Zum Inhalt springen
Aktuelle Seite: „Fu“
0215 | 1. JANUAR 2026    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

„Fu“


Am 1. Januar 1951 stirbt der Direktor des Pädagogischen Instituts der Stadt Wien, der Pädagoge Carl Furtmüller, während eines Urlaubs in der Salzburger Gemeinde Mariapfarr. 

Carl Leopold Furtmüller kommt 1880 in Wien zur Welt. Er besucht das Schottengymnasium und studiert ab 1898 Germanistik, Philosophie und Französisch an der Universität Wien. 1902 promoviert er mit einer Dissertation mit dem sperrigen Titel „Die Theorie des Epos bei den Brüdern Schlegel, den Klassikern und Wilhelm von Humboldt“. Danach legt er die Lehramtsprüfung für Deutsch – mit Griechisch und Latein als Nebenfächer –, später auch für Philosophie und Französisch ab.

Bereits in jungen Jahren schließt er sich der sozialdemokratischen Bewegung an und ist als Vortragender in der Bildungsarbeit tätig. Die Etablierung eines breiten Bildungszugangs, das heißt, die Überwindung des Bildungsprivilegs der besitzenden Klasse, wird sein lebensbestimmendes politisches Ziel.

Während seiner Studienzeit ist Carl Furtmüller im Sozialwissenschaftlichen Bildungsverein aktiv, einem linken Forum, in dem austromarxistische Politiker, Sozialphilosophen, Psychologen und Pädagogen zusammentreffen und prominente Zeitgenossen wie Otto Bauer,Rosa Mayreder, Karl Renner und Sigmund Freud auftreten. 1901 wird der junge Furtmüller in dessen Vorstand gewählt; im selben Jahr erfolgt seine Aufnahme als jüngstes Mitglied in den Gründungsausschuss des Volksheims Ottakring, der ersten Volkshochschule Österreichs.

Ab 1901 unterrichtet Furtmüller am Wiener Sophiengymnasium in der Leopoldstädter Zirkusgasse und anschließend von 1904 bis 1909 am Gymnasium in der nordwest­böhmischen Stadt Kadaň (Kaaden) Deutsch, Latein und Griechisch. In dieser Zeit verfasst er die Abhandlung „Die Philosophie Schillers und der Deutsch­unterricht in den Oberklassen des Gymnasiums“, die bereits zentrale Gedanken des späteren Werks „Psychoanalyse und Ethik“ vorwegnimmt.

Aline

1904 heiratet Carl die Mittelschullehrerin Aline Klatschko, die 1883 als Tochter des russischen Revolutionärs Samuel Klatschko (1851–1914) und dessen Ehefrau Anna (geb. Lwoff) in Wien zur Welt kommt.

Samuel Klatschko ist der Sohn des Rabbiners Lewin Smulowitsch Klatschko aus dem litauischen Wilna. Im Alter von nur 16 Jahren begibt er sich nach Moskau und schließt sich einem revolutionären Zirkel an. Über die Schweiz emigriert er gemeinsam mit anderen Gesinnungsgenossen nach Amerika, um dort eine „ideale“ landwirtschaftliche Kolonie zu gründen. 1877 kehrt er nach Europa zurück, schließt sich in Paris neuerlich einem Zirkel revolutionärer russischer Emigranten an – und wird schließlich 1880 von dort nach Wien ausgewiesen, wo er die Musikstudentin Anna Konstantinowa Lwoff heiratet.

Als Angestellter einer Anwaltskanzlei kann Samuel Klatschko seiner Familie nunmehr einen „gutbürgerlichen“ Lebensstil bieten. Seiner sozialistischen Gesinnung bleibt er dennoch treu, was sich auch auf seine Tochter Aline überträgt. Klatschko ist mit Victor Adler, Otto Bauer und mit Karl Kautsky bestens bekannt, ebenso mit der Familie des späteren Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlers Karl Polanyi und mit Leo Trotzki, der von 1907 bis 1914 in Wien lebt.

Trotzki, der an den meisten Wiener Sozialdemokraten kein gutes Haar lässt, schreibt in seiner Autobiographie: Das ganze Kapitel meines Wiener Lebens wäre nicht vollständig, wenn ich nicht erwähnen würde, daß die Familie des alten Emigranten S. L. Klatschko zu unseren nächsten Freunden zählte. [Unsere Kinder] liebten es, die Familie Klatschko's zu besuchen, wo alle, das Oberhaupt der Familie, die Hausfrau und die erwachsenen Kinder, sehr aufmerksam gegen sie waren, ihnen allerhand Interessantes zeigten und sie mit herrlichen Dingen bewirteten. In der Familie Klatschko fanden wir stets Hilfe und Freundschaft, und wir bedurften oft der einen wie der anderen.

