
Im Juni 1925 veröffentlicht Anton Tesarek, Redakteur der Kinderfreunde-Zeitschrift „Kinderland“, eine Reportage über vier Buben und ihre Abenteuer im Park. Der Name, den sich die Gruppe selbst gegeben hätte: Rote Falken.
Wir sind Arbeiterkinder und wir sind stolz darauf!
Die Buben, Angehörige einer Kinderfreundegruppe, sind mit einem grünen Wimpel „bewaffnet“, auf dem ein roter Fleck aufgenäht ist. Um in die Gruppe aufgenommen zu werden, gilt es, eine Reihe von Prüfungen zu bestehen. Anwärter müssen etwa zehn Arbeiterführer namentlich kennen, das „Lied der Arbeit“ singen, einen Ball flicken, drei Minuten schwimmen und auf zwei Fingern pfeifen können.
Einer anderen Überlieferung zufolge geht der Name „Rote Falken“ auf die Erzählung „Das Lied vom Falken“ (1895) des russischen Schriftstellers Maxim Gorki zurück.

© Bezirksmuseum Landstraße
Die Roten Falken aus dem Fasanviertel in Wien Landstraße
Begeistert greift Anton Tesarek diese Idee auf und gründet noch im selben Jahr die Roten Falken als sozialdemokratische Jugendorganisation innerhalb der Kinderfreunde, gedacht für die 10- bis 14-jährigen. Er sah täglich den Kampf der Großstadtjungen mit den feindlichen Gewalten vor seinen Augen, den Kampf mit den Parkwächtern, die Gaslaternen und Grashalme zu schützen hatten und, je eifriger sie ihres Amtes walteten, um so mehr das Betätigungsfeld gesunder Jungen und Mädel einengten, erinnert Max Winter an die Intentionen des „Erziehungstheoretikers“ Tesarek.
Einige Elemente werden direkt von der bereits existierenden Pfadfinderbewegung übernommen – der einprägsame Name, das gemeinsame Abzeichen, die Aufteilung der Kinder in verschiedene Altersstufen, die starke Selbstorganisation der einzelnen Gruppen und natürlich die einheitliche Kluft. Die Roten Falken tragen ein blaues Hemd als Reminiszenz an die blauen Jacken und Hosen der „klassischen“ Arbeiter sowie ein rotes Halstuch, das auf die rote Fahne der Arbeiterbewegung verweist.

© SPÖ Ottakring
Rote Falken aus Ottakring
Die Idee verbreitet sich jedenfalls wie ein Lauffeuer und es dauert nicht lange, bis die Roten Falken zu einer der größten Jugendorganisationen des Landes heranwachsen.
Plötzlich waren sie da, die Roten Falken. Wie über Nacht. Eines Tages flogen sie zum erstenmal aus einer Nummer des „Kinderlands“ auf, die ersten Roten Falken, und flogen gleich weithin übers Land, schreibt Max Winter, 1926.
Die Roten Falken aus Hamburg-St. Pauli senden den Roten Falken Österreichs frohe Grüße zu ihrem Reichstreffen.
Aus ganz Österreich, aber auch aus der benachbarten Tschechoslowakei und aus Deutschland kommen Anfragen, wie man denn Roter Falke werden könne, und vielerorts werden Rote-Falken-Gruppen gegründet; aus der Arbeitersportbewegung wird der Gruß „Freundschaft“ übernommen. Am 7. August 1926 findet in Steyr das erste Bundestreffen der Falken statt, an dem „580 Arbeiterbuben und Arbeitermädel“ teilnehmen. „Reichsführer“ der Roten Falken in der Ersten Republik ist der Pädagoge und spätere Kulturstadtrat Hans Mandl.
Als Arbeiter in Steyr streiken, sammeln Welser Falken 200 Kilogramm Kartoffel für die Steyrer Kinder. Bei Aufmärschen der Sozialdemokratie sind es Rote Falken, die Trinkwasser verteilen. St. Pöltner Falken sammeln Bücher zur Ausstattung einer Kinderbücherei in Annaberg, sie tragen Versammlungszettel aus und eine Gruppe oberösterreichischer Mädel – die sich übrigens „Rote Schwalben“ nennt – engagiert sich im Austragen der Unzufriedenen.

© VGA
Rote Falken am 1. Mai 1929
1934 aufgelöst, werden die Roten Falken nach 1945 als Teil der Kinderfreunde wiederbegründet. Natürlich gehen auch die Roten Falken mit der Zeit: Es werden neue Bezeichnungen für die leitenden Funktionen eingeführt, das belastete Wort „Führer“ wird gestrichen. Die „Lagerfeuerromantik“ rückt wieder in den Vordergrund, Geländespiele und Orientierungsläufe gehören zum Pflichtprogramm.
In der gesellschaftlichen Umbruchszeit der 1970er Jahre nimmt das politische Engagement wieder zu, es geht um Themen wie Friedenspolitik, „Dritte Welt“, Umweltschutz und Anti-AKW-Protest. Heute stehen neue, aktuelle Themen im Vordergrund – Kinder- und Jugendrechte, Suchtprävention, Rassismus und Sexismus.
2005 wird die Arbeit der Roten Falken neu strukturiert. Die 3- bis 5-jährigen „Minis“ und die 6- bis 10-jährigen „Freundschaftskinder“ bilden ab nun die Vorstufe für die Mitgliedschaft bei den Roten Falken.
Die Roten Falken sind auch international im „International Falcon Movement – Socialist Educational International“ IFM-SEI organisiert, einem Zusammenschluss von 57 sozialdemokratisch und sozialistisch orientierten Kinder-, Jugend- und Familienorganisationen – von Armenien bis zur Westsahara. Im deutschsprachigen Raum sind dies die SJD – Die Falken (Deutschland) und die Roten Falken in Österreich und der Schweiz.
Publikation: Powerbox. Monatliche Zeitung für Rote Falken und den Rest der Welt
Literatur: Rosina Hirschegger, Die roten Falken. Rekonstruktion eines Teiles der österreichischen Kinder- und Jugendbewegung, 1986; Helmut Uitz, Die österreichischen Kinderfreunde und roten Falken 1908–1938, 1975