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Am 19. Januar 1905 wird im Arbeiterheim Favoriten der Arbeiter-Abstinentenbund gegründet, der mehrere einzelne, bereits in ganz Österreich bestehende Vereine zusammenfasst.
Der Alkohol stellt seit jeher ein ernstes Problem dar, v.a. innerhalb der männlichen Arbeiterklasse. Viele Arbeiter fliehen aus ihren elenden Wohnungen und tristen Lebensverhältnissen regelmäßig in die Wirtshäuser und suchten Trost im Alkohol. Der ohnedies karge Lohn, der kaum zum Leben reicht, bleibt im Wirtshaus, die Familien sinken noch tiefer ins Elend.
1845 schreibt Friedrich Engels über die „Lage der arbeitenden Klasse in England“: Der Arbeiter kommt müde und erschlafft von seiner Arbeit heim; er findet eine Wohnung ohne alle Wohnlichkeit, feucht, unfreundlich und schmutzig; er bedarf dringend einer Aufheiterung, er muß etwas haben, das ihm die Arbeit der Mühe wert, die Aussicht auf den nächsten sauren Tag erträglich macht [...] es ist die moralische und physische Notwendigkeit vorhanden, daß unter diesen Umständen eine sehr große Menge der Arbeiter dem Trunk verfallen muß.
Die organisierte Arbeiterbewegung betrachtet den Kampf gegen die Volksseuche Alkohol deshalb von Beginn an als eine ihrer zentralen Aufgaben. 1899 wird der „Verein der Abstinenten in Wien“ gegründet, bald folgen die weltanschaulich unterschiedlichsten Abstinentenvereine – sozialdemokratische, national-liberale, deutschvölkische und auch bürgerliche –, und das nicht nur in Wien.

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Am 7. Juni 1904 berichtet die Arbeiter-Zeitung über eine „Volksversammlung für die Abstinenz“ im Wiener Ronacher. Dabei ergreift auch Parteiführer Victor Adler das Wort – pointiert wie immer: Wir könnten ja sagen: Wenn die herrschenden Klassen verblöden wollen, braucht uns das nicht zu genieren. Aber […] es kann uns nicht gleichgültig sein, wie die Bureaukratenklasse aussieht, die uns regiert. Ich wünsche mir nicht verblödete Gegner. […] Die Sache des Proletariats ist so gut, daß wir auch mit abstinenten Gegnern fertig werden.
Der Victor Adler zugeschriebene Ausspruch „Der denkende Arbeiter trinkt nicht und der trinkende Arbeiter denkt nicht“ wird zur Leitlinie des Abstinentenbundes, dessen Proponenten, die Ärzte Richard Fröhlich und Rudolf Wlassak sowie der gelernte Buchdrucker und spätere Nationalratsabgeordnete Anton Hölzl, ab 1. Januar 1906 auch die Zeitschrift „Der Abstinent“ herausbringen. Darin werden zum Beispiel auch diverse, den Alkohol verharmlosende „Ärztegutachten“ besprochen, die vom „Brauherrenkartell“ finanziert würden: Es ist nun der Fall denkbar, daß Ärzte wirklich gegen „angemessenes“ Honorar solche Reklamenotizen schreiben, sie haben jedoch kein Recht, ihre privaten, honorierten Ansichten als „Stellung der Ärzte zur Abstinentenbewegung“ zu betiteln.
Bei der ersten Generalversammlung des Arbeiterabstinentenbundes im Februar 1907 ist auch der Vorsitzende des deutschen Schwestervereins, „Genosse Neumann aus Hamburg“ zugegen. Der Deutsche Arbeiter-Abstinenten-Bund (DAAB) existiert bereits seit 1903. Neumann betont die Besonderheit der sozialistischen Bewegung und deren Unterscheidungsmerkmal von den bürgerlichen „Mäßigkeits-“ oder Abstinenzverbänden, die den Alkohol vor allem wegen seiner individuellen Schädlichkeit bekämpften.

Für die Arbeiterabstinenten sind die gesundheitlichen, sozialen und finanziellen Schäden nicht die einzigen fatalen Auswirkungen des „Alkoholteufels“. Das Schlimmste sei die Beeinträchtigung des Klassenkampfs durch „den saufenden Arbeiter“, den der Alkohol träge, stumpf und interessenlos mache. Der trinkende Arbeiter sei deshalb eine regelrechte Stütze des Kapitalismus, das Streben nach Abstinenz hingegen Voraussetzung für den Klassenkampf, der ohne Alkohol schneller und effektiver geführt werden könne.
Innerhalb der Arbeiterschaft sind diese Initiativen nicht unumstritten. Viele Arbeiter wehren sich gegen den in ihren Augen überheblichen und moralisierenden Ton der Abstinenzler, die bei ihren Auftritten nicht selten beschimpft und verhöhnt werden. Und nicht wenige Funktionäre bemerken zurecht, dass die Arbeiterschaft bei ihren regelmäßigen Treffen auf die Versammlungsräume der Gastwirtschaften angewiesen sei, in denen in erster Linie Bier ausgeschenkt würde. Höhere Saalmieten bei Verzicht auf Alkoholkonsum könne man sich nicht leisten. Auf längere Sicht führt dies zur Errichtung von sozialdemokratischen Arbeiterheimen, die allerdings auch wieder Gastwirtschaften beherbergen und von denen einige nur mit Krediten von Brauereibesitzern errichtet werden können.
Die Einsicht in die Notwendigkeit, den zum Teil extremen Alkoholismus unter der männlichen Arbeiterschaft zu bekämpfen, teilen allerdings die meisten, und so werden die Abgeordneten Franz Schuhmeier und Jakob Reumann heftig angegriffen, als sie im Gemeinderat für billiges Bier eintreten. 1907 schließen sich auch die Gewerkschafter dem Kampf gegen den Alkoholismus an, beschränken sich allerdings in ihren Zielen auf Aufklärung und „Erschütterung der Trinkgewohnheiten“.

