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Aktuelle Seite: „Im eigenen Heim!“
0197 | 20. JULI 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

„Im eigenen Heim!“


Am 21. Juli 1910 meldet die Arbeiter-Zeitung die Übersiedlung ihrer Redaktion und Druckerei in das fertiggestellte Vorwärts-Haus an der Rechten Wienzeile tags zuvor.

Wien, 20. Juli. Heute ist die Arbeiter-Zeitung in ihr neues Heim eingezogen, das die Partei sich gebaut. Das Parteisekretariat, die Parteidruckerei, die Redaktion und die Verwaltung des Zentralorgans der Partei und der „Arbeiterinnen-Zeitung“, eine Reihe anderer Parteiinstitute werden nun hier ihren Sitz haben…

Begonnen hatte alles Ende 1886 in einem „kleinen Laden“ in der Gumpendorfer­straße 79, wo das Vorgängerblatt, die Gleichheit, hergestellt wurde. Im Laufe des Jahres 1889 wird diese verboten und die Arbeiter-Zeitung gegründet, die zunächst zweimal im Monat, schließlich als Wochenblatt erscheint. Die Redaktion übersiedelt in ein Ecklokal an der Amerlingstraße.

Dann kam die herrliche Zeit der Kämpfe und des Aufschwungs… Doch bald „genügt“ ein Wochenblatt nicht mehr und so beschließt der Parteivorstand die Gründung einer Tageszeitung. Das neue Quartier befindet sich in einem Souterrainlokal in der Schwarzspanierstraße, gedruckt wird in der Alserstraße. Im April 1900 erfolgt ein neuerlicher Umzug, diesmal in die Mariahilferstraße.

Der Auftrag ergeht an die Brüder Gessner

Die Entwicklung der SDAP zur Massenpartei erfordert eine räumliche Vergrößerung, die Partei benötigt nun eine repräsentative Zentrale. 1907 erwirbt sie ein Haus an der Rechten Wienzeile 97 (damals Wienstraße 89a), in dessen Hinterhof bereits ein Druckereigebäude besteht.

Mit dem Umbau werden die Brüder Hubert und Franz Gessner beauftragt, die zu diesem Zeitpunkt noch eine Arbeitsgemeinschaft bilden und der SDAP verbunden sind. Von Hubert Gessner, der mit Parteigründer Victor Adler persönlich befreundet ist, stammen auch die Pläne für das kurz zuvor errichtete Arbeiterheim Favoriten; in den 1920er Jahren wird er mehrere große Gemeindebauten für das Rote Wien errichten.

Die Otto-Wagner-Schüler Gessner erweitern die vorhandene Bausubstanz zu einem dreistöckigen Gebäude mit glatter Fassade. Das Erdgeschoß wird mit markanten roten Keramikfliesen verkleidet.

Den Abschluss bildet ein gestufter Giebel mit einer dekorativen Uhr im Zentrum, bekrönt durch einen weithin sichtbaren Tambour. Dieser Dachaufbau mit den flankierenden Sandsteinfiguren „Arbeiter“ und „Arbeiterin“ von Anton Hanak verleihen dem ansonsten eher schlichten Gebäude einen geradezu monumentalen Charakter, der den Führungsanspruch der Partei unterstreicht und ein eindrucksvolles Zeichen für das neue Selbstverständnis der österreichischen Sozialdemokratie setzt.

Alles an einem Ort

Der Gebäudekomplex, der einen Hof umschließt, bietet Raum für die Redaktionen der Arbeiter-Zeitung und anderer Parteipublikationen, wie Das Kleine Blatt oder die Illustrierte Der Kuckuck, sowie für die Vorwärts-Druckerei. Daneben sind hier auch die Büros der Parteizentrale, zahlreicher weiterer Organisationen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der Gewerkschaften untergebracht. Auch der Republikanische Schutzbund wird hier bis zu seinem Verbot im Jahr 1933 seinen Sitz haben.

