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Aktuelle Seite: Ein Kulturgut geht baden.
0188 | 9. MAI 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Ein Kulturgut geht baden.


Am 9. Mai 1925 wird das Arbeiterstrandbad nach „zweckmäßigen Um- und Zubauten“ wiedereröffnet. Die Arbeiter-Zeitung berichtet:

Die große im vorigen Jahre von beinahe 100.000 Badenden besuchte Anlage, die bekanntlich Eigentum des Arbeiterschwimm­vereines ist, wurde heuer durch Um- und Neubauten wieder bedeutend vergrößert. Die Restauration wurde durch einen großen prächtigen Garten ergänzt, so daß nun die Möglichkeit besteht, gleichzeitig fünfhundert Besucher zu speisen. Auch die Liegewiese, die schon im vorigen Jahre tausend Badenden Ruhegelegenheit bot, wurde vergrößert und ausgestaltet, ebenfalls der Sportplatz, der nun auch der ballsportfreudigen Jugend Rechnung trägt.

Im September 1909 hatten 300 „schwimmkundige Genossen“ den Arbeiterschwimmverein gegründet, der seinen Sitz zunächst im Margaretenbad hat. 1910 war die Zahl der Mitglieder bereits auf 800 angewachsen, weshalb neben dem geschlossenen Bad auch ein offenes Naturbad gesucht – und gefunden – wird.

Der Strand als „Riviereaersatz“

Das Areal an der Oberen Alten Donau befindet sich ab 1910 im Besitz des Arbeiterschwimm­vereins, der es mit Hilfe der Beiträge von Arbeitern, vor allem Buchdruckern, und mit finanzieller Unterstützung der Nußdorfer Bierbrauerei, die im Gegenzug das Monopol für die Versorgung des Buffets erhält, zu einem Freibad ausbaut. Eröffnet wird das Arbeiterstrandbad am 2. Juni 1912.

Arbeiterstrandbad. Ein stolzes Wort, wenn wir der Schwierigkeiten gedenken, die zu überwinden waren, ehe der Wiener Arbeiterschwimmverein dem Wiener Proletariat diese Stätte der Erholung, der Wiedergewinnung und Kräftigung der Gesundheit bieten konnte…

1.300 Fuhren Sand waren nötig gewesen, um allen Besuchern das so beliebte Eingraben in dem Sande zu ermöglichen. Noch im selben Jahr wird die zum Bad führende und bis dahin namenlose Straße Arbeiter­strand­badgasse benannt.

Um im Arbeiterstrandbad schwimmen zu dürfen, muss man Mitglied des Arbeiter­schwimmvereines sein und kann, nach Entrichtung einer Einschreib- und Jahresgebühr sowie gegen einen Regiebetrag, das Bad so oft benützen, wie man möchte. Bereits im Zuge der Eröffnung 1912 zeigt sich die Arbeiter-Zeitung überzeugt: so groß das Bad ist –, der Strand wird bald zu klein sein, alle zu fassen, die sich an ihm erlaben wollen.

Von Anfang an wird das Bad auch von zahlreichen Gruppen der Kinder­freunde besucht – in der Saison 1913 sind es etwa 4.000 Kinder und 340 Aufsichts­personen. Und dies zu einer Zeit, in der nur eine geringe Anzahl Arbeiter des Schwimmens kundig [ist].

Kurz nach seiner Wieder­eröffnung, im Juli 1925, verzeichnet das Arbeiter­strandbad allein an einem Sonntag 8.000 Besucher. Von vielen nur „Der Strand“ genannt, spielt es im Roten Wien nicht nur als kleines Freizeitparadies eine große Rolle. Immer wieder finden hier auch Schwimmwettkämpfe statt, u.a. im Rahmen des großen Internationalen Sozialistischen Jugendtreffens im Juli 1929.

Nach den Februarkämpfen 1934 wird das Bad von der autoritären Bundesregierung an die Sport­vereinigung der neugegründeten Einheits­gewerkschaft übergeben. Im Sommer 1935 organisiert der Bildungsfunktionär der Arbeiterkammer Viktor Matejka im Arbeiterstrandbad Lesungen von eigentlich verfemten Arbeiter­schriftstellern, an denen sich auch Benedikt Fantner beteiligt, der 1942 von den Nationalsozialisten ermordet werden wird.

Blubb….

1945 geht das Bad in die Verwaltung der Stadt Wien über. Mitte der 1980er Jahre verliert das Arbeiterstrandbad seinen Status als öffentliche Einrichtung und wird bis 2014 von einem privaten Pächter weiterbetrieben. Da die Erneuerung der in die Jahre gekommenen Infrastruktur unrentabel scheint, wird das Arbeiterstrandbad 2015 aufgelassen und von der Stadt als öffentliche Liegewiese ohne städtisches Personal umgewidmet. Die desolaten Gebäude werden abgerissen.

Viele der alten Stammgäste sind darüber unglücklich. „Ein Kulturgut geht baden“, meint eine der Kabinen­pächterinnen, die zu den Mitinitiatorinnen einer Bürger­initiative „Rettet das Arbeiterstrandbad“ gehört. Genützt hat es nichts. An das alte Arbeiterstrandbad erinnert heute nur noch der erhaltene Eingang mit Stiegen­anlage. Und die heutige Arbeiterstrandbadstraße.

Literatur: Helfried Seemann und Christian Lunzer, Wiener Bäder, 2004.
Link: Arbeiterschwimmverein ASV Wien

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