
Lesesaal in der Bücherei Sandleiten, um 1930 © Wien Museum Inv.-Nr. 59241/1005
Am 14. April 1970 stirbt einer der produktivsten Architekten des Roten Wien, Erich Leischner. Heute ist er dennoch nahezu vergessen.
Erich Leischner studiert von 1906 bis 1912 an der Technischen Hochschule Wien, unter anderem bei Max von Ferstel und bei Karl König, einem der bedeutendsten Architekten des Späthistorismus, der seinen Schülern viele Freiheiten erlaubt.

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So wie sein Kollege, der Otto-Wagner-Schüler Karl Ehn, tritt Leischner sehr früh, noch als Werkstudent, in den Dienst der Gemeinde Wien ein, wo er sich vor allem mit technischen Bauwerken beschäftigt. Seine ersten eigenständigen Bauten sind mehrere Wasserbehälter, wie etwa jener am Steinhof, sowie das Umspannwerk Pottendorfer Straße.
Während des Ersten Weltkriegs ist Leischner Bauleiter bei den Pionieren. Seine große Zeit kommt im Roten Wien. Er plant den Robert-Blum-Hof (1923/24) in der Engerthstraße, den so ungewöhnlichen wie expressiven Franz-Kurz-Hof (1923/24) in der Penzinger Spallartgasse, den großen und nüchternen Pfannenstielhof in der Währinger Kreuzgasse, den Appelhof (1931/32), ein „Sparbau“ aus der Spätzeit der Wiener Gemeindebauten sowie zwei kleinere namenlose Bauten.
In der Wohnhausanlage Sandleiten geht die Planung der „noblen“ Volksbibliothek ebenso auf Leischner zurück wie der für 600 Personen angelegte Kino- und Theatersaal sowie das moderne Kindergartengebäude, das mit abgetreppten Geschossen, Dachspielterrassen, Spielflächen und einem Wasserbecken ausgestattet ist und bei dessen Innen- und Außengestaltung namhafte Künstler beigezogen werden.

Thaliabad, um 1926 © Wien Museum Inv.-Nr. 57962/336
Erich Leischner ist auch bei der Errichtung von Industrie- und Infrastrukturbauten wie Straßenbahndepots, Feuerwachen, Gas- und Elektrowerken, Umspannwerken oder Wasserbehältern tätig. Seine Betriebs- und Werkshallen der Straßenbahnremisen in der Meidlinger Koppreiterstraße 5 und in der Schwendergasse 15 in Fünfhaus gehören laut Helmut Weihsmann „zu den schönsten ihrer Art in Wien“.
Nach Leischners Plänen entstehen auch das 1985 abgetragene „Thaliabad“, das legendäre Kongressbad und mehrere Kinderfreibäder.
Dank seines guten Rufes als Architekt wird Erich Leischner mehrmals für die Nachbesetzung von Lehrkanzeln an der Technischen Hochschule vorgeschlagen, aus politischen Gründen bleibt ihm eine Hochschuhllaufbahn jedoch verwehrt. Leischner macht – noch eine Parallele zu Karl Ehn – als „beamteter Architekt“ Karriere und ist, ungeachtet aller politischen Veränderungen, bis 1949 im Rathaus tätig.
Im austrofaschistischen Ständestaat ist Erich Leischner für die Planung und Umsetzung der als „Panoramastraße“ im Rahmen eines Arbeitsbeschaffungsprogrammes konzipierten Höhenstraße verantwortlich und, wenn auch in stark vermindertem Ausmaß, weiterhin im Wohnbau engagiert, etwa bei der Errichtung des Ignaz-Seipel-Hofs 1934/35.

Höhenstraße, 1934 © WStLA
Während der NS-Zeit arbeitet Leischner am Entwurf neuer Wohnviertel im Süden Wiens. Ideologisch unbelastet, avanciert er nach Kriegsende zum Leiter der Magistratsabteilung für Architektur. In dieser Funktion ist er unter anderem federführend am Wiederaufbau der Hauptfeuerwache, bei der Errichtung des modernen Laaerbergbades und als Konsulent bei der Planung mehrerer Brücken über den Donaukanal beteiligt, etwa der Aspernbrücke, der Rotundenbrücke und der Salztorbrücke.
Werk: Die Wohnhausbauten der Gemeinde Wien (Karte), 1926; Das neue Wien 1919-1956. Vogelschauplan der im Rahmen des sozialen Wohnbaues bis zum Jahre 1956 fertiggestellten und begonnenen Wohnhausbauten der Stadt Wien (Karte), 1956.
Literatur: Erich Bernard, Barbara Feller: Amt Macht Stadt. Erich Leischner und das WienerStadtbauamt, 1999; Helmut Weihsmann, In Wien erbaut, 2005.