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Aktuelle Seite: Groß im Kleinen. Otto Rudolf Schatz
0015 | 26. April 2021    Text: Lilli Bauer & Werner T. Bauer

Groß im Kleinen. Otto Rudolf Schatz

Vom Buchillustrator und „Holzschneider“ zum Mosaikkünstler 

Bekannt wird Otto Rudolf Schatz in erster Linie durch seine expressiven Holzschnitte – abgebildet in unzähligen Publikationen. Sein monumentalstes Werk aber befindet sich am Franz-Novy-Hof in Ottakring.

Der 1900 in Wien geborene Otto Rudolf Schatz absolviert die Wiener Kunstgewerbeschule bei Anton von Kenner, zu dessen Schülern auch Anton Kolig und Oskar Kokoschka gehörten. Ein weiterer Lehrer ist Oskar Strnad, der eine Architekturklasse leitet, aber auch als Bühnenbildner wirkt.

Noch während seines Studiums erhält der talentierte junge Mann die Gelegenheit, als Buchillustrator für den renommierten Kunstkritiker und Publizisten Arthur Roessler zu arbeiten.

Das Ehepaar Hans und Erica Tietze, das 1923 maßgeblich an der Gründung der Gesellschaft zur Förderung moderner Kunst beteiligt ist, findet an Rudolf Schatz ebenfalls Gefallen. 1923 gibt Erica Tietze-Conrat die Mappe „O. R. Schatz. 12 Holzschnitte“ heraus, die mehrere Landschaften und einige Figurenkompositionen enthält.

Bildes des Elends im Roten Wien

Schatz kommt nun auch mit der Sozialdemokratie in Kontakt. Noch 1920 hatte er den Vorschlag, „Bilder des Elends“ zu produzieren, als bourgeoise Zumutung von sich gewiesen. Er kenne Armut und Arbeitsleid aus eigener Erfahrung, viel besser […] schön gruselig + und recht gut sollen die Bilder sein, dann bekommst Geld dass du zwei Monate lang leben kannst + aber Arbeit hast die dauert auf ein Jahr + aber schön müssen die Dinge sein + x x x Mir ist alles Blutwurst ich arbeite, schreibt er in seinem Notizheft.1

Jetzt wird der politisch engagierte Künstler vom „Hausdichter“ der Wiener Sozialdemokratie, Josef Luitpold Stern, entdeckt, dessen Werke „Der entwurzelte Baum“ (1926), „Die neue Stadt“ und „Die Rückkehr des Prometheus“ (beide 1927) Schatz mit seinen ausdrucksstarken Holzschnitten illustriert, die zwischen Expressionismus und sozialkritischer Neuer Sachlichkeit angesiedelt sind.
 

Gut im Geschäft

1925 erhält Schatz, der mittlerweile Mitglied des fortschrittlichen Hagenbundes ist, den Großen Staatspreis. In den folgenden Jahren entstehen zahlreiche Buchillustrationen, u.a. für den linken Verlag Der Strom, der sich mit der „Roman-Rundschau“ auf die Herausgabe von Werken angesehener Schriftsteller im preisgünstigen Zeitschriftenformat spezialisiert hatte. Schatz illustriert hier insgesamt vier Nummern, Zweigs „Phantastische Nacht“, H. G. Wells’ „Der Unsichtbare“, Jack Londons „Vagabunden“ und Frank Hellers „Marco Polos Millionen“.

Der geplante Prachtband zu Ernst Preczangs Gedicht „Stimme der Arbeit“, für die Schatz die Holzdrucke bereitstellt, kann inmitten der Wirtschaftskrise aus finanziellen Gründen nicht mehr erscheinen. Dem österreichischen Psychotherapeuten und Kunstsammler Wilfried Daim wird es erst nach langen Nachforschungen gelingen, das konzipierte Buch zu rekonstruieren und 1999 zu veröffentlichen.

1936 illustriert Schatz noch Upton Sinclairs „Co-op. Der Weg der amerikanischen Arbeitslosen zur Selbsthilfe“, den letzten Band der Büchergilde Gutenberg, der im Prager Exil erscheint, aber im deutschen Sprachraum kaum mehr Verbreitung findet.

„Jüdisch versippt“

Von den Nationalsozialisten mit Berufsverbot belegt, hält sich Otto Rudolf Schatz mit materialsparenden Miniaturen einigermaßen über Wasser.

