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Aktuelle Seite: „Ihr werdet euch Bildung aneignen...“
0018 | 15. MAI 2021    TEXT: Julia Brandstätter

„Ihr werdet Euch Bildung aneignen...“

Der erste Arbeiterinnen-Bildungsverein und ihr „Obmann“ Frau Moseberg

Im Jahr 1871 – vor 150 Jahren – wird im Gasthaus Engel in Wien Fünfhaus der erste Arbeiterinnen-Bildungsverein gegründet; im Jahr darauf zählt er bereits 400 Mitglieder.

Die Arbeiterbildungsvereine stehen am Beginn der österreichischen Arbeiterbewegung. Sie stützen sich auf das 1867 gewährte Vereins- und Versammlungsrecht, betreiben Bildungsarbeit, richten Kranken- und Invaliditätskassen ein und gründen Tanz- und Turngruppen zur Pflege der Geselligkeit.

Mit der Forderung nach einem allgemeinen Wahlrecht oder der Pressefreiheit verfolgen die Arbeiterbildungsvereine allerdings auch politische Ziele, was vereinsrechtlich jedoch verboten ist. Ein ständiger Balanceakt… Ihre Tätigkeit entfaltet jedenfalls eine enorme Vorbildwirkung: Bis zum Jahr 1870 ist die Gründung von 237 Arbeitervereinen dokumentiert.

Dieser allgemeine Aufschwung der organisierten Arbeiterbewegung motiviert auch die Arbeiterinnen zur Selbstorganisierung, obwohl Weibspersonen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen streng untersagt ist.

… das Weibe diene und schweige still.


Der allgemeinen Anschauung nach soll die Frau keine Politik betreiben: Wenn der Apostel Paulus die Lehre aufstellte: „Es gezieme dem Weibe nicht, daß es unterrichte und lehre, sondern es diene und schweige still‘“, so prägte er damit den Typus, der Jahrhunderte hindurch den bevorzugten Charakter des Weibes bildete, beschreibt Adelheid Popp die Stimmung der Zeit rückblickend in Der Weg zur Höhe.

Allen Widrigkeiten zum Trotz legt die Blumenmacherin Albertine Moseberg im Juni 1870 den Grundstein für den ersten Arbeiterinnen-Bildungsverein.

Die arbeitende Damenwelt Wiens, die gleichzeitig dem sozial-demokratischen Prinzip huldigt, […] mit der bekannten Frau Moseberg an der Spitze, machten in einem Saale die Honneurs, der mit allen Emblemen der „Rothen“ geziert war.
Neues Wiener Tagblatt, 22.8.1871

Die zähe Frau, seit ihrer zartesten Jugend zur Arbeit angehalten, ist eine der ersten, die sich für die sozialdemokratischen Prinzipien erwärmt und als talentierte Rednerin auch bei Versammlungen auftritt. Als emanzipiertes Weib trägt sie nur lose jene Fesseln der Gesellschaft, deren es sich nicht zu entäußern vermag; was sich davon abstreifen ließ, hat es abgestreift, schreibt das Volksblatt für Stadt und Land vom 31. Dezember 1872.

Der erste „Obmann“

Die Gründung des ersten Arbeiterinnen-Bildungsvereins erfolgt schließlich im Februar 1871. Moseberg wird zum ersten Obmann gewählt – es sollte noch dauern, bis sich zuerst die Bezeichnung „Obmännin“, und noch viel später „Obfrau“ durchsetzt. Nach nur einem Monat zählt der Verein bereits 189 Mitglieder. Moseberg verspricht: Dort werdet IhrkeinePredigten und Messen hören, aber Ihr werdet lernen, was es heißt, ein menschwürdiges Dasein [zu] führen. Ihr werdet Euch Bildung aneignen, die Euch zur Unabhängigkeit führen wird. (Neues Wiener Tagblatt, 29.3.1871)

Der Weg zur Höhe

Um das Bildungsniveau der Arbeiterinnen zu heben, richtet der Verein in zahlreichen Wiener Bezirken „Lesezimmer“ ein. Fleißig gelesen wird auch in der Zentrale des Bildungsvereins in der Haydngasse 23 in Gumpendorf. Und in den Vereinslokalen werden Vorträge und Kurse abgehalten – das Angebot reicht von Elementarbildung und Handarbeit über Literaturgeschichte bis hin zu Buchhaltung und Gesang. Außerdem sollen die Frauen hier lernen, über ihre Probleme zu sprechen und ihre Forderungen zu artikulieren.

Bald werden auch in Wiener Neustadt, Graz, Hainburg und Brünn Arbeiterinnenbildungs-Vereine gegründet. Alle haben sie mit den gleichen Widerständen zu kämpfen, den staatlichen Repressionen und den Vorbehalten so manches männlichen Genossen.

Bei der Arbeit sind wir das schlechte Geschlecht, sonst nennt man uns das schöne, das zarte Geschlecht!

