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Aktuelle Seite: Ein echtes Arbeiterkind
0226 | 20. APRIL 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Ein echtes Arbeiterkind


Am 20. April 1931 meldet die Arbeiter-Zeitung: Die österreichische Sozial­demokratie wurde von einem schweren Schicksalsschlag getroffen: einer der besten Männer der Partei ist heute gestorben – Matthias Eldersch.

Der 1869 in Brünn geborene Sohn eines Klaviertischlers und einer Fabrikarbeiterin verkörpert wie kaum ein anderer Politiker der Ersten Republik den Aufstieg der Arbeiterklasse – „vom Weber zum Präsidenten des österreichischen Nationalrates“. Nach dem Besuch der Volks- und Bürgerschule erlernt Eldersch das Handwerk des Webens und engagiert sich bereits als Lehrling in einem Arbeiterbildungsverein. Nach dem Militärdienst in Bosnien kehrt er nach Brünn zurück, absolviert einen Weiterbildungskurs, tritt der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei und übernimmt 1892 die Verwaltung des sozialdemokratischen „Volksfreund“, dem Wochenblatt der „Gemäßigten“.

Ab 1896 arbeitet Matthias Eldersch als Buchhalter und Kassensekretär der neugegründeten Brünner Bezirkskrankenkasse und führt gegen den Widerstand der Behörden die erste obligatorische Angehörigen­versicherung ein.

1901 wird Eldersch im Kronland Österreichisch-Schlesien in der fünften, allgemeinen Kurie als einziger Sozialdemokrat in den Reichsrat gewählt. Außerdem fungiert er als Abgeordneter im Brünner Gemeinderat und im mährischen Landtag.

Auf Empfehlung Victor Adlers wird Matthias Eldersch zum Reichskommissar der Krankenkassen bestellt, der Aufbau eines Kranken­versicherungswesens für die Arbeiterschaft wird ab nun seine Lebensaufgabe.

Rasche Karriere

Ein weiteres Betätigungsfeld eröffnet sich im Laufe des Ersten Weltkriegs, als Eldersch Obmann des Niederösterreichischen Konsumvereins und Vorstandsmitglied der für die expandierenden Konsumvereine essenziell wichtigen Arbeiterbank wird.

Es ist nur folgerichtig, dass Matthias Eldersch nach Gründung der Republik zum Direktor des Volksernährungs­amtes avanciert, das für die Lebensmittel­versorgung der Bevölkerung verantwortlich ist. Als Abgeordneter der Konstituierenden National­versamm­lung übernimmt er in der Staatsregierung Renner III, einer Koalitionsregierung der Sozialdemokraten und Christlichsozialen, das Staatssekretariat für Inneres und Unterricht. Unter seiner Ägide beginnt Unterstaatssekretär Otto Glöckel mit der Ausarbeitung der Richtlinien für eine grundlegende Reform des Schul- und Unterrichtswesens.

1920 zieht Matthias Eldersch als Abgeordneter in den neu gebildeten Nationalrat ein, wo er sich im sozialpolitischen Ausschuss dem Ausbau der von Ferdinand Hanusch vorbereiteten Sozialgesetze widmet. Von 1923 bis 1930 fungiert er als zweiter, von 1930 bis 1931 als erster Präsident des Nationalrates. Darüber hinaus leitet er von 1922 bis 1925 als Präsident und Direktor die Wiener Hammerbrotwerke und engagiert sich für den Aufbau der Arbeiterbüchereien im Roten Wien. 


Elderschs Begräbnis wird zu einem der ersten medialen Ereignisse. Sein Leichnam wird am 23. April vor dem Parlament aufgebahrt, die Trauerfeierlichkeiten werden von der RAVAG, der Radio-Verkehrs-AG, übertragen. Die Beisetzung erfolgt im Urnenhain des Wiener Zentralfriedhofs.

Der Elderschplatz in der Leopoldstadt und die an diesem kurz zuvor errichtete Wohnhausanlage der Gemeinde Wien werden 1933 und 1947 neuerlich nach Matthias Eldersch benannt.

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