Mit der Zeit wandeln sich die Arbeiterabstinenten vom reinen Agitations- und Propagandaverein hin zu einer Organisation, die sich stärker an lebensreformerischen Idealen orientiert, mit anderen sozialistischen Vorfeldorganisationen kooperiert und gemeinsam mit den Kinderfreunden regelmäßig alkoholfreie Feste organisiert: Der Beweis soll erbracht werden, daß es auch ohne Alkoholgenuß möglich ist, Feste zu feiern. Neben dem Alkohol stehen bald auch Tabak und „andere Narkotika“ im Visier der Lebensreformer.
Auch auf internationaler Ebene wird zusammengearbeitet. 1912 verabschieden die Generalversammlungen der Arbeiter-Abstinenten-Bünde des deutschsprachigen Raums – der Sozialistische Abstinentenbund der Schweiz (SAB) existiert ebenfalls seit 1900 – ein gemeinsames Programm. Der Alkohol, so heißt es, sei das größte Hemmnis der Arbeiterbewegung, da ihn der Kapitalismus gezielt als Waffe zur Unterdrückung der Arbeiterschaft einsetze. Dieser Feind des Proletariats könne nur durch völlige Abstinenz besiegt werden, Mäßigkeit alleine sei hierzu ungeeignet.
Der Versuch, eine Abstinenz-Internationale innerhalb der Sozialistischen Internationale zu etablieren, kommt vor dem Weltkrieg allerdings nicht über die Einrichtung eines Büros in Brüssel hinaus.
In der Ersten Republik spielt die Abstinentenbewegung zwar eine beträchtliche Rolle, doch beschränkt sich diese vorrangig auf größere Städte, v.a. natürlich auf Wien. Die Errichtung gesunder Volkswohnungen soll u.a. auch mit dazu beitragen, die männliche Arbeiterschaft aus den Wirtshäusern zu holen.
Im März 1928 referiert Otto Bauer vor der Wiener Ortsgruppen des Arbeiter-Abstinentenbundes: Wenn man acht Stunden lang gearbeitet hat und müde ist, und nach Hause kommt und die Kinder schreien und Wäsche gewaschen wird, und noch der Bettgeher da ist, das ist nicht auszuhalten. […] Da gibt’s nur eines: ins Wirtshaus gehen! […] Verstehen wir wohl: Das Wirtshaus ist nicht eine Zufallserscheinung. Das Wirtshaus ist die Ergänzung solcher Wohnungen, wo es keine Ruhe und kein Ausruhen gibt!
Ich gehe auf den Schnaps wie ein Jagdhund. Julius Tandler, 1925
Ein erbitterter Gegner des Alkohols ist auch der Wiener Gesundheitsstadtrat Julius Tandler, unter dessen Ägide 1922 die Trinkerheilstätte „Am Steinhof“ gegründet und 1925 eine eigene Trinkerfürsorgestelle eingerichtet wird.
1932, am Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, berichtet der Wiener Arbeiter-Abstinentenbund über seine Tätigkeit: Der Alkoholgenuß ist wohl stark im Rückgang begriffen. Die Not der Zeit muß auf den Alkohol verzichten. Daß es ein freiwilliger Verzicht im Sinne der Kulturerhöhung werde, ist Aufgabe des Arbeiter-Abstinentenbundes.
Der Verein, dessen Sekretariat sich in der Seidengasse 17 in Wien Neubau befindet, wirkt unter der Leitung von Anton Hölzl, Richard Fröhlich, Rudolf Wlassak und Oskar Kunz bis zum Verbot durch die Austrofaschisten im Jahr 1934. Dann ist es mit dem Sozialismus und der Nüchternheit erst einmal vorbei…

© PID/Henisch
1946 gründet der spätere langjährige Obmann Johann Neubauer den Arbeiter-Abstinentenbund neu; seit 1974 firmiert er unter dem Namen Österreichische Aktion für 0,0 Promille" und beschäftigt sich ganz allgemein mit Suchtproblemen.
1956 wird auf Initiative Anton Prokschs, nach 1945 ÖGB-Generalsekretär und von 1956 bis 1966 Sozialminister, das nach ihm benannten Anton-Proksch-Institut in Kalksburg gegründet, das Alkohol- und Medikamentenabhängige betreut.
Publikation: A-Report: Zeitschrift für 0,0 Promille / Arbeiterabstinentenbund in Österreich, 1973–1989; 1995–2000. 1990–1994 nicht erschienen, 2000 eingestellt.