Alfred und Raissa

Nach Carl Furtmüllers Versetzung ins böhmische Kadan setzt das Paar auch dort sein politisches Engagement fort und gründet eine Ortsgruppe des bildungsreformerischen antiklerikalen Vereins Freie Schule.

1909 kehrt das Ehepaar Furtmüller nach Wien zurück, wo Carl an der Wiedner Realschule unterrichtet. Alfred Adler, dessen Frau Raissa ebenfalls russischer Abstammung ist, führt Furtmüller im Herbst desselben Jahres in die von Sigmund Freud begründete Psychologische Mittwoch-Gesellschaft ein. Am 15. Dezember 1909 hält Furtmüller hier seinen ersten Vortrag über „Erziehung oder Fatalismus“.

Nach Adlers Bruch mit Freud verlässt auch Furtmüller den handverlesenen Psychologenkreis und wird einer der wichtigsten Mitarbeiter Adlers beim Aufbau der individualpsychologischen Schule und dem „Verein für freie psychoanalytische Forschung“. Gemeinsam geben sie ab 1914 die „Zeitschrift für Individualpsychologie“ heraus.

Von 1914 bis 1918 muss der überzeugte Kriegsgegner Furtmüller Kriegsdienst leisten, zunächst als Leiter einer mobilen Verpflegungskolonne und später als Konzipient im Kriegsministerium. Aus Sarajevo bringt er eine Malariaerkrankung mit, an der er noch jahrelang laborieren wird.

Fi-Fa-Fu

Nach dem Ersten Weltkrieg ist Carl Furtmüller führend an der großen Schulreform Otto Glöckels beteiligt. Ihr wichtigstes Ziel ist die Schaffung eines neuen Schulsystems mit demokratischem Erziehungsstil, Gemeinschafts­gesinnung und gleichen Bildungschancen für alle Kinder, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft.

1918 wird Furtmüller Mitbegründer und Obmann der „Vereinigung sozialdemokratischer Mittelschullehrer“, 1919 beruft ihn Otto Glöckel in die Reformabteilung des Unterrichtsministeriums. Carl Furtmüller zählt nun, neben Viktor Fadrus und Hans Fischl, zu den einflussreichsten Pädagogen der Ersten Republik – man nennt sie auch „die drei großen F“. In die österreichische Schulgeschichte geht Carl als der „Fu“ des von der Wiener Lehrerschaft scherzhaft mit der Abkürzung „Fi-Fa-Fu“ bedachten Triumvirats Fischl, Fadrus und Furtmüller ein.

Nach der Bestellung Glöckels zum Präsidenten des Wiener Stadtschulrats holt er das Team an seine neue Wirkungsstätte. Furtmüller ist das Mastermind der zwischen 1922 und 1927 in Angriff genommenen Reformen, deren zentrales Anliegen die Einführung einer gemeinsamen Mittelschule ist.

Dass aus den europaweit beachteten Wiener Schulversuchen, bei denen neben der Erneuerung des Unterrichts auch die Reform der Lehrerausbildung und die Einbeziehung der Elternschaft mitbedacht werden, 1927 schließlich nur eine Hauptschulreform wird, liegt an der grundsätzlichen Ablehnung der Christlichsozialen, der katholischen Kirche, der bürgerlichen Presse und am erbitterten Widerstand der um einen Statusverlust besorgten Gymnasiallehrerschaft.

Als Landesschulinspektor für Mittelschulen und Leiter des Schulversuchs für die Allgemeine Mittelschule fördert Furtmüller die Errichtung von Erziehungsberatungsstellen und verhilft Alfred Adler, auf dessen Individualpsychologie sich die Wiener Schulreform stützt, zu einer Dozentenstelle am Pädagogischen Institut der Stadt Wien.

In sozialistischen und pädagogischen Zeitschriften verfasst Furtmüller zahlreiche Artikel über die Wiener Schulreform; von 1930 bis 1933 fungiert er als Herausgeber der Zeitschrift die „Wiener Schule“, einer pädagogischen Beilage des Verordnungs­blatts des Stadtschulrates.

