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Aktuelle Seite: Käthe Leichter und ihr Kampf um die Rechte der Frauen
0191 | 8. JUNI 2025    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

Käthe Leichter und ihr Kampf um die Rechte der Frauen

Im Juni 1925 erhält Käthe Leichter auf Empfehlung des Abgeordneten Wilhelm Ellen­bogen eine Anstellung in der Arbeiterkammer. Sie soll ein Referat aufbauen, das sich mit den Problemen der Frauenarbeit befasst.

Zunächst hat sie allerdings selbst mit Problemen zu kämpfen. Einige Funktionäre vertreten zwar nach außen die Gleichstellung der Frauen – aber gleich in einer leitenden Position? Und es gibt sogar Kollegen, die auf die Stenotypistinnen einwirken, „möglichst nicht für diese Jüdin“ zu arbeiten. Nur unter Schwierigkeiten erhält sie schließlich halbtätig eine Sekretärin zugewiesen.

„Das Referat für Frauenarbeit hat seine erste Aufgabe darin gesehen, Material über die Frauenarbeit zu sammeln.“

Die „erste Aufgabe“

Das Thema Frauenarbeit ist bis dahin ein weithin unbearbeitetes Feld. Käthe studiert alle Statistiken, die sie in die Hand bekommt und hält diese für weitgehend „unzulänglich“. Was weiß man denn tatsächlich von den Arbeitsbedingungen der immer zahlreicheren Industriearbeiterinnen? Und: „Was wußte man von den Einwirkungen der Rationalisierung, der neuartigen Verwendungen, des gesteigerten Arbeitstempos auf den weiblichen Organismus?“

Käthe weiß, dass sie mit ihren Erhebungen auch die Funktionärinnen im Parlament und in den Gewerkschaften mit brauchbarem Zahlenmaterial für ihren Kampf um eine Besser­stellung der Frauen aufmunitionieren muss. Bald zählt sie zu den engsten Mitarbeiterinnen Anna Boscheks, der ersten Gewerkschafterin im Parlament.

Wobei es, so Anna Boschek, „Aufgabe aller gewerkschaftlich Tätigen“ sein sollte, sich für die Besserstellung der Frauen einzusetzen. Denn es könne doch nicht übersehen werden, „daß sich das Unternehmertum dieser billigen, gut auszubeutenden Arbeitskräfte gerne bedient. Es wäre aber eine arge Verkennung, zu meinen, die Zunahme von arbeitenden Frauen ginge durchwegs auf Kosten der Männer“, so Boschek 1927, die dazu aufruft, an der „Hebung der gesamten Arbeiterschaft zu arbeiten.“

„Die Arbeitsteilung ergibt sich von selbst“, beschreibt Käthe Leichter ihre Herangehensweise 1930: „Die freien Gewerkschaften haben den Kampf um die Gestaltung der Arbeits­bedingungen, um die wirtschaftliche Hebung der Arbeiterklasse zu führen. Die Kammer hat in steter Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften alle Erfahrungen auf dem Gebiet der Sozial- und Wirtschaftspolitik zu sammeln, statistisch und wissenschaftlich zu bearbeiten […]“, schreibt Leichter 1930.

„Nur dort war der politische Kampf erfolgreich, wo gewerkschaftlich vorgearbeitet worden war.“Käthe Leichter, 1926

Die intensive Zusammenarbeit zwischen Anna Boschek und Käthe Leichter bestimmt maßgeblich die Frauenpolitik der Ersten Republik. Die Frauensektion der Freien Gewerkschaften konstituiert sich erst 1929. Zu diesem Zeitpunkt sind etwa 20 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder Frauen.

Die Studien

In mehreren Studien untersucht Käthe Leichter die Lebens- und Arbeits­bedingungen der Frauen. Die ersten Zielgruppen, mit denen sich Käthe befasst, sind die „Stiefkinder der sozialen Gesetzgebung“ – Hausgehilfinnen und Heimarbeiterinnen. Die Einhaltung der bestehenden Schutz­bestimmungen ist hier aufgrund der isolierten Tätigkeit im Einzelhaushalt nicht überprüfbar. Sie gehören zu jenen Arbeiterinnen, die am meisten ausgebeutet werden.

