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Aktuelle Seite: Die Sprachkosmetikerin
0230 | 7. JUNI 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Die Sprachkosmetikerin

Am 7. Juni 1986 stirbt Stella Klein-Löw, eine der „Grandes Dames“ der Wiener Sozialdemokratie.

Als Tochter „aufgeklärter Juden“ wird Stella Herzig 1904 in der heute zu Polen gehörenden westgalizischen Stadt Przemyśl geboren. Das familiäre Umfeld ist großbürgerlich – der Vater Samuel Herzig ist Direktor einer Schifffahrtsgesellschaft, ihr Großvater Bankier.

Stella zieht mit ihrer Familie noch als Kind nach Wien, wo sie durch ihre Eltern sehr früh mit einheimischen Größen wie Peter Altenberg, Alfred Polgar oder Adolf Loos in Kontakt kommt.

Nach dem Tod des Vaters und infolge des Ersten Weltkriegs verarmt die Familie und Stella muss ab ihrem 13. Lebensjahr durch Nachhilfestunden zur Finanzierung ihrer Schulausbildung beitragen. Ihren eigenen Angaben zufolge erhält sie sich von da an „weitgehend selbst“.

Ab 1923 studiert Stella Herzig an der Universität Wien Germanistik, klassische Philologie und Psychologie bei Karl und Charlotte Bühler, zudem lernt sie noch Englisch – ein weiser Entschluss, wie sich wenige Jahre später zeigen sollte. Eine Analyseausbildung bei Annie und Wilhelm Reich bricht sie 1932 ab.

Eine „höhere Tochter“

Noch als Studentin publiziert Stella Herzig 1926 mit „Der Wandertrieb als Pubertätserscheinung“ und „Märchen ohne Hexen“ erste pädagogische Schriften. 1928 promoviert sie mit einer Dissertation zur „Österreichischen Kriegslyrik 1914–1918“ und legt 1931 auch die Lehrberechtigungsprüfung für Mittelschulen ab.

Politisch ist sie zu diesem Zeitpunkt längst im Lager der Sozialdemokratie, als „höhere Tochter“ Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend SAJ, dann der sozialistischen Studenten und ab 1922 bei der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei selbst. Hier lernt sie auch ihren ersten Ehemann, den Arzt Hans Klein, kennen – und mit ihm einige bedeutende Persönlichkeiten des Roten Wien, wie den Schulreformer Otto Glöckel oder den Theoretiker des Austromarxismus Otto Bauer, die ihre spätere Lehrtätigkeit nachhaltig beeinflussen sollten.

1933 begeht der erst 33-jährige Hans Klein aus nicht näher bekannten Gründen Suizid.  Im selben Jahr erhält Stella ihre erste fixe Anstellung als Lehrerin am privaten jüdischen Realgymnasium in der Leopoldstädter Castellezgasse.

Einmal Sozialistin, immer Sozialistin

1939 muss die Pädagogin und engagierte Lehrerin wegen ihrer „jüdischen Herkunft“ ins Ausland fliehen. Bevor sie nach Großbritannien ausreist, gelingt es ihr noch, ihren jüngeren Bruder mithilfe eines ehemaligen Schülers aus der Gestapozentrale am Morzinplatz freizubekommen.

In England schlägt sich Stella Klein zunächst als Hilfsarbeiterin und Hausmädchen durch. Bald lernt sie ihren zweiten Ehemann, den Wiener Physiker und Chemiker Moses Löw kennen. 1940 wird geheiratet, und schon im Jahr darauf ist sie wieder als Lehrerin tätig – diesmal an einer Schule für schwer erziehbare Knaben. Politisch aktiv bleibt Stella Klein-Löw auch in der Emigration, 1942 wird sie Mitglied der sozialdemo­kratischen Labour Party.

1946 kehren Klein-Löw und ihr Mann nach Österreich zurück. Sie erhält eine Anstellung als Lehrerin und wird 1950 Direktorin eines Realgymnasiums für Mädchen in Floridsdorf. Ihre „politische Heimat“ ist der 2. Bezirk, die Leopoldstadt.

Der Westbahnhof in Wien: Lärm und Bewegung, Baracken, Unordnung, Chaos. Die Straßen: alle bekannt – alle fremd. Schwarze, augenlose Ruinen, verdorrte Bäume, tiefe Löcher, über die man holperte und stolperte. Langsam wich die Starre einem Gefühl der Empörung, des Zähneknirschens, des Zornes. „Das haben sie dir angetan, geliebtes, rotes Wien!“ Aber „sie“, das waren nicht die Flugzeuge und Panzer der Alliierten, sondern die für den Kriege Verantwortlichen. Stella Klein-Löw, Erinnerungen 1980

„Zu den Menschen gehen“

1959 wird Stella Klein-Löw in den Nationalrat gewählt, wo sie bis 1970 Abgeordnete ist. Als Bildungssprecherin ihrer Partei, Mitglied des Wiener Bildungsausschusses und Chefredakteurin des Parteimagazins „Sozialistische Erziehung“ liegt der Schwerpunkt ihrer politischen Arbeit in der Bildungspolitik. Ihre häufig vorgebrachte Kritik an unklar formulierten Gesetzesvorlagen trägt ihr den Beinamen „Sprachkosmetikerin“ ein. Für Bruno Kreisky ist sie „eine der liebens­wertesten und unermüdlichsten Persönlichkeiten des österreichischen Arbeiter­bildungswesens“.

Ich dachte an die Worte Otto Bauers: „Man muss viel öfter zu den Menschen gehen, um zu hören, was sie zu sagen haben, und nicht, damit sie hören, was wir sagen.“ So ging ich also zu den Menschen und sie lehrten mich vieles, was Schule und Studium verabsäumt, was Theorie und eigene Erfahrung mir nicht vermittelt hatten.

Kurz nach ihrer Pensionierung beginnen die 13 Regierungsjahre Bruno Kreiskys.

Der 1985–1987 errichtete Gemeindebau in der Taborstraße 61 wird 1989 Stella-Klein-Löw-Hof benannt. Seit 2003 gibt es im „Viertel zwei“ genannten Stadt­entwicklungsgebiet auch den Stella-Klein-Löw-Weg. 

Werk: Kinder unserer Zeit, 1979; Erinnerungen, 1980; Bruno Kreisky, 1983; Von der Vision zur Wirklichkeit – von der Wirklichkeit zur Vision, 1985.Formularende

Literatur: Gerhard Benetka: Klein-Löw, Stella. In: Brigitta Keintzel, Ilse Korotin (Hrsg.): Wissen­­­schafterinnen in und aus Österreich. Leben – Werk – Wirken, 2002; Klein-Löw, Stella, in: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutsch­sprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben, 1980.

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