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Am 3. Januar 1935 stirbt der Schriftsteller und Publizist Stefan Großmann als Exilant in seiner Heimatstadt Wien.
Als „Sohn verarmter Wiener Bürger“ wird Großmann am 18. Mai 1875 in Wien geboren. Sein Vater war nach dem Börsenkrach von 1873 bankrottgegangen, seine Mutter führt zum Erhalt der Familie einen Branntweinladen in der Praterstraße. Der junge Stefan muss dort in den frühen Morgenstunden, vor dem Schulbesuch, oft aushelfen.
Diesem Kontakt mit den „einfachen Menschen“, Arbeitern des benachbarten Carltheaters, Kutschern, gescheiterten Existenzen und „vom Nachttrabe erschöpften Freudenmädchen“, verdankt Großmann sein „geistiges und politisches Erwachen“. In seiner 1930 erschienenen Autobiographie „Ich war begeistert“ schreibt er:
Niemals hätte ich jene natürliche Beziehung zu den einfachen Leuten […] ohne diese Morgenstunden im Schnapsladen erreichen können. […] Eine merkwürdige Mischung von politischem Verschwörertum, sozialer Erbitterung und musikseliger Tanzfreudigkeit herrschte hier zwischen vier und sieben Uhr morgens.
Der Tag, an dem ich Jaurès gehört hatte, hat den zölibatären Bann des isolierten Jünglings gebrochen. [IWB 44]
Die Schule hält er für „Zeitverschwendung“. Stefan wirft – ohne Wissen seiner Eltern – ein halbes Jahr vor der Matura hin, kehrt seinem jüdischen Elternhaus den Rücken und lässt sich taufen. Der Achtzehnjährige zieht nach Paris und hält sich durch Übersetzungen und den Handel mit antiquarischen Büchern über Wasser. Die aufgeheizte, auch antisemitische Stimmung rund um die Dreyfus-Affäre schärfen sein politisches Interesse, die Reden des Sozialistenführers Jean Jaurès verfolgt er mit jugendlicher Begeisterung.
Der schlechte Gesundheitszustand seines Vaters zwingt ihn zurück nach Wien – in einen „bürgerlichen Beruf“ als Versicherungsmathematiker. Nebenher veröffentlicht er Texte in der vierzehntägig erscheinendensozialistischen Zeitschrift „Die Zukunft“, dem „Zentralorgan der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs“, die wegen ihrer Nähe zum Anarchismus jedoch bald verboten wird. Mit seiner Freundin, der jungen Wiener Schauspielerin Anna Reisner, zieht Großmann nach Berlin und wird Mitarbeiter von Gustav Landauers Zeitschrift „Der Sozialist. Organ aller Revolutionäre“, dem „führenden Blatt des jungen undogmatischen Sozialismus“, ab 1899 „Anarchistische Monatsschrift“.

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Wegen „anarchistischer Umtriebe“ des Landes verwiesen, kehrt Stefan Großmann nach Wien zurück, übernimmt die Redaktion der „Wiener Rundschau“, schreibt für diverse, oft nur kurzlebige Medien und tritt schließlich 1904 in die Redaktion der Arbeiter-Zeitung ein. Hier sorgt er unter dem Pseudonym „Oblomow“ mit seinen kritischen Sozialreportagen für Furore. Ein Lokalaugenschein im Gefängnis Stein a.d. Donau etwa lässt ihn „Menschen sehen, die von der Justizmaschine erdrückt werden“.
Seine Eindrücke und Gespräche mit Strafgefangenen und Aufsehern verarbeitet er 1906 im Theaterstück „Der Vogel im Käfig“ – eine „packende Milieuschilderung“, wie ein Kritiker des „Wiener Montagblatts“ festhält.
1904 heiratet Stefan Großmann die schwedische Pastorentochter Ester Strömberg; das Paar hat zwei Töchter. Großmann ist mittlerweile arrivierter Journalist, berichtet für das „Berliner Tagblatt“ aus Wien, ist Redakteur der „Arbeiter-Zeitung“, Mitarbeiter des satirischen Blattes „Die Glühlichter“ und auch als Autor erfolgreich.
1906 gründet Stefan Großmann – nach Berliner Vorbild und mit Unterstützung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei – die Wiener „Freie Volksbühne“, mit dem Ziel, der Arbeiterschaft in angemieteten Spielhäusern ein leistbares und zugleich anspruchsvolles Theater zu bieten. Unter Großmanns Leitung etabliert sich die Volksbühne als experimentelles Wandertheater und erwirbt sich bald großes Ansehen.
