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Aktuelle Seite: Die roten Touristen
0182 | 22. MÄRZ 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Die roten Touristen


Vom 22. bis zum 24. März 1895 erscheint in der Arbeiter-Zeitung folgende Annonce: Naturfreunde werden zur Gründung einer touristischen Gruppe eingeladen, ihre Adresse unter ‚Natur 2080‘ einzusenden an die Exped.

Aufgegeben haben das Inserat der sozialdemokratische Pädagoge und Schul­inspektor Georg Schmiedl und sein Wanderkollege, der Kaufmann Simon Katz. In den darauffolgenden Tagen langen etwa dreißig Antwortbriefe ein, darunter ein gemeinsames Schreiben dreier Freunde und Wohnungsnachbarn: Wien, 23.3.1895: Bezugnehmend auf die Annonce in der Arbeiterzeitung von 22. und 23. März teilen wir, in der Absicht, an der zu gründenden touristischen Gruppe uns zu beteiligen, unsere Adressen mit: Josef Rohrauer, Stud. phil., Alois Rohrauer, Metallarbeiter, Karl Renner, Stud. Jur.

Bereits am 28. März findet im Extrazimmer des Gasthauses „Zum Silbernen Brunnen“ in der Berggasse 5 ein erstes Treffen statt, an dem etwa vierzig Interessenten teilnehmen. In den Gründungsausschuss werden Alois Rohrauer, Anton Kreuzer und Leopold Happisch gewählt. Der junge Karl Renner entwirft die Statuten des Vereins, der zu diesem Zeitpunkt noch „Touristische Gruppe der Sozialdemokraten“ heißt.

Das Wandern ist…

Am Ostersonntag, den 14. April 1895, startet die erste gemeinsame Wanderung. Im Einladungsinserat der Arbeiter-Zeitung heißt es: Zusammenkunft: Früh halb 8 Uhr in der Abfahrtshalle des Südbahnhofs. Erkennungszeichen: die Arbeiterzeitung. Abfahrt: 8 Uhr nach Mödling. Promenadeweg über die Klause, über den Anninger nach Gaaden. Daselbst Mittagsstation in Schöny's Gasthaus. Rückweg in die Hinterbrühl. Jause: Gasthaus ‚Zur elektrischen Bahn‘, wo auch die nachmittags Nachkommenden sich treffen. Führer: Genosse Rohrauer. 62 Personen nehmen an diesem Ausflug teil, Lehrerinnen und Lehrer, Beamte, Studierende sowie Arbeiter­innen und Arbeiter verschiedener Berufssparten.

Die offizielle Gründung des Vereins geht schließlich am 16. September 1895 im Gasthaus „Zum Goldenen Luchsen“ in Neulerchenfeld in Anwesenheit von 185 Teil­nehmern über die Bühne. Vereinssitz ist vorerst die Wohnung von Alois Rohrauer, erstes Vereinslokal wird „Baumes Gastwirtschaft“ in der Linden­gasse, die auch über einen Vortragssaal verfügt.

Der neue Verein braucht natürlich ein eigenes Emblem. Karl Renners schlägt vor, das sozialdemokratische Symbol der verschlungenen Hände mit den drei Alpenrosen zu kombinieren – und er zeichnet den ersten Entwurf. Auch ein Wahl­spruch ist schnell gefunden: Hand in Hand durch Berg und Land.

Was heute nach harmlosem Freizeitvergnügen klingt, ist um 1900, zu einer Zeit, in der Arbeiterinnen und Arbeiter sechs Tage die Woche zehn Stunden täglich arbeiten müssen, keinen gesetzlichen Anspruch auf Urlaub haben und in der die Besitzrechte am Wald jegliche Nutzung für Erholungszwecke untersagen, geradezu revolutionär.

Unter Beobachtung

Innerhalb der Sozialdemokratie ist die Gründung der Natur­freunde nicht unumstritten. Es gibt Vorbehalte, „Steckenpferde“ dieser Art würden die Arbeiterinnen und Arbeiter vom politischen Kampf abhalten. Karl Renner berichtet in seinen Erinnerun­gen, das Partei­sekretariat fand das Ansinnen, Parteimitglieder statt auf die Ring­straße zum Kampfe gegen die Regierung lieber in die einsamen Berge zu ihrem Vergnügen zu führen, geradezu frivol, tadelte uns ernsthaft und empfahl uns, die Gründung zu unterlassen.

Die Naturfreunde halten dagegen, dass sie auf dem Lande auch „agitatorisch“ tätig seien:Unser Erkennungszeichen war die Arbeiterzeitung […] Wir holten uns die überschüssigen Nummern, um sie am Sonntag bei unseren gemeinsamen Ausflügen an den Mann zu bringen. Wenn unsere Schar durch ein Dorf zog, da verschwand in jedem Haus einer, um dort mit einem freundlichen Gruß eine Zeitung zu hinterlegen. Selbst das Sanktorium des gestrengen Seelenhirten wurde nicht verschont, und ehe es der Stellvertreter Gottes versah, hatte er das Ketzerblatt auf dem Tisch liegen.

Am 15. Juli 1897 erscheint die erste Ausgabe der Vereins­zeitschrift „Der Naturfreund“ in einer Auflage von 400 Stück. Redaktion und Administration werden dem Schriftsetzer Leopold Happisch übertragen, der bis 1903 auch den Versand in seiner Privatwohnung organisiert. Die Auflage steigt bis zum Jahr 1914 auf 35.000 Stück.

