wählen…

Die 1864, am Höhepunkt des Liberalismus, gegründete NFP ist eine der führenden Zeitungen der Monarchie, das hauptsächlich vom liberalen Bildungs­bürgertum gelesen wird. Dieser Umstand ist nicht zuletzt der Schar prominenter Autoren zu verdanken, die dort tätig sind, wie etwa Theodor Herzl, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Arthur Schnitzler oder Stefan Zweig. Bemerkenswert ist, dass auch Karl Marx in den ersten Jahren seines Londoner Exils als Korrespondent für deren Vorgängerblatt „Die Presse“ schreibt – allerdings, mit Rücksicht auf die zartbesaitete bürgerliche Leserschaft, ohne dass sein Name genannt wird.

Die Blattlinie der NFP ist großbürgerlich-liberal, betont deutschfreundlich, aber nicht deutschnational, antiklerikal und, im Gegensatz zu den Blättern der Christlich­sozialen, sozial „verständnisvoll“.

Zu den schärfsten Kritikern der NFP zählt Karl Kraus, der ihrem Herausgeber Moriz Benedikt in der Fackel (Nr. 376/377, S. 17) unterstellt, dass es „keine Schlechtigkeit“ gäbe, die dieser nicht „für bares Geld“ vertreten, und keinen Wert, den er aus Idealismus nicht zu verleugnen bereit“ sei. Und auch in seinem Stück „Die letzten Tage der Menschheit“ arbeitet sich Kraus an der NFP ab, besonders an deren Kriegsberichterstatterin Alice Schalek, die er als „Die Schalek“ für die Heroisierung und Romanti­sierung des unmenschlichen Krieges mitverantwortlich macht und der er Worte in den Mund legt wie: „Was mich aber immer wieder empört, ist, daß die Stadt [Belgrad, Anm.] nicht einmal gepflastert war. Das mag dem Entschluß, sie dem Erdboden gleich zu machen, zu Hilfe gekommen sein.“ (II. Akt, 19. Szene)

„O alte Burschen­herrlichkeit“ 

Gleich darunter befindet sich die Karikatur eines feisten deutschnationalen Burschenschafters, der mit Schmissen und einer Kornblume dekoriert ist; hinter ihm ein Porträt Bismarcks und ein Bild des radikal-antisemitischen Politikers Georg von Schönerer. Die frischgezapfte Maß Bier darf bei der Burschenschafter-Herrlichkeit natürlich nicht fehlen. Und was liest der rechte Recke? Die „Ostdeutsche Rundschau“ natürlich, deren häufige Namens­wechsel auch die verzweifelte Identitätssuche ihrer Leserschaft widerspiegelt. 

Seit 1890 erscheint sie als Wochenzeitung, ab 1893 als Tageszeitung, ab 1903 trägt sie den Titel „(Neues) Deutsches Tagblatt“, 1908 kehrt sie zu ihrem ursprünglichen Namen „Ostdeutsche Rundschau“ zurück, um in der Ersten Republik als „(Wiener) Deutsche Tageszeitung“ bzw. „Deutschösterreichische Tages-Zeitung“ zu firmieren. Heraus­gegeben wird das streng antimarxistische und antisemitische Hetzblatt von der „Alldeutschen Vereinigung“ unter der Führung Schönerers, der den politischen Rassen­antisemitismus in Österreich verbreitet, allerdings niemals die Popularität eines Lueger erreicht. Gegen Ende der Ersten Republik wird das Blatt zum inoffiziellen Organ der österreichischen National­sozialisten.

„Wer a Jud is, bestimm I“

Links unten im Bild tobt der enragierte Klein- und Wutbürger, der in den letzten 130 Jahren kaum gealtert zu sein scheint. Die Werkzeuge an seinem Arbeitstisch weisen ihn als kleinen Handwerker, offensichtlich als Schuster aus, und damit als Vertreter der Klientel des „schönen Karl“ Lueger, dessen Bild auch die Wand dahinter ziert.

