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Am Montag, den 31. Mai 1926, meldet die Arbeiter-Zeitung: „Sonntag wurde wieder einer der großen Wohnhausbauten der Gemeinde Wien vom Bürgermeister feierlich eröffnet: Der Hanusch-Hof an der Erdbergerlände.“
„Feste der Arbeit, Feste der Freude“ müsse man diese sich regelmäßig wiederholenden Eröffnungsfeiern nennen, so das Parteiblatt, da die neuen Volkswohnhäuser der Gemeinde nun nacheinander fertig und ihrer Bestimmung übergeben werden.
Und tatsächlich – Ende 1926 ist das 1923 beschlossene, erste Wohnbauprogramm vorzeitig abgeschlossen. Die Jahre 1925 bis 1927 sind darüber hinaus auch jene, in denen die meisten der fast 400 kommunalen Anlagen des Roten Wien fertiggestellt und übergeben werden.
„Die gestrige Eröffnungsfeier war noch von einer besonderen Weihe umhaucht“, da sie dem Andenken des 1923 verstorbenen Ferdinand Hanusch, „des ersten Ministers für soziale Verwaltung der Republik“ [eigentlich Staatssekretär für soziale Fürsorge, Anm.], gewidmet war, nach dem der Gebäudekomplex noch vor seiner Fertigstellung benannt wird.

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Ferdinand Hanusch ist selbst noch als junger Webergeselle in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen und hat nach dem Krieg in seiner nur zweijährigen Amtszeit die Grundlagen des modernen österreichischen Sozialstaates geschaffen – die Einführung des Achtstundentages und der 48-Stunden-Woche, die Schaffung einer Sozial- und Arbeitslosenversicherung, die Begrenzung der wöchentlichen Arbeitszeit für Frauen und Jugendliche, die Schaffung eines Urlaubsanspruches für Arbeiter, das Arbeiterkammergesetz und das Betriebsrätegesetz.
Mit der Benennung nach Ferdinand Hanusch werde dieses Haus nun zu einem Symbol „des Aufstieges der arbeitenden Menschen zu höherer Kultur, zur Zivilisation“, so Bürgermeister Karl Seitz in seiner Festansprache. Hanusch sei die Verkörperung „jener Kraft und Stärke, die die Massen des Volkes emporführen wird aus den Niederungen von heute.“
Der Bürgermeister verweist auch darauf, dass die Gemeinde Wien unter den Millionenstädten Europas in der Wohnungsfürsorge vorangehe. Gleichzeitig beklagt Seitz, dass Österreich in der Frage der Expropriation, also des Enteignungsrechtes, „der allerrückständigste Staat“ sei und es nicht gelungen ist, auf Bundesebene ein Enteignungsgesetz durchzusetzen, das es den Gemeinden erlaube, die zur Bekämpfung der Wohnungsmisere notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.

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An der Stelle der neuen Wohnhausanlage befand sich bis um das Jahr 1900 der Holzlagerplatz des Sägewerks Anderl, das sich von der unteren Dietrichgasse bis zum Donaukanal erstreckte. Das ehemalige Fabrikgebäude muss bereits 1901/02 dem noch heute bestehenden Betriebsbahnhof der Wiener Linien weichen.
Die mächtige Anlage an der Erdberger Lände wird von einem niedrigeren Gebäudeteil gegen den Donaukanal hin abgeschlossen, in dem die Badeanlagen und die zentrale Wäscherei, eine Volksbibliothek, ein Kinderhort und die Wohnungen der Hauswarte untergebracht sind. Durch die geringere Höhe dieses Trakts besitzt der Großteil der in den Hof mündenden Wohnungen eine prächtige Aussicht auf die ausgedehnten Grünflächen des Praters.
Die Anlage enthält in drei polygonalen Straßenhöfen und einem stark gegliederten Innenhof insgesamt 434 Wohnungen. Eine Besonderheit stellt die Errichtung von insgesamt 23 Künstlerateliers dar, was dem Hanuschhof den Ruf eines „Künstlerhofes“ einträgt. Die Maler Rudolf Hausner und Theodor Allesch(a), der Grafiker Josef Autheried und der Schriftsteller Adelbert Muhr leben hier für einige Jahre.

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So verwundert es auch nicht, dass im Hanuschhof das erste Kunstwerk in einer städtischen Wohnhausanlage in der Landstraße aufgestellt wird. Die 1926 von Carl Gelles geschaffene, 2,4 Meter hohe, bronzene Kolossalstatue eines Athleten („Nackter Jüngling"), der in seinem Rücken andrängende Gestalten abzuwehren scheint, ruht auf einem Sockel mit der Inschrift Dem Schöpfer des modernen Arbeitsrechtes Ferdinand Hanusch gewidmet. Die Arbeiterkammern Österreichs und Die Arbeiter schützen dieses Werk.
Die Statue wird 1934 entfernt und gilt seit 1941 als verschollen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gießt der Bildhauer Rudolf Schmidt das Kunstwerk im Auftrag der Arbeiterkammer nach der von den Wiener Metallwerken aufbewahrten Gussform neu. 1954 wird das wiedererrichtete Denkmal von Bürgermeister Franz Jonas in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste feierlich enthüllt.
Architekt des Hanuschhofes ist Robert Oerley (1876–1945). Der Sohn eines Tischlers erhält eine Ausbildung als Tischler und Möbeldesigner, studiert anschließend an der Kunstgewerbeschule und beginnt als Autodidakt, sich mit Architektur zu befassen. Er plant mehrere Privatvillen und ist anfangs noch einem „strengen“ Jugendstil verpflichtet.
Spätestens seit der Errichtung des modernen Sanatoriums Luithlen in der Auerspergstraße 9 in den Jahren 1907/08 gehört Oerley, gemeinsam mit Adolf Loos, Josef Hoffmann und den Brüdern Gessner, zum Kern der österreichischen Avantgarde.
Oerley, der sich auch in der öffentlichen Diskussion um die sozialen und politischen Aufgaben der neuen Architektur engagiert, entwirft 1917 die markanten Zeiss-Werke in Penzing, eines der interessantesten Beispiele der Industriearchitektur jener Zeit. Im Roten Wien ist Oerley, gemeinsam mit Karl Krist, noch an der Errichtung des großen George-Washington-Hofes beteiligt.

George-Washington-Hof © WStLA
Oerley, der sich in dieser Zeit verstärkt Fragen der Stadtplanung zuwendet, ist von 1927 bis 1932 auch beim Aufbau der neuen türkischen Hauptstadt Ankara beteiligt. Er überwirft sich dort allerdings mit Clemens Holzmeister und kehrt 1934 nach Wien zurück, wo er nur noch wenige Aufträge erhält. Im „Dritten Reich“ wird er, ohne NSDAP-Mitglied zu sein, Referent für Architektur der Reichskammer der bildenden Künste Wien. Oerley stirbt im November 1945, als er beim Verlassen der Secession von einem LKW überfahren wird.