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Aktuelle Seite: Ein Wiener wird Berliner – Rudolf Hilferding
0006 | 11. Februar 2021    Text: Lilli Bauer & Werner T. Bauer

Ein Wiener wird Berliner – Rudolf Hilferding

Vor 80 Jahren wird der gebürtige Wiener, der es bis zum Finanzminister der Weimarer Republik bringt, im Gestapo-Gefängnis in Paris ermordet.

Rudolf Hilferding wird am 10. August 1877 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Wien geboren. Er studiert Medizin, promoviert 1901 und praktiziert einige Jahre als Kinderarzt. 1904 heiratet er Margarethe Hönigsberg, die kurz zuvor als erste ordentliche Hörerin der Medizin das Doktorat an der Wiener Universität erworben hat. Die Ehe wird 1922 geschieden.

Hilferdings eigentliche Passion gilt der politischen Ökonomie und dem Marxismus. Er schließt sich der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei an und wirkt ab 1904, gemeinsam mit Max Adler, als Herausgeber der „Marx-Studien“, einer Publikationsreihe, in der die wichtigsten theoretischen Veröffentlichungen des Austromarxismus gesammelt sind.

Die Welt von heute

Das Kapital wird zum Eroberer der Welt, und mit jedem neuen Lande erobert es die neue Grenze, die es zu überschreiten gilt.

1906 übersiedelt Hilferding nach Berlin, wo er an der Parteischule der SPD Volkswirtschaft und Wirtschaftsgeschichte unterrichtet und für das Parteiblatt „Vorwärts“ arbeitet. In dieser Zeit entsteht auch jenes Werk, das seinen Ruf begründet: „Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus“. Hilferding ist der erste, der die neue Epoche als eine der Vorherrschaft des – wie er es nennt – „Finanzkapitals“ erkennt und der das Wesen dieses jüngsten Entwicklungsstadiums des Kapitalismus zu ergründen versucht.


Er untersucht das Wesen der Aktiengesellschaften, die Beziehungen von Bank- und Industriekapital, die Rolle der Börse, die Konzentrationsvorgänge, die durch die Bildung von Trusts und riesigen Kartellen sowie durch immer engere Beziehungen von Bank- und industriellem Kapital deutlich werden. Und die sich daraus abzeichnenden Folgen, in einer Welt, die zwischen Großmächten und Monopolen aufgeteilt ist. Die Welt, in der wir heute leben…

Karl Kautsky, der führende Theoretiker der deutschsprachigen Sozialdemokratie, bezeichnet Hilferdings Arbeit als eine Erweiterung des zweiten und dritten Bandes des ‚Kapital‘ von Karl Marx, manche Zeitgenossen bezeichnen „Das Finanzkapital“ gar als dessen „vierten Band“.

Eine Ahnung vom Wohlfahrtsstaat…

Unter dem Eindruck der politischen und ökonomischen Entwicklungen nach dem Ersten Weltkrieg, vor allem aber angesichts des „Sozialismus der Despotie“ in der Sowjetunion, wird Hilferding vom Revolutionär zum Reformisten. Man müsse, so erklärt er nun, von der alten Anschauung des Staatssozialismus abrücken. Der demokratische Staat sei durchaus in der Lage, in den Prozess der „Organisierung“, der „Vergesellschaftung“ und der „Planung“ der kapitalistischen Ökonomie einzugreifen.

Die „anarchisch-kapitalistische“ Wirtschaftsentwicklung der freien Konkurrenz würde damit aufgehoben, es entstünde ein „organisierter Kapitalismus“. Dieser könne einer demokratisch kontrollierten Wirtschaft den Boden bereiten, der Sozialismus somit auf demokratischem Weg erreicht werden. Ein Vorgriff auf den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat der 1970er Jahre?

