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Am 21. Mai 1935 stirbt die im Untergrund lebende, erst 28-jährige Aktivistin Paula Mistinger-Mraz im Lainzer Krankenhaus an septischer Angina.
Paula Mraz stammt aus einer Arbeiterfamilie und engagiert sich früh in der Sozialistischen Arbeiterjugend in Rudolfsheim. Hier begegnet sie ihrem späteren Ehemann Leopold Mistinger, einem „Sozialdemokraten von Kindesalter an“, der schon als Zehnjähriger die Arbeiter-Zeitung austrägt und von den Kinderfreunden zur SAJ kommt.
Aufgrund ihrer Tatkraft und Einsatzbereitschaft wird Paula rasch mit leitenden Aufgaben betraut, unter anderem ist sie maßgeblich an der Organisation des großen Internationalen Sozialistischen Jugendtreffens im Juli 1929 in Wien beteiligt. Dort lernt sie auch Otto Felix Kanitz kennen, wird dessen Mitarbeiterin, engagiert sich in der Arbeitersportbewegung und wird Vorsitzende des sozialdemokratischen Frauenkomitees in Fünfhaus.
Nach den Februarkämpfen 1934 entzieht sie sich der Verhaftung durch Flucht in die benachbarte Tschechoslowakei und wird unter dem Decknamen „Anna Mader“ eine führende Aktivistin der Revolutionären Sozialisten.

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Im Mai 1935 schickt Otto Bauer sie mit falschen Papieren nach Österreich, damit sie den von der Polizei zerschlagenen illegalen Vertriebsapparat der in Brünn gedruckten Arbeiter-Zeitung neu aufbaut.
Als sie kurz nach ihrer Rückkehr erkrankt, zögern ihre Freunde aus Angst vor Entdeckung viel zu lange, sie ins Spital zu bringen.
In seinem Nachruf in der illegalen Arbeiter-Zeitung vom 9. Juni 1935 schreibt Otto Bauer: Dieses wertvolle junge Menschenleben ist ein Opfer der Bedingungen geworden, unter denen gesinnungstreue Sozialisten heute in Österreich leben und wirken müssen. Auch ihr früher Tod ist Anklage gegen die Gewaltherrschaft, die die Körper mordet, indem sie den Geist verfolgt.
Paulas Mann Leo Mistinger setzt auch in der NS-Zeit die illegale politische Arbeit fort. 1943 von der Gestapo verhaftet und in das für politische Häftlinge eingerichtete KZ-Flossenbürg (Bayern) gebracht, bleibt er bis zur Befreiung des Lagers durch US-Truppen inhaftiert.
Nach seiner Rückkehr organisiert Mistinger die Wiener Sozialistische Kinderhilfsaktion und vertritt seinen Bezirk von 1945 bis 1963 im Wiener Gemeinderat. 1963 wird er Bezirksvorsteher von Rudolfsheim-Fünfhaus. Im Jahr darauf gründet er den Verein „Rudolfsheim-Fünfhauser Heimatstube“, aus dem schließlich das Bezirksmuseum hervorgeht.
Nach seinem Ausscheiden aus der Tagespolitik ist Leo Mistinger im Bund Sozialistischer Freiheitskämpfer tätig, als dessen Vorsitzender er 1990 Rosa Jochmann nachfolgt.
Anlässlich ihres 15. Todestages wird die in den Jahren 1928/29 nach Plänen von Oskar Unger errichtete Wohnhausanlage in der Fünfhausgasse 10–12, in der Paula zuletzt lebte, Paula-Mistinger-Mraz-Hof benannt.
Literatur: Helene Potetz, Paula Mistinger zum Gedenken: Die treue Gefährtin im illegalen Kampf gegen den Faschismus. In: Die Frau, Jg. 1 (1945), Nr. 4, 5-6.