
Wiener Bilder, 12.7.1931 © ÖNB
Am 5. Juli 1931 wird die neue Augartenbrücke im Beisein von Bundespräsident Wilhelm Miklas und des Wiener Bürgermeisters Karl Seitz feierlich eröffnet.
1927 kommt das Stadtbauamt zu dem Schluss, dass die 1873 errichtete und nach Maria Theresia benannte Brücke, die den Alsergrund mit der Leopoldstadt verbindet, den Anforderungen des modernen Verkehrs nicht mehr genügt, weshalb aus Sicherheitsgründen sogar Verkehrseinschränkungen vorgenommen werden mussten. Eine neue Brücke über den Donaukanal muss her!
Die Augartenbrücke weist eine wechselvolle Geschichte auf: Nach der Öffnung des ursprünglich als kaiserliches Jagdgebiet genutzten Augartens für die Allgemeinheit durch Kaiser Joseph II. wird 1775 eine Holzbrücke, die sogenannte Neue Brücke, über den Wiener Arm der damals noch unregulierten Donau errichtet. Während der napoleonischen Belagerung Wiens 1809 aus militärtaktischen Gründen niedergebrannt, wird sie bald darauf wiederhergestellt. Zu Beginn der 1870er-Jahre errichtet ausgerechnet die französische Compagnie de Fives-Lille eine erste Eisenbrücke mit Hängewerk und Tragketten; die Eröffnungfindet im Juni 1873 während der Wiener Weltausstellung statt. Die vier Portalpfeiler aus Granit sind mit allegorischen Bronzefiguren – Malerei, Poesie, Industrie und Astronomie –geschmückt.
Wie in allen Zweigen der Kommunalverwaltung ist es auch beim Brückenbau die Frage, die notwendigen Mittel aufzubringen, um den Technikern die Möglichkeit zur Entfaltung ihres Könnens und ihrer Kunst zu bieten.Karl Seitz, 5.7.1931
Der geplante Neubau der in die Jahre gekommenen Gründerzeitkonstruktion wird 1928 öffentlich ausgeschrieben. Im Juli 1929 entscheidet sich der Gemeinderat unter den 23 eingereichten Entwürfen für jenen Hubert Gessners und für ein eisernes Brückentragwerk der Waagner-Biro-AG.
Die Zeit zwischen 1922 und 1929 gehört zu den schaffensreichsten Jahren in Gessners Leben. Mit der Errichtung von fünf Wohnhausanlagen plant er etwa 2.500 Wohnungen – ein Zehntel des 1923 beschlossenen ersten Wiener Wohnbauprogrammes. Die Augartenbrücke bildet das letzte Werk dieser schaffensreichen Periode.

© Albertina
Das Erscheinungsbild der Brücke ist überaus schlicht, ihre Wirkung erzielt sie durch die charakteristischen, futuristisch anmutenden Leuchtpylonen. Gessner spielt bereits seit vielen Jahren gerne mit Lichteffekten – schon 1909 integriert er am Portal des Vorwärtshauses die Beleuchtungskörper in seine Architektur, und auch bei den etwa zeitgleich mit der Augartenbrücke entstandenen Sälen der Linzer und der Grazer Arbeiterkammer spielt die ausgeklügelte Beleuchtung der Innenräume eine bestimmende Rolle.
Die „Allgemeine Zeitung“ lobt die künstlerische Ausgestaltung der neuen Brücke bereits 1930 und bezeichnet ihren Architekten als einen „Meister der strengen Sachlichkeit“.
Auch der Architekturkritiker Jan Tabor gerät beim Anblick der Augartenbrücke ins Schwärmen: „Die eleganteste Brücke von Wien ist die Augartenbrücke. [...] Sie ist ein Tor und sie ist eine Skulptur. Sie zeigt großstädtische Haltung. Sie ist hübsch und selbstbewußt, sie will bewundert werden.“
In den letzten Kriegstagen wird die Augartenbrücke, so wie alle Donaukanalbrücken, von den abziehenden deutschen Truppen gesprengt. Dank ihrer massiven Bauweise wird sie dabei allerdings nur beschädigt und kann bereits im Januar 1946 als erste der wiederhergestellten Donaukanalbrücken dem Verkehr übergeben werden
Seit 1983 besteht als Gegenstück in Richtung des 9. Bezirks die Rossauer Brücke.