Auch als Politiker legt der Wiener in Berlin eine erstaunliche Karriere hin. Aus Protest gegen die Bewilligung der Kriegskredite durch die Reichstagsfraktion der SPD tritt er 1917 zu der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) über und leitet bis 1923 deren Zentralorgan „Freiheit“. Ein Zusammengehen dieser linken SPD-Abspaltung mit der Kommunistischen Partei Deutschlands lehnt er allerdings vehement ab.

Nach der Wiedervereinigung der deutschen Sozialdemokratie im Jahr 1922 wird Rudolf Hilferding, der seit 1919 deutscher Staatsbürger ist, im August 1923 Reichsfinanzminister im Kabinett von Gustav Stresemann. Vor Inkrafttreten der Währungsreform im Oktober desselben Jahres tritt Hilferding von seinem Amt wieder zurück.

… die Vision vom vereinten Europa

1924 wird er in den Reichstag gewählt und in weiterer Folge in den Parteivorstand der SPD berufen. Gemeinsam mit Karl Kautsky entwirft er 1925 das Heidelberger Programm der SPD. Darin heißt es so visionär: Sie [die SPD, Anm.] tritt ein für die aus wirtschaftlichen Ursachen zwingend gewordene Schaffung der europäischen Wirtschaftseinheit, für die Bildung der Vereinigten Staaten von Europa, um damit zur Interessensolidarität der Völker aller Kontinente zu gelangen.

1928 wird Rudolf Hilferding in der zweiten Großen Koalition unter Reichskanzler Hermann Müller (SPD) erneut Reichsfinanzminister, tritt jedoch im Dezember 1929 in Folge des Zusammenbruchs der New Yorker Börse und aus Protest gegen die Einmischung des Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht in seine Befugnisse zurück. Als Minister bleibt der versierte Theoretiker glück- und erfolglos.

Ein noch nie dagewesener Fall hakenkreuzlerischer Frechheit

Rudolf Hilferding ist zum damaligen Zeitpunkt bereits Zielscheibe von wüsten Angriffen der Nationalsozialisten. Bei einer Sitzung des Reichtages im Juli 1928 etwa bezeichnet „der Hitlerianer Straßer aus Nürnberg, einer der übelsten Schimpfbolde“ ihn als einen „in Ostgalizien geborenen, negroiden Juden“ (Arbeiter-Zeitung, 6.7.1928).

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 emigriert Hilferding zunächst nach Zürich und schließt sich dann der Exilorganisation der deutschen Sozialdemokraten in der Tschechoslowakei an. Im Oktober 1933 schreibt er die prophetischen Worte: Die ganze Ideologie der Nationalsozialisten schafft akuteste Friedensbedrohung. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei flieht Hilferding, so wie die meisten Exilanten, ins vermeintlich sichere Frankreich. Anfang Februar 1941 wird er auf Befehl der Vichy-Regierung in Marseille verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. Er stirbt am 11. Februar im Pariser Gestapo-Gefängnis an den Folgen der erlittenen Misshandlungen.

Margarethe Hilferding, Rudolfs Frau aus Wiener Tagen, praktiziert im Roten Wien als Frauen- und Schulärztin und engagiert sich für Geburtenkontrolle durch Empfängnisverhütung. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ist sie bis September 1941 im Rothschild-Spital, dem Spital der israelitischen Kultusgemeinde am Währinger Gürtel, tätig. Im Juni 1942 wird sie nach Theresienstadt deportiert und am 28. September in das Konzentrationslager Treblinka verlegt, wo sie kurz darauf ermordet wird.

Der ältere Sohn des Paares, Karl Hilferding, wird 1942 im Lager Groß-Strelitz ermordet. Hilferdings zweiter Sohn, Peter, kann mit Hilfe Karl Poppers nach Neuseeland emigrieren. Rudolfs zweiter Frau Rose gelingt 1941 die Flucht in die USA.

2003 wird in Floridsdorf der Hilferdingweg nach der Familie Hilferding benannt. Die in den Jahren 1928/29 errichtete Wohnhausanlage in der Favoritner Leebgasse 100 trägt seit 2006 den Namen Margarethe-Hilferding-Hof.

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