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Anlässlich der festlichen Eröffnung des Kindergartens „in der Sandleiten“ am 15. Mai 1930 berichtet die Arbeiter-Zeitung:
An aufsteigendem Hange liegt inmitten eines Gartens mit weiten Spielplätzen, sonnenbereit der Kinderpalast. Breite Terrassen, riesenhafte Fenster, man könnte glauben, dieses Haus bestünde überhaupt nur aus Fenstern, aus Terrassen, um ja recht viel Sonne, ja recht viel Luft einzulassen.
„Luft, Licht und Sonne“
Der Kindergarten Sandleiten, der aufgrund seiner prächtigen Ausstattung von Beginn an eine Sonderstellung unter den Kindergärten Wiens einnimmt, ist ein Werk des Architekten Erich Leischner, der in der damals größten Wohnhausanlage Wiens auch die Arbeiterbücherei und das im nahen Kongresspark gelegene Kongressbad errichtet.
Im Eingangsbereich des Gebäudes findet sich eine Marmortafel mit dem Motto des Stadtrats Julius Tandler: Dem Kinde Schönheit und Freude. Unauslöschbar haften Kindheitserlebnisse.
Josef Bittner, Leiter des Stadtbauamtes und an der Gesamtplanung der Wohnhausanlage Sandleiten entscheidend beteiligt, schreibt 1928/29 in einer Begleitschrift zur Eröffnung: Einen Stützpunkt der ganzen Anlage bildet das noch in Bau befindliche originelle, nächst der Rosenackergasse gelegene Kindergartengebäude. Es wird im Frühjahr 1929 vollendet sein. Mit seinen Fenstern und Terrassen blickt es nach Süden auf einen mit Spielplätzen und Planschbecken für die Kleinen ausgestatteten Garten nieder, gleichsam Gesundheit und körperliche Ertüchtigung für die heranwachsende neue Generation verheißend. Durch Luft, Licht und Sonne zur Gesundheit und Freude.

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Der Kindergarten in der Wohnhausanlage Sandleiten ist der erste Kindergarten überhaupt, der von einem Wiener Bürgermeister persönlich eröffnet wird. Schließlich ist es der einhundertste Kindergarten der Stadt, und noch dazu der prächtigste. Doch der scheinbare Luxus ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. In seiner Eröffnungsansprache erklärt der Stadtrat für das Wohlfahrtswesen, Julius Tandler: Wir sind der Ueberzeugung, daß man Menschen zum Guten und Rechten nur durch Güte und Schönheit erziehen kann.
Im Unterschied zu „Normalkindergärten“ ist jener in Sandleiten, so wie alle „Volkskindergärten“ der Stadt Wien, von 7 bis 18 Uhr geöffnet. Und er bietet Raum für 250 Kinder in sieben Gruppen. Alle Möbel sind kindgerecht, es gibt Spielecken und eine Kinderwerkstätte zum Malen und Basteln.

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Damit die Kinder sich zurechtfinden, hat jedes ein eigenes „Bilderzeichen“ auf all seinen Gebrauchsgegenständen. Darüber hinaus hilft den Kindern ein Farbleitsystem bei der Orientierung. Das eine hat einen Hasen auf den blauen Hausschuhen, die es nun anziehen muß, auf dem blauen Spielhöschen, in das es schlüpft […] und auch auf seinem weißen Schürzchen. Alles, was ihm gehört, […] trägt das Häsleinzeichen. Das läßt sich leicht merken. […] An der schneeweißen Tür leuchtet ein blauer Enzian; die Spielhosen und Hausschuhe des Kindes sind blau, es gehört in dieses Zimmer.
Da die Kinder ganztägig untergebracht sind, müssen sie auch verpflegt werden. Sie erhalten ein Frühstück und ein Mittagessen – für viele die einzige warme Mahlzeit am Tag. Das Mittagessen wird von der WÖK angeliefert. Besteck und Servietten finden die Kinder in Täschchen, die mit ihrem Merkzeichen versehen sind.
Schon die ganz Kleinen werden in die Pflicht der Selbständigkeit und der gegenseitigen Hilfe genommen. Jedes Kind nimmt selbst aus dem Suppentopf; […] ist ein Kleines ungeschickt, so hilft eben der größere Kamerad.
Anschließend geht es „schnell zur Mittagsrast“. Decken und Pölster gibt es nicht, diese sind „als Staub- und Bazillenfänger schädlich“. Im Sommer werden die Liegematten auf der großen Terrasse aufgestellt.
Bürgermeister Karl Seitz erinnert in seiner Ansprache an den deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel (1782–1852), der als erster erkannt habe, dass der wichtigste Teil der Erziehungsarbeit in den allerersten Lebensjahren geleistet werden müsse, Kinder mehr bräuchten als eine bloße „Bewahranstalt“. Die Zukunft unseres Volkes braucht neue Menschen, Menschen, die in Licht und Luft und Sonne aufwachsen, Menschen, die arbeitend lernen und lernend arbeiten.
Wiens Werk steht hier mustergültig da.
Im „Neuen Wien“ werden, in erster Linie auf Initiative Julius Tandlers, der so treffend meint, „Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder“, 89 neue Kindergärten errichtet, die Zahl der Kindergärten damit nahezu verdoppelt. Besuchs- und Verpflegungsgeld sind sozial gestaffelt, zwei Drittel der Kinder sind von der Zahlung gänzlich befreit.