Auf den gutbesuchten Versammlungen der Manufakturarbeiterinnen oder der Blumenmacherinnen spricht Moseberg, eine in packenden Ausdrücken sehr gewandte Frau, über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und verlangt die Einführung des Achtstundentages sowie Lohnerhöhungen.

Wir leisten gerade so viel als die Männer; diese bekommen für die nämliche Arbeit 6 bis 7 fl., wir nur 2 bis 3 fl., ist das gerecht? […] Bei der Arbeit sind wir das schlechte Geschlecht, sonst nennt man uns das schöne, das zarte Geschlecht!, zitiert sie das Grazer Volksblatt vom 29. April 1870.

Vehement fordert Moseberg auch die Befreiung der Lehrmädchen vom Sklavenjoche, denn das Lehrmädchenwesen sei wohl der größte Übelstand. Die Arbeitszeit der jungen Frauen sei nahezu unbegrenzt, der Lohn hingegen so außerordentlich gering, dass sie um Brot betteln oder sich gar prostituieren müssten. Außerdem wären die Mädchen der ständigen sexuellen Belästigung ihrer Lehrherren ausgesetzt.

Die Tyrannei des Kapitalismus und der Kleristei

Für ihre Reden über die Tyrannei des Kapitalismus und der Kleristei wird Moseberg mehrfach vor Gericht gestellt. Bis zum Dezember 1872 kommt sie stets recht glimpflich davon. Nun aber, so die Anklage, habe sie sich des Vergehens der Aufreizung gegen einzelne Klassen der Gesellschaft schuldig gemacht. Sie wird zu 14 Tagen Arrest verurteilt. Als Milderungsgrund gibt der Richter ihren „geringen Bildungsgrad“ an – womit die Angeklagte durchaus nicht einverstanden zu sein scheint, so das Volksblatt für Stadt und Land vom 31. Dezember 1872.
 

Das Leichenbegräbnis der Frau Moseberg

Moseberg, die die Leitung des Arbeiterinnen-Bildungsvereins nun abgibt, betreibt, gemeinsam mit ihrem Mann Leopold, eine „Thee- und Suppenanstalt“ in Ottakring. Von Existenzsorgen gequält, setzt sie am 15. Mai 1876, im Alter von nur 42 Jahren, ihrem Leben mit Zyankali ein Ende.

Da sie sich mit einer gewissen Ostentation als ‚confessionslos‘ bezeichnete, entfällt das kirchliche Begräbnis. Ihre MitstreiterInnen geben ihr das letzte Geleit auf den Baumgartner Friedhof.
Mit der verstärkten staatlichen Repression und der Spaltung der Arbeiterbewegung in einen „gemäßigten“ und einen „radikalen“ Flügel löst sich im darauffolgenden Jahr auch der erste Arbeiterinnen-Bildungsverein auf.

…in Euren Reihen muthig kämpfend

1889 veröffentlicht das sozialdemokratische Wochenblatt Gleichheit den „Aufruf einer Arbeiterin“. Die Verfasserin, Viktoria Kofler, appelliert darin eindringlich an ihre männlichen Genossen: Lasset uns an Euren Studien theilnehmen, errichtet Unterrichtskurse für Arbeiterinnen, bemüht Euch, die Euch bekannten Arbeiterinnen dafür zu interessiren, und Ihr werdet bald uns nicht nur zahlreich bei Euren Versammlungen erscheinen, nein, in Euren Reihen muthig kämpfend sehen.

Und tatsächlich wird der Arbeiterinnen-Bildungsverein mit tatkräftiger Unterstützung Victor Adlers am 29. Juni 1890 im Gasthaus „Zum Goldenen Luchsen“ in Lerchenfeld wiederbegründet. Obfrau wird Anna Steiner, die in ihrer Eröffnungsrede auf die Notwendigkeit hinweist, daß auch die Arbeiterinnen sich organisiren, um gleich den Männern für die Verbesserung ihrer Lage einzutreten, schreibt die Arbeiter-Zeitung drei Wochen später.

Der lange Weg ins Parlament

Hauptreferentin bei der Wiederkonstituierung ist Anna Altmann, eine Genossin aus dem Nordböhmischen Industriegebiet. Im Jahr zuvor, beim Einigungsparteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Hainfeld, hatte man ihr die Teilnahme noch verweigert. Nun empfängt Parteichef Victor Adler sie in Wien und zeigt ihr das große Haus am Franzensring, das Parlament. Ja, Genossin Altmann, bis wir da hineinkommen werden, wird noch mancher böse Wind wehen und wir werden noch manche harte Nuß zu knacken haben – erinnert sich die hochbetagte Anna Altmann anlässlich Adlers achtzigsten Geburtstags in der Arbeiter-Zeitung vom 24. Juni 1932.

Elf Jahre nach dieser Begegnung werden die ersten sozialdemokratischen Abgeordneten im Parlament am Ring einziehen – und 1919 die ersten sozialdemokratischen Frauen.

Fuss ...