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Der Goldene Saal im Musikverein, 1898
Am 29. Dezember 1905 findet im Großen Musikvereinssaal das erste Arbeiter-Symphoniekonzert statt.
Unter der Leitung des bekannten Dirigenten Ferdinand Löwe bringt das Wiener Concertvereins-Orchester Carl-Maria von Webers „Oberon“-Ouvertüre, Orchesterlieder von Richard Wagner, Ludwig van Beethovens „Eroica“, drei Klavierlieder von Hugo Wolf und zum krönenden Abschluss Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre zur Aufführung. Ganz schön schwere Kost für die Zielgruppe...

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David Josef Bach
Initiator dieses „unvergesslichen Ereignisses“ von enormer Symbolkraft ist der Kulturpublizist und Feuilletonredakteur der Arbeiter-Zeitung David Josef Bach, der ab 1919 auch die Sozialdemokratische Kunststelle leiten wird, die ihre vorrangige Aufgabe darin sieht, den Arbeiterinnen und Arbeitern Zugang zur „Hochkultur“ – Musik, Theater, Ausstellungen – zu ermöglichen.
Die Arbeiter-Zeitung bringt tags darauf eine kleine Meldung, in der von einem „Triumpf für die Künstler, die sich in den Dienst der guten Sache gestellt hatten“, und der „enthusiastischen Teilnahme“ der Zuhörer die Rede ist, und am 31. Dezember eine ausführliche Rezension, in der „die organisierte Arbeiterschaft Wiens“ gelobt wird, „die mit wahrer Andacht von einem Kulturgut Besitz ergriff, das ihr bisher vorenthalten war“. Und: „Wem von vornherein der Erfolg etwa zweifelhaft erschienen sein mag, der wurde Freitag Abends (sic) […] eines Besseren belehrt“.
Wichtige Vertreter der Partei bezweifeln nämlich, ob es in der Arbeiterschaft ein genügend großes Interesse an „ernster Musik“ gebe. Doch Bach setzt sein Vorhaben durch – auch gegen den Rat Victor Adlers. „Das Kunstmonopol muß ein Ende haben“, schreibt er an den Parteiführer.
Verstehen! Daß ich nicht lach‘! Was heißt schon verstehen? Denken Sie an Partitur, Harmonielehre und Kontrapunkt? Sehr wichtig für unser Kunsthandwerk! Aber verstehen? Verstehen Sie’s und ich? – Verstehen werden’s auch die Arbeiter nicht, aber ergriffen werden sie sein, und darauf kommt’s an!“David Josef Bach
„Eine Beethoven-Sinfonie ist ewig, ist revolutionär, und Goethes Iphigenie ist es auch. Danach haben wir unsere Kunstpolitik gerichtet, nicht nach dem, was sich für modern oder revolutionär schon deshalb hält, weil es dieses Wort ausspricht oder sich so gebärdet. Der Sozialismus, der sich als Träger der Zukunft fühlt, seiner Sendung sich bewußt ist, wird allemal die Kunst wählen, die in die Zukunft weist, auch wenn sie in vergangener Zeit entstanden ist; er wählt die Zukunft und nicht die Gegenwart, so David Josef Bach.
Karl Seitz, der spätere Bürgermeister ist skeptisch. Jahre später meint er: „Trotzdem, ich ging mit den anderen ins Konzert. Auch Victor Adler legte Wert darauf, daß wir alle kamen, wenn es ein Experiment war, so sollte es mutig bestanden werden. Unvergeßlich bleibt mir der Eindruck dieses ersten Konzerts. Eine tausendköpfige Schar von Arbeitern, willig sich hinzugeben, und schon nach wenigen Minuten hingerissen, begeistert, erhoben – alle Zweifel waren hinweggeschwemmt, der Sieg errungen. Die Eroberung der Musik konnte systematisch fortgeführt werden.“
Das Concertvereins-Orchester, das am dem denkwürdigen Abend im bürgerlichen Musentempel aufspielt, ist bereits wenige Jahre zuvor, 1900, mit dem Ziel gegründet worden, eine breitere Öffentlichkeit durch den Besuch erschwinglicher Konzertveranstaltungen am kulturellen Leben teilnehmen zu lassen. Auch bei diesen „Popularkonzerten“ spielt der Dirigent Ferdinand Löwe, ein Bruckner-Schüler, der sich erst 1898 veranlasst sieht, seinen Nachnamen offiziell von Levi zu Löwe zu ändern, eine wichtige Rolle. Die sogenannte Hochkultur sollte ab sofort nicht mehr bloß „den Reichen und Schönen“ vorbehalten sein. Am Höhepunkt der Konzerttätigkeit vor dem Ersten Weltkrieg besuchen über 10.000 Menschen jährlich die musikalischen Veranstaltungen, die auch in anderen Sälen, v.a. in den großen Arbeiterheimen, geboten werden.