Hausdramaturg ist Berthold Viertel; Alfred Kubin entwirft Bühnenbilder, später berühmte Schauspieler wie Raoul Aslan, Fritz Kortner, Ernst Deutsch und Max Pallenberg treten in jungen Jahren hier ebenso auf wie die Tänzerin Grete Wiesenthal. 1910 zählt die Volksbühne mehr als 30.000 Abonnenten, und bis zur Spielzeit 1911/12 werden 750 Vorstellungen vor rund 650.000 Zuschauern aufgeführt.

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Engelbert Pernerstorfer
Dem Verein Wiener Freie Volksbühne steht Engelbert Pernerstorfer als Obmann vor, sein Stellvertreter ist der engagierte Gemeinderat Leopold Winarsky. Großmann verantwortet als künstlerischer Leiter die Auswahl der Stücke und des Personals, die Erstellung des Spielplans sowie die Herausgabe der Programmhefte und, ab 1911, der Vereinszeitschrift „Der Strom“.
Der Erfolg lässt den Wunsch nach einer eigenen Bühne entstehen. Der deutsche Architekt Oskar Kaufmann entwirft gemeinsam mit Großmann ein für die Ecke Skodagasse / Laudongasse geplantes Haus, das ganz ohne Galerien und Logen auskommen und damit tatsächlich ein „klassenloses“ Theater werden soll.
Das Projekt scheitert, auch an den Interessen der eingeführten Theaterarchitekten Fellner & Helmer. Der ohne Rücksicht auf Kaufmanns Konzept fertiggestellte Bau wird schließlich zum Wiener Stadttheater, einem Ort für harmlose und „bekömmliche“ Operetten.
Nach endlosen Querelen mit einigen Funktionären der Partei, die ihm eine „zu wenig politisch orientierte Führung“ vorwerfen, legt Großmann im Frühjahr 1913 sämtliche Funktionen in Wien nieder und kehrt mit seiner Familie nach Berlin zurück. In der Arbeiter-Zeitung vom 29.1.1914 heißt es: Stefan Großmann ist vor einem Jahre aus unserem Blatte geschieden. Er ist seither auch aus der Leitung der Freien Volksbühne ausgetreten und hat von da jeden Zusammenhang mit der Partei und ihren Organisationen aufgegeben. Er hat überhaupt Wien verlassen und lebt in Berlin. Was er tut, ist seine Sache; wir haben keinen Einfluß darauf und keine Verantwortung dafür. Wenn er als freier Schriftsteller in bürgerlichen Blättern Feuilletons veröffentlicht, so haben wir darüber nicht zu rechten [sic].
Seine Enttäuschung über die Wiener Sozialdemokratie verarbeitet Stefan Großmann in dem 1919 erschienenen Schlüsselroman „Die Partei“. Wenn ich im Abgeordnetenhaus die sozialistischen Abgeordneten an mir vorübergehen sah, brave Bürger, meistens dickbäuchig, mit einem wohlwollenden Allerweltslächeln, dann waren sie äußerlich von den Repräsentanten der bürgerlichen Welt beim besten Willen nicht zu unterscheiden. […] Der Proletarier selbst hatte Fett angesetzt und war zum Kleinbürger geworden.
In Berlin wird Großmann Mitarbeiter und schließlich Feuilletonchef der angesehenen „Vossischen Zeitung“. Als einer der wenigen Publizisten lässt er sich 1914 nicht von der allgemeinen Kriegsbegeisterung anstecken. Seine Novelle „Der Vorleser der Kaiserin“ gilt als früheste deutsche Antikriegsliteratur.
Mit Hilfe des Verlegers Ernst Rowohlt gründet Stefan Großmann 1920 die Wochenschrift „Das Tage Buch“, in dessen erster Nummer er sich dezidiert „urteilsfähige Leser“ erwartet: „Das Tage-Buch“ kann und wird keiner Partei dienen, wohl aber hoffe ich auf eine Verschwörung der schöpferischen Köpfe neben, über, trotz den Parteien. „Das Tage Buch“ entwickelt sich – neben der Weltbühne – rasch zum wichtigsten linksliberalen Organ der Weimarer Republik, mit Autoren wie Walter Benjamin, Bert Brecht, Egon Friedell, Hugo von Hofmannsthal, Walter Hasenclever, Soma Morgenstern, Walter Rathenau, Joseph Roth oder Alfred Polgar. Als verantwortlicher Redakteur fungiert bis 1926 Carl von Ossietzky.