Durch den sukzessiven Ankauf benachbarter Gebäude entsteht mit der Zeit zwischen der Pilgram- und der Sonnenhofgasse ein regelrechter „sozialdemokratischer Block“, in den immer mehr Teilorganisationen einziehen. Zuletzt sind hier einschließlich des technischen Personals fast 700 Menschen beschäftigt, von denen viele auch in unmittelbarer Umgebung wohnen – u.a. Parteisekretär Friedrich Adler.

Treffpunkt der Linken, im Visier der Rechten

Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als Wien eine wichtige Zwischenstation für russische Emigranten ist, gehen Persönlichkeiten wie Leo Trotzki, Nikolai Bucharin oder Wladimir Iljitsch Lenin, aber auch deutsche Größen der Sozialdemokratie wie August Bebel, Karl Kautsky und Wilhelm Liebknecht, im Vorwärtsgebäude ein und aus, um den Parteivorsitzenden Victor Adler zu besuchen. Auch der junge Josef Stalin betreibt 1913 hier unter dem Decknamen Koba seine Studien zur Nationalitätenfrage.

Im Parteihaus wird bereits am 9. Februar 1934 – drei Tage vor Ausbruch des Bürgerkriegs –von der Exekutive eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Die Alarmabteilung der Polizei fährt „in drei Überfallsautos mit Stahlhelm und aufgepflanztem Bajonett“ vor, begleitet von einem Großaufgebot an Kriminalbeamten. Die ganze Aktion dauert volle sechs Stunden. Als Vorwand für diesen Überfall dient die Behauptung, der Republikanische Schutzbund, der seit 31. März 1933 offiziell verboten ist, habe im Vorwärtsgebäude weiterhin Waffen versteckt.

Auch die Zimmer und Schreibtische von Nationalräten, Bundesräten und Landtagsabgeordneten, also immunen Personen, wurden in die Durchsuchung einbezogen.

Die Katastrophe nach der Katastrophe

Nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedelt die neugegründete Partei in ihr heutiges Domizil in der Löwelstraße. Im Vorwärtsgebäude sind noch bis 1986 die Druckerei und die Büros des Vorwärts-Verlages untergebracht, der seit August 1945 wieder die Arbeiter-Zeitung und zahlreiche andere Publikationen produziert. Nach der Übersiedlung in das neue Druckereizentrum Viehmarktgasse 4 im 3. Bezirk wird der Großteil des Gebäude­komplexes abgebrochen und an seiner Stelle ein Hotel errichtet.

Von der Bausubstanz des geschichts- und symbolträchtigsten Baus der Wiener Sozialdemokratie überlebt leider nur der unter Denkmalschutz stehende Haupttrakt mit seiner signifikanten Fassade. Das Vorwärts-Haus beherbergt seit 1989 das Archiv und die Bibliothek des Vereins für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung, das Bruno Kreisky Archiv und das Johanna-Dohnal-Archiv

Im Inneren des Hauses sind die marmorverkleidete Einfahrt, das holzgetäfelte Foyer und das Treppenhaus erhalten geblieben. Im Erdgeschoss widmet sich ein 2009 eröffneter Victor-Adler-Gedenkraum dem Begründer der österreichischen Sozial­demokratie. Architektonisches Prunkstück ist der restaurierte historische Sitzungssaal im 1. Stock, bis zum Oktober 1933 Versammlungsraum des Parteivorstands.

Literatur: Marion Gusel, Die Bedeutung der sozialdemokratischen Presse und der Druck- und Verlagsanstalt „Vorwärts“ für die Entwicklung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs, 1991; Wolfgang Maderthaner, „Vorwärts“. Das Haus an der Wienzeile, 1995; ders., Hubert Gessner und das Vorwärts-Haus, 2011; Inge Podbrecky, Rotes Wien, 2003; Helmut Weihsmann, Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919–1934, 1985/2002; Walter Zednicek, Architektur des Roten Wien, 2009; Markus Kristan, Hubert Gessner. Architekt zwischen Kaiserreich und Sozialdemokratie 1871-1943, 2011.

HUBERT GESSNER

Sonderausstellung 2011/12

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