[…] und so ist die Erwartung berechtigt, daß eine völlige Neuordnung der Erziehung uns einst ein gesünderes, mutigeres und glücklicheres Geschlecht werde bescheren können. Aber sofort setzt sich dieser beglückenden Aussicht die niederdrückende Erkenntnis entgegen, daß uns für diese neue Erziehung das Geschlecht der neuen Erzieher fehlt, daß die übergroße Mehrzahl derer, denen in Familie und Schule die Führung der Jugend zufällt, selbst die Spuren und Narben der alten Erziehung an sich trägt und deshalb zwangsläufig die Wege dieser alten Erziehung wandelt […]

Aline und Carl

Aline Furtmüller, die ihren Lehrerberuf nach 1918 endlich ausüben darf, ist ebenfalls in der sozialdemokratischen Bildungsbewegung aktiv und außerdem auch Vorsitzende der sozialdemokratischen Frauenorganisation im dritten Bezirk. Von 1919 bis 1934 gehört sie außerdem dem Wiener Gemeinderat an. Aline und Carl Furtmüller sind im Roten Wien ein sozialdemokratisches „Power-Couple“ – nicht das einzige übrigens. Sie als eine der ersten weiblichen Abgeordneten im Wiener Gemeinderat, er eine Schlüsselfigur der Wiener Schulreform.

Otto BauerAlfred AdlerMax Adler und das Ehepaar Leopoldine und Otto Glöckel zählen zu den regelmäßigen Gästen, die sich in der Wohnung der Furtmüllers zu politischen Diskussionen treffen.

Carl  

Als exponierter Sozialdemokrat wird Carl Furtmüller 1934 von der austrofaschistischen Regierung seines Amtes enthoben; Aline Furtmüller kommt sogar für einige Monate in Haft.

Nach dem „Anschluss“ gilt Aline, obwohl zum Protestantismus übergetreten, als „Volljüdin“ und Carl, der Sohn einer konvertierten jüdischen Mutter, als „Halbjude“. Ihre Flucht durch halb Europa wird überaus beschwerlich – trotz der Unterstützung von bereits in Paris lebenden Freunden wie Otto Leichter und sozialdemokratischen Exilantenorganisationen.

Im Juni 1939 entkommen die Furtmüllers nach Paris, wo Carl für die von Otto Bauer gegründete Zeitschrift „Der Sozialistische Kampf“ arbeitet. Im Sommer 1940, Frankreich ist besiegt, fliehen sie in die südfranzösische Stadt Montauban. Wenig später geht es weiter nach Marseille, wo Carl ein sogenanntes Roosevelt-Visum sowie spanische und portugiesische Transitvisa erhält. Allerdings ist die spanisch-französische Grenze bei ihrer Ankunft bereits gesperrt. Bei dem Versuch, die Pyrenäen zu Fuß zu überqueren, werden die Furtmüllers verhaftet und für mehrere Monate in spanischen Gefängnissen festgehalten. Das von US-Präsident Roosevelt erteilte Visum ermöglicht schließlich ihre Freilassung. Am 28. Dezember 1940 verlassen Aline und Carl Furtmüller Europa in Richtung USA, wo Aline noch im selben Jahr an Leukämie verstirbt.

Carl Furtmüller ist zunächst in einer Kleiderfabrik, anschließend als Lateinlehrer an einer Quäkerschule in Baltimore und schließlich als Übersetzer beim Abhördienst des US-Office of War Information in New York sowie als Gestalter österreichbezogener Radiosendungen der „Voice of America“ tätig. Als eines der führenden Mitglieder des „Austrian Labor Committee“ verfasst er das Programm für den Wiederaufbau des österreichischen Bildungswesens.

1943 erscheint in der „Austrian Labor Information“ sein Artikel „Erziehung – ein zentrales Nachkriegsproblem“, in dem er sich mit den Problemen der „Rückerziehung zur Demokratie“ und der Entnazifizierung Österreichs und seiner Schulen auseinandersetzt.

1947 kehrt Carl Furtmüller mit seiner zweiten Frau Leah Cadbury nach Österreich zurück, wo er von 1948 bis zu seinem Tod das Pädagogische Institut der Stadt Wien leitet und ein enger Mitarbeiter von Stadtschulratspräsident Leopold Zechner wird. 

Literatur: Carl Furtmüller: Psychoanalyse und Ethik. Eine vorläufige Untersuchung. In: Schriften des Vereins für freie psychoanalytische Forschung Nr. 1, 1912; ders.: Denken und Handeln, 1930/1983; Lux Furtmüller (Hrsg.): Denken und Handeln – Schriften zur Psychologie 1905–1950. Von den Anfängen der Psychoanalyse zur Anwendung der Individualpsychologie, 1983; Oskar Achs: Zwischen Gestern und Morgen. Carl und Aline Furtmüllers Kampf um die Schulreform, 2015.

Fuss ...