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Eingangshalle mit Fresken, um 1930
In Wohnhausanlagen mit mehr als 70 Parteien wird, wenn sich in unmittelbarer Nähe kein eigener Kindergarten befindet, ein sogenannter „Kinderaufenthaltsraum“ eingerichtet, in dem „eine von den Hausparteien zu bestimmende, ältere Person, wie z. B. ein Ruheständler" die Aufsicht besorgt. In größeren Wohnhausanlagen sind eigene Lesezimmer vorhanden, in denen die Kinder ihre Schulaufgaben erledigen und sich auf den Unterricht des nächsten Tages vorbereiten können.
Besonders in den großen Gemeindebauten sind die Kinder bestens versorgt: In allen Anlagen sind große, gärtnerisch ausgestattete Höfe vorgesehen, die den Kindern des Hauses als Spielplatz dienen. Einzelne große Anlagen besitzen Spielsäle für die Kinder. Um eine geregelte Leitung und Beaufsichtigung der Kinder zu erwirken, werden in den größeren Wohnhausanlagen eigene städtische Kindergärten und Kinderhorte errichtet, schreibt Robert Danneberg 1929 in seiner Bilanz „Zehn Jahre neues Wien“. 1932, kurz vor dem Ende der Ersten Republik, befinden sich 111 Kindergärten im Besitz der Gemeinde Wien.

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"Säule des Frohsinns", um 1930
Entsprechend dem Programm des Roten Wien, wonach alle Menschen ein Anrecht auf Schönheit hätten, ist auch der Kindergarten in Sandleiten mit Kunstwerken namhafter Künstler geschmückt. Das Glück dieses Hauses, wo jeder Raum Schönheit atmet, jede Handlung Güte ist, muß das Gute in diesen fügsamen Kinderseelchen zur Entfaltung bringen…Karl Seitz
Die „Säule des Frohsinns“ im Garten des Gebäudes ist ein Werk des Bildhauers Wilhelm Frass, der im Roten Wien einige Aufträge zur Ausstattung von Gemeindebauten ausführt. So richtig Karriere macht Frass allerdings erst im Ständestaat und – damals schon illegaler Nazi – vor allem nach dem „Anschluss“.
1945 wird Frass dennoch als „minderbelastet“ eingestuft und wieder in den Kunstbetrieb integriert. 2012 wird in dem von Frass geschaffenen Denkmal des toten Soldaten in der 1934 errichteten Krypta am Wiener Heldenplatz ein Huldigungsschreiben des Bildhauers an den Nationalsozialismus entdeckt – und gleichzeitig eine Friedensbotschaft seines Kollegen Alfons Riedel, der zu dieser Zeit ein Mitarbeiter von Frass war.
Von Josef Riedl, der 1930 die Allegorien der Aufklärung, der Freiheit, der Fürsorge und der Körperkultur an der Fassade des Karl-Marx-Hof schaffen wird, stammt die Skulptur „Zicklein“ im Kindergarten Sandleiten.
Die Wandmalereien von Trude Schiebel, Else Schulhof und der aus „rassischen Gründen“ vertriebenen Hilda Goldwag, die den Holocaust als einzige ihrer Familie überleben sollte, existieren nicht mehr.

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Die Fresken im Spielsaal werden von Schülerinnen einer Wiener Jugendkunstklasse des pädagogischen Institutes der Gemeinde Wien geschaffen.
Literatur: Josef Bittner, Die Wohnhausanlage Sandleiten. Garten- und Bäderanlage am Kongreßplatz im 16. Bezirk. Wien, ca. 1928/29; Die Kindergärten der Stadt Wien, herausgegeben vom Jugendamt der Stadt Wien, 1932.