Neue Freuden

Nachdem Alois Rohrauer bei der privaten k. k. Südbahn-Gesellschaft eine Ermäßigung für die Mitglieder der Naturfreunde erwirken kann, findet am 13. August 1898 die erste Naturfreunde-Sonderzugfahrt statt. Der „Separatzug“ fährt nach Salzburg, rund 500 Personen nehmen daran teil.

Über die zweite Sonderfahrt im darauffolgenden Jahr berichtet Leopold Happisch: Die meisten Teilnehmer mögen durch viele Wochen, durch Monate ihre sauer erworbenen Kreuzer zusammengetragen haben, um einmal – ein einziges Mal – sich jenen Genüssen hinzugeben, die ihnen sonst versagt sind, die als Vorrecht der Besitzenden gelten.

Und neue Freunde

1905 nimmt die erste Skischule der Naturfreunde ihren Betrieb auf. Tausende Mitglieder üben sich auf den Wiesen im Wienerwald in der Skitechnik nach Mathias Zdarsky. Der Lilienfelder Skipionier Zdarsky hatte eine neue, für die steilen Alpenhänge geeignetere Bindung entwickelt und dazu den Pflug- und den Stemmbogen erfunden. Am 19. März 1905 wird am Muckenkogel in Lilienfeld der erste Torlauf der Skigeschichte durchgeführt.

Im Jahr darauf nehmen die Naturfreunde den eben erst gegründeten Klub der Freunde der Amateurphotographie in ihren Reihen auf. Von nun an informiert eine regelmäßige „Photographische Ecke“ in der Vereinszeitschrift über die Technik des Fotografierens und Entwickelns sowie über die richtige Motivwahl.

Ab 1906 heißt die Organisation offiziell „Touristenverein Naturfreunde Österreichs“ (TVN) – und nach der Gründung von Naturfreunde-Gruppen in Zürich und München entsteht in Wien sogar eine Naturfreunde Internationale; ihr erster Sekretär ist Leopold Happisch.

Expansion im Roten Wien

1920 übergibt Alois Rohrauer den Vorsitz an Karl Volkert. Der Verein zählt nun bereits mehr als 75.000 Mitglieder. Nach den grausamen Kriegsverlusten herrscht eine gesellschaftliche Aufbruchsstimmung und zahlreiche junge und engagierte Frauen und Männer prägen das Vereinsleben. Neben Österreich und Deutschland bestehen mittlerweile auch in der Schweiz, in Frankreich, England und Norwegen, in Luxemburg, den Niederlanden, in Jugoslawien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien sowie in den USA Naturfreunde-Gruppen mit insgesamt fast 140.000 Mitgliedern.

1930 organisiert die Alpinistengilde der Naturfreunde die erste Arbeiterexpedition in den Kaukasus. Und am 24. Juli 1931 veranstalten die Naturfreunde im Rahmen der 2. Arbeiter-Olympiade in Wien eine Weihestunde auf dem Nußberg. Es ist mit rund 45.000 Teilnehmenden die bis dahin größte und eindrucksvollste Kundgebung, die von den Naturfreunden organisiert wird. Nach den Februarkämpfen 1934 werden die Natur­freunde, so wie alle übrigen sozialdemokratischen Organisationen auch, verboten.

Neubeginn

Der Wiederaufbau beginnt bereits wenige Tage nach der Befreiung Wiens. Am 2. Juni 1945 wird die Wiener Landesgruppe, am 25. Juli auch die gesamt­österreichische Organisation offiziell wiederhergestellt. 1988 kehrt auch die Naturfreunde-Internationale, die ihren Sitz nach Zürich verlegt hatte, nach Wien zurück. Heute zählen die Naturfreunde allein in Österreich 155.000 Mitglieder, besitzen 139 Hütten und Häuser und betreuen ein ausgedehntes Wegenetz. Und sie engagieren sich nicht erst „seit gestern“ für den Umweltschutz und die Errichtung von Nationalparks.

Anlässlich ihres 125jährigen Bestehens zeigt der Waschsalon Karl-Marx-Hof 2020 eine Sonderausstellung der Naturfreunde.

Literatur: Dagmar Günther, Wandern und Sozialismus. Zur Geschichte des Touristenvereins „Die Naturfreunde“ im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, 2003; Franz Halbweis, Entwicklung des Bergsports in Österreich unter besonderer Berücksichtigung des österreichischen Alpenvereins und der Naturfreunde, 1998; Christian Heihs, Arbeitersport in der Zwischenkriegszeit (1918–1938). Die organisatorische und politische Entwicklung des Arbeitersports in der Zwischenkriegszeit unter besonderer Berücksichtigung des Touristenvereines „Die Naturfreunde“, 2001; Manfred Pils, „Berg frei“. 100 Jahre Naturfreunde, 1994/2019; Paul Schminke, Die grüne Lust der roten Touristen, 1985; Jochen Zimmer (Hrsg.), Mit uns zieht die neue Zeit. Zur Geschichte einer alternativen Verbandes in der Arbeiterkulturbewegung, 1984; Jochen Zimmer, Wulf Erdmann (Hrsg.), Hundert Jahre Kampf um die freie Natur, 1991.

Sonderausstellung 2020

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