Mit seiner jüdischen Frau Valerie Wittal lebt er nun in Brünn und in Prag; die „Mischehe“ bewahrt seine Frau vor der Deportation und ihn als „wehrunwürdig“ vor der Front. Ende 1944 wird Schatz als „jüdisch Versippter“ dennoch verhaftet und zur Zwangsarbeit im schlesischen Lager Klettendorf (Klecina) interniert, später in ein Außenlager des KZ Groß-Rosen im niederschlesischen Ort Gräditz (Grodziszcze, Świdnica) deportiert.

Dem unentwegten Bekämpfer der Schlafkrankheit

Der Künstler übersteht die mit der Zwangsarbeit verbundenen Torturen und kehrt 1946 nach Wien zurück, wo er auf den Schriftsteller und Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka trifft, wie er ein Schüler Ludo Moritz Hartmanns und KZ-Überlebender.

Die „beiden unorthodoxen Herren“, schreibt Evelyne Polt-Heinzl, sind einander offenbar vom ersten Moment an sympathisch. Schatz übergibt Matejka seine Mappe Zlata Praha (dt. Goldenes Prag) mit zehn in Prag entstandenen Aquarellen und der Widmung: Herrn Stadtrat Dr. Viktor Matejka, dem unentwegten Bekämpfer der Schlafkrankheit in und außer dem Rathaus herzlichst gewidmet – und Matejka fördert ihn.

Der Heimkehrer dokumentiert nun das desolate Wien der Nachkriegsjahre und seine desorientierten Bewohner in einer Serie von Holzschnitten, Ölbildern und Aquarellen. Gleichzeitig entsteht eine Reihe von erotischen Malereien, die er gewinnbringend an amerikanische Soldaten verkauft.

Anlässlich der 100.000sten Gemeindewohnung

Schatz, der im Rahmen der Initiative „Kunst am Bau“ bereits in der Ersten Republik die Fresken für die überaus gediegen ausgestattete Bücherei der Wohnhausanlage in Sandleiten geschaffen hatte, fertigt nun auch Mosaike und Wandbilder für sechs Wiener Gemeindebauten sowie eine Volksschule an. Sein größtes und für jedermann sichtbares Kunstwerk ist das Mosaik „100.000 neue Gemeindewohnungen" am Franz-Novy-Hof in der Pfenninggeldgasse in Ottakring, mit dem die Stadt Wien an die Grundsteinlegung der 100.000sten Gemeindewohnung erinnert, die am 11. September 1954 hier vorgenommen wurde. In dieser Apotheose des sozialen Wohnbaus halten nicht weniger als 97 Architekten – und drei Architektinnen – die Modelle der von ihnen gestalteten Bauten in Händen, angelehnt an die  Darstellung katholischer Stifter-Figuren. Das Mosaik trägt die Inschrift: Wo sich ein Kreis von Schöpfern findet, / Wächst hunderttausendfache Saat: / Denn Menschen, Raum und Zeit verbindet / Zum Wohle immer nur die Tat.

1951 gewinnt Schatz auch den Wettbewerb für die Ausgestaltung des neuen Wiener Westbahnhofs; das Projekt wird leider nie realisiert. Der Künstler stirbt am 26. April 1961, sein Grab befindet sich am Neustifter Friedhof in Wien.

Schatz' umfangreiches und vielseitiges Œuvre – kräftig-expressive, der Neuen Sachlichkeit und dem Realismus der Nachkriegszeit verpflichtete Gemälde, v.a. aber mehr als 1.500 Holzschnitte – befindet sich großteils in Privatbesitz, einige Werke können im Wien Museum und im Belvedere besichtigt werden. Und im Handel tauchen immer wieder einzelne Blätter auf, vor allem die späteren Erotica.

Literatur
Wilfried Daim, Groß im Kleinen. Miniatüren des Otto Rudolf Schatz. Wien 2001
[1] Zit. nach Evelyne Polt-Heinzl, Otto Rudolf Schatz – Die produktive Verbindung von Neuer Sachlichkeit und Proletkult, in: Primus-Heinz Kucher and Rebecca Unterberger (Hrsg.), Der lange Schatten des „Roten Oktober“. Zur Relevanz und Rezeption sowjetrussischer Kunst, Kultur und Literatur in Österreich 1918–1938, 301-328.

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