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Konzerthaus Großer Saal, um 1915
1913 wird das Wiener Konzerthaus als neue Spielstätte eingeweiht. Nach dem Ersten Weltkrieg fusioniert das Concertvereins-Orchester mit dem Wiener Tonkünstler-Orchester und tritt seither als „Wiener Sinfonieorchester“ auf. Mit der Gründung der Radio-Verkehrs-AG (RAVAG), Vorläufer des ORF-Radio, im Jahre 1924 avancieren die Sinfoniker zum Hausorchester des neuen Mediums.
Im Roten Wien der Ersten Republik wird die Kulturvermittlung an die breiten Schichten der Bevölkerung gemäß dem anspruchsvollen Bildungsauftrag der Sozialdemokratie – die Erfüllung des Arbeiterlebens mit „revolutionierender, begeisternder Kunst“ – systematisch fortgesetzt. Vorerst ändert sich an der Programmauswahl, die sich vorwiegend an der Wiener Klassik und Romantik orientiert, nichts Wesentliches.
Zuerst war ich – wie meine Kolleginnen – nicht davon begeistert, in klassische Konzerte zu gehen. Operetten hätten wir lieber gehabt. Als ich aber dann einmal die Neunte von Beethoven hörte, weinte ich vor Ergriffenheit und lebte tagelang von diesem wunderschönen Erlebnis.Rosa Jochmann, Zeitzeugin, 1984
Ab 1926 leitet der Komponist Anton Webern, der als Dirigent beim Österreichischen Rundfunk auch für die „Neue Musik“ zuständig ist, die Wiener Arbeiter-Symphoniekonzerte. Webern, selbst ein Schüler Arnold Schönbergs, setzt sich für die Musik seines Lehrers und anderer Schönberg-Schüler ein und zieht ganz neue, ungehörte Töne in seinen „Arbeiter-Symphoniekonzerten“ auf. Vermehrt kommen nun Kompositionen skandalträchtiger Komponisten wie Ernst Krenek, Hanns Eisler, Kurt Weill oder Paul A. Pisk zur Aufführung. Webern dirigiert aber auch Werke von Gustav Mahler, der dadurch zum meistaufgeführten modernen Komponisten avanciert. Mit dem „Wiener Sinfonieorchester“ und dem Arbeitersingverein realisiert er große Werke für Chor und Orchester wie die Dritte und die Achte Symphonie von Gustav Mahler oder Schönbergs „Friede auf Erden“.
Daneben treten auch andere namhafte Dirigenten wie Richard Strauss, Franz Schalk, George Szell, Clemens Krauss, Erich Korngold oder Alexander Zemlinsky als Konzertleiter auf.

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David Josef Bach, 1948
Zur letzten Großkundgebung der Sozialdemokratie in der Ersten Republik, der 40-Jahr-Feier des Arbeiter-Sängerbunds Alsergrund am 8. Oktober 1933, strömen trotz massiver Polizeipräsenz 60.000 Menschen ins Praterstadion. Zu diesem Zeitpunkt ist die RAVAG allerdings bereits fest in staatlicher Hand. Zahlreiche jüdische Musiker werden entlassen und das Orchester unter dem Namen „Wiener Symphoniker“ mit neuem Organisationsstatut weitergeführt.
Das letzte Arbeitersymphoniekonzert findet schließlich am Abend des 11. Februar 1934, nur wenige Stunden vor der gewaltsamen Niederschlagung der österreichischen Sozialdemokratie, wiederum im Großen Musikvereinssaal statt. David Josef Bach, einer der vielen jüdischen Emigranten, die nach dem Krieg nicht zurückgeholt wurden, spricht darüber am 28. Dezember 1945 in der „Österreichsendung“ des Londoner Rundfunks: „Es bleibt aber unsere Freude und unser Stolz, der letzte Hauch eines freien Österreich gewesen zu sein. […] Auf dem Programm war die ganze Musik zu dem Film von Hanns Eisler, die mit dem Solidaritätslied endete. [...] Die Arbeiter kamen, und als das Lied der Solidarität erklang, sprang das Publikum bei den ersten Takten von seinen Sitzen. Am nächsten Tag erfolgte jener Schlag des Faschismus, der Österreich von dieser Vorhölle in den Abgrund des Nationalsozialismus führte.“