An ihrem fast 700 Seiten starken „Handbuch der Frauenarbeit“ wirken über 60 Autorinnen mit – Intellektuelle, Funktionärinnen und Ärztinnen wie Therese Schlesinger, Anna Boschek, Marianne Pollak, Margarete Hilferding oder Jenny Adler, aber auch 27 Arbeiterinnen aus den unterschiedlichsten Berufs­zweigen, von der Metall- und Tabakarbeiterin bis zur Textil- und Landarbeiterin, von der Handels- und Bankangestellten bis zur Lehrerin und Krankenpflegerin.

Auch die Chemiearbeiterin Rosa Jochmann und die Textilarbeitern Amalie Riefler, beide seit 1929 im Ausschuss der gewerk­schaftlichen Frauensektion, steuern Beiträge bei. „Käthe half uns, unsere Minderwertigkeits­gefühle zu überwinden, mitzureden und mitzudenken“,erinnert sich Rosa Jochmann 1970. Die Studie wird „eine Enzyklopädie, ein Markstein in der österreichischen sozialpolitischen Literatur der Ersten Republik“, so Otto Leichter 1964.

Käthes letzte große Studie „So leben wir … 1320 Industrie­arbeiterinnen berichten über ihr Leben“, in der sie „Berufsarbeit, Haushaltungsführung und Mutterschaft“, aber auch private Aspekte, wie das Freizeit­verhalten erfasst, gilt bis heute als unverzichtbare historische Quelle.

Käthe als Kommunikatorin

In den monatlichen „Mitteilungen über Frauenarbeit“, die zunächst „nur mit der Schreib­maschine und in beschränktem Umfang“ hergestellt werden, informiert Käthe Leichter von Beginn an über ihre Tätigkeit. An die Herausgabe einer eigenen Frauenzeitung nach dem Vorbild des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes ist „in Anbetracht der schweren Wirtschaftskrise“ nicht zu denken. Immerhin erscheinen die Mitteilungen ab 1927 als Beilage des gewerkschaftlichen Zentralorgans „Arbeit und Wirtschaft“.

Ab 1930 teilt sich Käthe die redaktionelle Leitung mit der jungen Wilhelmine Moik, Sekretärin des Frauenkomitees der Gewerkschaften. „Nicht nur unsere Gewerkschafterinnen, auch unsere Gewerkschafter sollen hier regelmäßig über den Umfang der Frauenarbeit, die Arbeitsbedingungen und -löhne, die gesundheitlichen Verhältnisse und besonderen Schutzmaßnahmen für arbeitende Frauen im In- und Ausland informiert werden“, so Anna Boschek in „Arbeit und Wirtschaft“.

Die bestens vernetzte Käthe gewinnt darüber hinaus auch andere Frauen wie Aline Furtmüller, Gerda Kautsky und Rudolfine Muhr als Autorinnen. Daneben publiziert sie selbst unzählige Artikel in sozialdemokratischen Medien. 

Die „Stunde der Arbeiterkammer“.

1927 erhalten die Kammern für Arbeit, Handel und Landwirtschaft jeweils eine halbe Stunde Sendezeit pro Woche in der Radioverkehrs AG, kurz RAVAG. Dank Käthes Beharrlichkeit ist auch das Frauenreferat im Radiokomitee der Arbeiterkammer vertreten. Ab 1929 wird alle drei Wochen die 30-minütige „Radiostunde für arbeitende Frauen“ ausgestrahlt, in der Gewerkschafterinnen zu Wort kommen. Amalie Riefler etwa spricht über „Die Frau in der Textilindustrie“, Hella Postranecky über „Frauenarbeit auf dem Lande“.