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So wie viele seiner jüdischen Kollegen wird auch Großmann zur Zielscheibe nationalsozialistischer Verunglimpfungen. Im „Völkischen Beobachter“ heißt es: Dieser freche Jude gehört (…) wegen Förderung französischer Interessen und Verhöhnung des um sein Dasein ringenden deutschen Volkes zum Tode verurteilt. 1925 rezensiert der „freche Jude“ gar Hitlers„Mein Kampf“: Klappt man dieses dicke und doch armselige Buch zu, so fragt man sich, wie es möglich war, daß ein besessener Psychopath, wie es Hitler unzweifelhaft ist, Tausende um sich sammeln konnte.
Ein anderer Lieblingsgegner Großmanns ist seit seinen frühen Wiener Tagen der von ihm als „Wiener Lokalhumorist“ titulierte Karl Kraus, dessen Familie aus Gitschin in Böhmen stammt. Dort hatte der alte Kraus eine Papiersäckefabrik; […] die Sträflinge in den österreichischen Zuchthäusern klebten, wie ich damals auf meinen Wanderungen durch die Strafanstalten immer wieder klagen hörte, zu Schundlöhnen Papiersäcke für den alten Kraus. Aus diesem zusammengeklebten Vermögen entspringt Krausens innere Freiheit.
Für den Schriftsteller Karl-Markus Gauß nicht bloß eine persönliche Feindschaft, sondern auch ein Kampf zwischen zwei unvereinbaren publizistischen Konzepten – hier der rastlose Großmann, der wohl für mehr als 50 Zeitungen geschrieben hat und immer neue Projekte gebar; dort der Einzelkämpfer Kraus, früh gepanzert in den Nimbus der Einsamkeit, der alle seine Kräfte grandios auf ein einziges Lebensprojekt bündelte, die ‚Fackel‘.
Wegen seines sich zunehmend verschlechternden Gesundheitszustandes zieht sich Großmann 1927 weitgehend aus dem Zeitungstagesgeschäft zurück. 1930 erscheint seine Autobiographie „Ich war begeistert“. Der zu diesem Zeitpunkt bereits schwer kranke Autor erinnert darin an das reiche kulturelle und geistige Leben in den Metropolen Wien und Berlin der Jahrhundertwende.
Dem Nationalsozialismus entkommt Stefan Großmann auf tragische Weise: Als man ihn 1933 verhaften will, bleibt er aufgrund seiner gesundheitlichen Verfassung vor Abtransport und Internierung verschont. Statt den Haftbefehl zu vollstrecken, wird ihm befohlen, das Dritte Reich umgehend zu verlassen. Kriminalbeamte geben ihm das Geleit zum Zug nach Wien, wo er mittellos und schwerkrank eintrifft.
1934 meldet er sich anlässlich der Februarkämpfe noch einmal zu Wort – anonym in Klaus Manns Exilzeitschrift „Die Sammlung“: Innerpolitisch betrachtet muß man sagen, daß die Nutznießer dieses Bürgerkrieges allein die österreichischen Nationalsozialisten sind. […] Die Kanonen, die Herr Dollfuß gegen die Wiener Arbeiterhäuser auffahren ließ, haben nicht nur die proletarische Front zerstört, sie haben die Grundmauern des kleinen Österreich erschüttert.
Wenige Monate später stirbt Stefan Großmann an Herzversagen.
Werk: - Reportagen: Österreichische Strafanstalten, 1905. - Theater: Der Vogel im Käfig, 1906. - Novellensammlungen: Die Treue, 1901; Die Gasse, 1904; Herzliche Grüße, 1909; Der Vorleser der Kaiserin, 1918; Lenchen Demuth und andere Novellen, 1925. - Romane: Die Partei, 1919; Chefredakteur Roth führt Krieg, 1928. - Autobiographie: Ich war begeistert, 1931.
Literatur: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren: Bd. 9, München 2001; Katharina Zucker: Die Bedeutung von Stefan Großmann für das Wiener Geistes- und Kulturleben in der Zeit von 1900 bis 1914, Wien 2007; Karl-Markus Gauß: Sein bisschen Ewigkeit, in: Die Presse, 22.6.2012; Rebecca Unterberger: Stefan Großmann. Ein Chefredakteur führt Krieg,Oktober 2016