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Aktuelle Seite: Ein Leben für die Gewerkschaftsbewegung
0196 | 9. JULI 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Ein Leben für die Gewerkschafts­bewegung

Am 9. Juli 1935 stirbt der „Vater der österreichischen Gewerkschaften“ Anton Hueber in Wien.

Der 1861 im böhmischen Taus/Domazlice in ärmlichen Verhältnissen geborene Anton Hueber muss nach dem frühen Tod des Vaters wegen der prekären finanziellen Situation der Familie bereits als jugendlicher Hilfsarbeiter auf Baustellen zum Familien­unterhalt beitragen.

In Wien erlernt er das Drechslerhandwerk und schließt sich der gerade erst im Aufbau befindlichen sozialdemo­kratischen Gewerkschafts­bewegung an. 1892 wird er zum Vorsitzenden des Vereins der Drechslergesellen Wiens gewählt. Doch sein eigentliches Ziel ist die organisatorische Zusammenführung der zahlreichen kleinen Fachgewerkschaften.

Hueber war kein glänzender Redner, kein großer Politiker; aber er hatte den Instinkt des Klassenkämpfers, die Klugheit und Zähigkeit des Organisators.Nachruf in der Arbeiter-Zeitung

Der Organisator

1895 steigt Hueber zum leitenden Sekretär der kurz zuvor gegründeten Reichs­gewerkschaftskommission in Cisleithanien, dem „österreichischen Teil“ der Doppel­monarchie auf und wird Herausgeber des Zentralorgans „Die Gewerkschaft“. Die in der Gewerkschafts­kommission zusammengefassten Organi­sationen zählen zum damaligen Zeitpunkt knapp 100.000 Mitglieder; 1907 sind es bereits fünfmal so viele.

Während des Ersten Weltkriegs setzt sich Hueber vehement für die Sicherung der gewerkschaftlichen Rechte ein und bemüht sich um die Aufrechterhaltung der Kontakte zu den französischen und italienischen Gewerkschaften, um auf eine baldige Beendigung des Krieges hinzuwirken.

Als er sein Amt antrat, arbeiteten die österreichischen Arbeiter noch elf und zwölf Stunden täglich.Arbeiter-Zeitung, 24.9.1931

Der Reformer

Nach der Gründung der Republik wird Hueber Mitglied der Konstituierenden National­versammlung. Gemeinsam mit Ferdinand Hanusch, dem Staatssekretär für soziale Fürsorge, wirkt er maßgeblich am Aufbau der sozialpolitischen Gesetzgebung der ersten Republiksjahre mit – der Achtstundentag, der arbeitsrechtliche Schutz für Frauen und Jugendliche, die ersten gesetzlichen Regelungen der ausbeuterischen Heimarbeit, der Aufbau des Versicherungswesens und die Einführung der Betriebsräte gehen auch auf seine Initiativen zurück.

Von 1920 bis 1930 vertritt er die Gewerkschaften als Abgeordneter zum National­rat und danach bis 1932 als Mitglied des Bundesrates.

Der Einiger

1928 ist Hueber entscheidend daran beteiligt, dass aus der noch losen Zusammen­fassung von „freien“ Einzel­gewerkschaften der Bund der Freien Gewerkschaften Österreichs gebildet wird, der ihn zu seinem ersten Vorsitzenden wählt. In dieser Funktion setzt sich Hueber besonders für den Abschluss von Kollektivverträgen ein.

Nach der Ausschaltung der Sozialdemokratie im Februar 1934 wird Huebers Wohnung mehrmals durchsucht, er selbst von der Polizei überwacht.

In die Zeit seines bewegten Lebens fallen der Aufbau einer modernen Gewerkschafts­organisation, deren Spaltung der Organisation durch eine gegen den „Wiener Zentralismus“ gerichtete Initiative tschechischer Gewerkschafter, die Unterordnung der Gewerkschaften unter die Kriegspolitik, ihr Aufschwung zur Massen­bewegung in der Ersten Republik –  in den  1920er Jahren beträgt der Mitgliederstand mehr als eine Million Arbeiterinnen und Arbeiter – und schließlich die Unterdrückung der Bewegung durch den Austrofaschismus. Wie die Arbeiter-Zeitung anlässlich seines 70. Geburtstages schreibt: In der Tat: keiner könnte die Geschichte der österreichischen Gewerkschaften schreiben, ohne auf jeder, buchstäblich jeder Seite Huebers Namen zu nennen.

Im Herbst 1931 wird das Lehrlingsheim der Freien Gewerkschaften auf dem Mühlberg in Weidlingsau-Wurzbachtal als „Anton Hueber-Heim“ eröffnet, vier Jahre später sitzen dort bereits die Faschisten…

Nach dem Krieg wird der in den Jahren 1930/31 nach Plänen von Heinrich Schopper und Alfred Chalusch errichtete Gemein­de­bau in der Favoritner Quellen­straße nach Anton Hueber benannt. Ebendort enthüllt der damalige Bundespräsident Theodor Körner 1953 eine von Mario Petrucci geschaffene Büste von Anton Hueber.

Werk: Frauenarbeit und Gewerkschaften, Rede und Diskussion zur Rede Anna Boscheks auf dem Österreichischen Gewerkschaftskongreß, 1929.
Literatur: Heinz Rappel, Anton Hueber (1861-1935), Dissertation an der Universität Wien 1975.

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