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Aktuelle Seite: „Ein edler Wettbewerb“
0218 | 27. JANUAR 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

„Ein edler Wettbewerb“

Im Januar 1926 wird die Bibliothek in der Margaretner Siebenbrunnenfeld­gasse eröffnet. Es ist die größte Arbeiterbibliothek Wiens.

Es ist ein edler Wettbewerb,der zwischen den Bezirken ausgetragen wird, schreibt die Arbeiter-Zeitung anlässlich der Eröffnung. Bildung und Wissen zu verbreiten, das geistige Rüstzeug des Sozialismus jedem Arbeiter leicht zugänglich zu machen, haben alle unsere Organisationen immer als eine ihrer wichtigsten Aufgaben betrachtet.

Die Bildung nimmt in der Arbeiterbewegung von Anfang an einen wichtigen Stellen­wert ein und die ersten Arbeiter­organisationen organisieren sich nicht ohne Grund in Form von Arbeiter­bildungsvereinen. Der 1887 gegründete Wiener Volksbildungsverein richtet bereits vor dem Ersten Weltkrieg ein Büchereisystem mit 27 Zweigstellen ein, die jährlich zwei Millionen Entlehnungen verzeichnen.

Das Anwachsen der Sozialdemokratie zu einer Massenbewegung und der große Wahl­erfolg nach der Einführung des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts im Jahr 1907 macht eine Intensivierung der Bildungsarbeit erforderlich.

Aufgabe der 1908 geschaffenen Zentral­stelle für das Bildungswesen unter Führung Robert Dannebergs ist es, die Vielzahl sozialdemokratischer Bildungs- und Kulturinitiativen zusammen­zufassen und zu koordinieren. Die Zentralstelle gibt mit der „Bildungsarbeit“ auch eine eigene Zeitschrift heraus und organisiert die ersten Parteischulen, aus denen schließlich die Arbeiterhochschule hervorgeht.

Wir wissen, daß sich die Macht der besitzenden Klassen zum großen Teil auch auf Bücher stützt. Auch wir wollen uns der Bücher bedienen. Bücher haben uns in die Sklaverei gebracht, Bücher werden uns befreien. Franz Schuhmeier, 1910 anlässlich der Eröffnung der Jugendbibliothek im Arbeiterheim Ottakring

Gegen „Schmutz und Schund“!

Besonderes Augenmerk wird auf die Gründung und den Ausbau der Partei- und Gewerkschaftsbibliotheken gelegt. Mit der Leitung des Arbeiterbüchereiwesens wird Josef Luitpold Stern betraut. Eine eigens geschaffene Bibliothekskommission verfasst dazu auch ein Handbuch für Arbeiterbibliothekare. „Schundliteratur“ hat in den Arbeiter­bibliotheken nichts zu suchen!

Im Roten Wien erreicht die Entwicklung der Arbeiterbüchereien ihren Höhepunkt. In den anlässlich der Arbeiterbildungskonferenz von 1928 beschlossenen Richtlinien „proletarischer Büchereipolitik“ wird „das Buch“ erneut als wesentliches Mittel der Arbeiter­bildung genannt.

In den neu errichteten Volkswohnhäusern entstehen in architektonisch ansprechenden Lokalen Arbeiterbüchereien, die sich großen Zuspruchs erfreuen; zusätzlich werden auch eigene Kinderbüchereien eingerichtet. Über tausend Bibliothekare und Bibliothekarinnen versehen in diesen Arbeiterbüchereien ehrenamtlich ihren Dienst als Teil ihres politischen Engagements.

Dieses mit Unterstützung des Roten Wien geschaffene Bibliothekswesen findet auch international große Beachtung. 1932 werden in den über 60 Arbeiterbüchereien der Stadt 2,36 Millionen Entlehnungen erfasst.

Wiedergeburt als „Städtische Büchereien“

Die gewaltsame Unterdrückung der Arbeiterbewegung durch die Austrofaschisten nach dem Februar 1934, die nach dem sogenannten Anschluss durch die Nationalsozialisten fortgeführt wird, setzt dem Arbeiterbüchereiwesen ein Ende.

Aber der Austrofaschismus verbrennt keine Bücher, wie die Hitlerbarbaren, bewahre! Er wirft sie nur in die Keller und läßt sie dort verschimmeln.Arbeiter-Zeitung, 22.4.1934

Die Arbeiterbüchereien werden eines Teiles ihrer Literatur beraubt, der Rest wird kommunalisiert und kann nach dem Krieg als „Städtische Büchereien“ neu aufgebaut werden.

Die Bibliothek in der Siebenbrunnenfeldgasse, die bei ihrer Eröffnung „durch die schönen Räume […], durch die große Anzahl gebundener Bücher […] und durch ihre gediegene und praktische Einrichtung“ alle bisherigen übertraf, funktioniert auch noch in der Zweiten Republik als kulturelles Zentrum des gürtelnahen Margareten. In den 1990er Jahren wird die Bibliothek mit zwei weiteren, kleineren zusammengelegt und schließlich an ihren neuen Standort in die Pannaschgasse übersiedelt.

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