Bürgermeister Lueger wird von Adolf Hitler, der sich in den Jahren von etwa 1907 bis 1913 in Wien mehr schlecht als recht durchschlägt, in „Mein Kampf“ als „großer und genialer Reformator“ gelobt, als jemand, der es – im Gegensatz zu Schönerer – verstanden hätte, dass man in erster Linie jene Schichten der Bevölkerung gewinnen müsse, „deren Dasein bedroht war“, den „vom Untergange bedrohten Mittelstand“. An Luegers Antisemitismus, auf den auch das im Bild gezeigte Graffito des am Galgen baumelden Juden hinweist, kritisiert Hitler, dass es ein „Scheinantisemitis­mus“ gewesen sei, „fast schlimmer als überhaupt keiner“, einer, an den sich die Juden mit der Zeit sogar gewöhnt hätten. Tatsächlich ist Lueger kein Rassenantisemit, sondern ein schamloser Populist, der durchaus von sich behaupten darf, dass „einige seiner besten Freunde Juden“ seien. Gleichzeitig ist er es, der den „volkstümlichen“, meist auf Konkurrenzneid basierenden und christlich unterfütterten Antisemitismus der breiten Massen „akzeptabel“ macht.

Der rabiate Kleinbürger konsumiert das „Deutsche Volksblatt“, eine österreichi­sche Tageszeitung, die seit 1889 in Wien mit dem Titelzusatz „Radikales Mittelstandsorgan“ erscheint. Das anti­semitische Blatt, von Hitler in „Mein Kampf“ ausdrücklich für die Herausbildung seiner Weltanschauung gewürdigt, steht den Christlichsozialen nahe. Deren späteres Kampfblatt, die „Reichspost“, ist zum Zeitpunkt des Erscheinens der Karikatur noch relativ neu am Markt und wird dem „Deutschen Volksblatt“ erst in den darauf folgenden Jahren mehr und mehr das Wasser abgraben.

Wehe wenn sie wütet!

Im rechten unteren Bildeck ist eine typische „Fratschlerin“ abgebildet, eine jener für ihren derben Witz und ihre Schlagfertigkeit berühmten Marktfrauen, die etwa am Naschmarkt das Regiment führen und stets einen großen Wortschatz an ordinären Ausdrücken bereithalten.

Beim „Illustrirten (sic) Wiener Extrablatt“ in ihren schwieligen Händen handelt es sich um eine bereits seit längerem erscheinende kleinformatige (!) Tageszeitung, die vor allem „sensationelle“ und tagesaktuelle lokale Nachrichten sowie Fortsetzungs­romane in leicht verständlicher Sprache, dafür aber reich bebildert bringt – sich im Vergleich mit der heutigen Boulevardpresse aber geradezu „intellektuell“ ausnimmt!

In vino veritas

Bleibt noch der beleibte Kleriker im oberen rechten Bildrand. Vor sich ein Fläschchen „Johannisberger“-Dessertwein, studiert er „Das Vaterland“, eine bereits seit 1860 (!) existierende katholisch-monarchistische Tageszeitung mit geringer Auflage, aber großem Einfluss, vor allem in aristokratischen Kreisen.

Verglüht…

In der Bildmitte aber thront der idealtypische Arbeiter, stolz und erhaben, den rechten Unterarm auf einen Amboss gestützt, von einem vorübergehenden „Kapitalisten“ argwöhnisch beäugt. In den Händen hält er, selbstverständlich, die 1889 gegründete Arbeiter-Zeitung, die seit dem 1. Januar 1895, also erst seit kurzem, als Tageszeitung erscheint. Die gesamte Karikatur ist demnach als ganzseitige, geistreiche Annonce zu verstehen.

In der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei erfahren „Die Glühlichter“ trotz ihres hohen Niveaus und einer bis nach Deutschland verbreiteten Auflage nicht die ihnen gebührende Wertschätzung. Sie bleiben ein „Witzblatt“, das ab 1896 „Neue Glühlichter“ heißt, auch aktiv in die Wahlrechtskämpfe eingreifen muss und während des Ersten Weltkriegs eine entschieden pazifistische Haltung vertritt, weshalb es in den ersten Kriegsmonaten häufig zensuriert und Ende 1915 eingestellt wird.

Presse und Proletariat

Sonderausstellung im Waschsalon 2017/18

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