Käthe spannt selbst ihre langjährige Sekretärin Henriette Denk ein. „Ich hoffte, mich drücken zu können, aber dies war bei Käthe Leichter unmöglich. Täglich wurde mir die Frage serviert: ‚Wo ist das Manuskript?‘ Um diesem Schrecken ein Ende zu bereiten […], begann ich also mein Werk […]. Beim Ablesen im Studio in der Ravag dachte ich nicht an die vielen Hörer, sondern mit Herzklopfen an Käthe Leichter, daß ich sie nicht blamieren dürfe.“

Henriette Denk gibt auch Einblick in den Büroalltag Käthe Leichters, die für Notfälle immer einige getragene Kleidungsstücke parat hält, gesammelt in ihrem Bekannten- und Freundeskreis. 1927 etwa schreibt der deutsche Dichter Ernst Toller – er hatte mit Käthe in Heidelberg studiert: „Liebe Käthe Leichter! Das Paket mit Sachen ist an Sie abgegangen.“

Aus und vorbei

Nach den Februarkämpfen 1934 sind Käthe und Otto Leichter arbeitslos. Die Arbeiter-Zeitung, in der Otto als Redakteur gearbeitet hat,ist verboten, und Käthe verliert ihre Anstellung in der Arbeiterkammer wegen „staats- und regierungs­feindlicher Betätigung“.

Die im März 1934 gegründete staatliche Einheitsgewerkschaft, der „Gewerkschaftsbund“, soll seine Aufgaben „im christlichen, vaterländischen und sozialen Geiste“ erfüllen. Sein Vorstand wird von der Regierung bestellt, sämtliche Mandate der gewählten Betriebsräte erlöschen, das Betriebsrätegesetz wird außer Kraft gesetzt. In den nunmehrigen „Werksgemeinschaften“ führen Unternehmervertreter den Vorsitz.

Schutzmaßnahmen wie das Nachtarbeitsverbot für Frauen werden eingeschränkt, Kollektiv­verträge seitens der Unternehmer aufgekündigt, Überstundenzuschläge auf 25 Prozent halbiert, die tägliche Regelarbeitszeit wird auf bis zu zehn Stunden ausgedehnt. 1935 bringt eine weitere „Sozialreform“ Leistungs­kürzungen in der Arbeitslosen-, Kranken-, Unfall- und Pensionsversicherung, bei Letzterer von bis zu über 20 Prozent.

Nach über zehn Jahren Faschismus wird 1945 der Österreichische Gewerkschafts­bund gegründet, die Leitung der Frauensektion übernimmt Wilhelmine Moik. Auch die Arbeiterkammer wird wiedererrichtet, Käthes Nachfolgerin im Frauenreferat wird die 28-jährige Ferdinanda Flossmann.

Käthe Leichter selbst überlebt die Zeit des Faschismus nicht. Nach zwei Jahren im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück wird sie im März 1942 gemeinsam mit rund 1.600 Frauen in die Heil- und Pflegeanstalt Bernburg an der Saale verbracht und durch Gas ermordet. Als Todestag wird der 17. März 1942 genannt.


Der Waschsalon Karl-Marx-Hof zeigt bis 1.3.2026 die Sonderausstellung „Käthe Leichter. Und die Vermessung der Frauen“.

Quellen:
AK-Broschüre: Frauen an der Arbeit, 2015; AK Wien: Käthe Leichter zum 100. Geburtstag. Texte zur Frauenpolitik, 1995; Arbeit und Wirtschaft: Jahrgänge 1926 bis 1934; Brandstaller, Trautl: Rosa Jochmann, ORF / History 1980; Broessler, Agnes: Wilhelmine Moik. Ein Leben für die gewerkschaftliche Frauenpolitik, 2006; Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Wiener Lohnarbeiterinnen. Enquete über Frauenarbeit, 1. März bis 21. April 1896; Göhring, Walter (Hrsg.): Käthe Leichter: Gewerkschaftliche Frauenpolitik, 1996; ders. (Hrsg.): Anna Boschek. Erste Gewerkschafterin im Parlament, 1998; Hauch, Gabriella: Käthe Leichter – Jüdin, Sozialistin, Frauenforscherin, 1994; Leichter, Henry O.: Eine Kindheit. Wien – Zürich – Paris – USA, 1995; Maimann, Helene: Eine Frau wie diese, DOR Film 2016; Steiner, Herbert: Käthe Leichter. Leben, Werk und Sterben einer österreichischen Sozialdemokratin, 1997.

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