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Aktuelle Seite: „Keine überschäumende Begeisterung charakterisierte die Reden...“
0131 | 12. NOVEMBER 2023    TEXT: LILLI BAUER & WERNER T. BAUER

„Keine überschäumende Begeisterung charakterisierte die Reden...“

Am Montag, den 11. November 1918, meldet die Arbeiter-Zeitung sehr nüchtern und sachlich: „Folgendes wird heute geschehen: Kaiser Karl wir seine Abdankung vollziehen“. „Deutsch­österreich“ wird „Republik und als Bestandteil der deutschen Republik erklärt“.

Dieser Artikel 2 des „Gesetzes über die Staats- und Regierungs­form in Deutschösterreich“ scheitert aller­dings am Einspruch der alliierten Siegermächte. Das kleine „Restösterreich“ geht alleine einer ungewissen Zukunft entgegen.

Getrübt wird die Freude der Sozialdemokraten allerdings durch eine andere Meldung: Im letzten Augenblick erhalten wir die niederschmetternde Nachricht, daß Genosse Viktor (sic) Adler um halb 1 Uhr mittag gestorben ist. Tags darauf erscheint die Zeitung mit Trauerflor und einem ausführlichen Nachruf auf den Gründer der Sozialdemo­kratischen Arbeiterpartei, der nur einen Tag vor der Verwirklichung seines Lebensraumes verstorben war.

Eine Schwergeburt

Am 12. November findet am Nachmittag die feierliche Ausrufung der Republik statt. Gegen 16 Uhr treten die Präsidenten der National­versammlung – der deutsch­nationale Linzer Bürgermeister Franz Dinghofer, der Sozialdemokrat Karl Seitz und der christlichsoziale oberösterreichische Landeshauptmann Johann Nepomuk Hauser – vor das Parlament, wo sich mehr als 100.000 Menschen versammelt haben. Dinghofer, der den Vorsitz führt, verkündet: „Deutschösterreich ist eine demokratische Republik“.

Der Versuch einer Gruppe bewaffneter „Rotgardisten“ um den Journalisten Egon Erwin Kisch, eine „sozialistische Republik“ auszurufen, führt zu Tumulten und Schießereien. Auf der Parlamentsrampe prangt ein Transparent mit den Worten „Hoch die soziallistische [sic!] Republik“! „Die Störung ging“, wie die Arbeiter-Zeitung vermeldet, „nach unseren Ermittlungen [...] von einer kleinen Gruppe aus, richtiger von einigen unverantwortlichen Leuten, die sich zu dieser Gruppe – sie nennt sich die kommunistische – zählen“. Bei diesem Aufruhr sterben zwei Menschen.

Ab 1919 ist der 12. November Staatsfeiertag der jungen Republik. Leidenschaftlich begangen wird er allerdings nur von den Sozialdemokraten.

Ein würdiger Verlauf...

Zehn Jahre später, 1928, hat sich die politische Stimmung im Lande massiv verschlechtert. Schon am Sonntag, den 11. November 1928, ruft die Arbeiter-Zeitung unter den Parolen „Nie wieder Habsburg“, „Nieder mit dem Fascismus!“ und „Hände weg von den Errungenschaften der Arbeiterklasse“ zur Teilnahme an den sozialdemokratischen Republikfeiern auf.

Der Aufmarsch über die Ringstraße und die feierliche Enthüllung des neuen Denkmals, das mit Jakob Reumann, Victor Adler und Ferdinand Hanusch ausschließlich Sozialdemokraten würdigt, dauert über vier Stunden. Es sind „Hundert­tausende“, die vor dem Denkmal nahe des Parlaments defilieren.

Wie sehr sich die demokratischen Kräfte des Landes in diesen zehn Jahren voneinander entfremdet haben, zeigt ein Blick in die Tageszeitungen. Die bürgerliche Neue Freie Presse berichtet auf der Titelseite, dass der Tag der Republik „einen würdigen Verlauf“ genommen habe: „Keine überschäumende Begeisterung charakterisierte die Reden, keine Uebertreibung und Großsprecherei“.


Unter einer bürgerlichen Regierung wird das Denkmal dreier Sozial­demokraten in unmittelbarer Nähe des Parlaments enthüllt. Nicht der leiseste Mißton hat diese Feier getrübt...Neue Freie Presse


Allerdings wirft die Zeitung die Frage auf, was diese drei Männer „wohl zu der Gegenwart sagen würden, wenn sie den zehnten Jahrestag der Republik erlebt hätten“.

Die christlichsoziale Reichspost berichtet in aller Ausführlichkeit von der Festsitzung des Nationalrates, der Festansprache des Präsidenten und natürlich vom Festgottesdienst. Aber auch über die „Dissonanzen“ rund um „die Enthüllung des sozialdemokratischen Parteiführer­denkmals vor der Justizpalastruine“ – dieser war nach einer Demonstration im Juli 1927 in Flammen aufgegangen. Die Sozialdemokratie, so das klerikale Kampfblatt, habe „in ihren Reihen noch sehr viel politische Erziehungs­arbeit zu leisten“. Grund für diese Schelte sind „Straßendemonstrationen der widerwärtigsten Art gegen die Wehrmacht des Staates. Hier liegt noch ‘revolutionärer Schutt‘, an dessen Wegräumung zuallererst die Sozial­demokratie interessiert wäre“. Am Endedieses kurzen Berichts über die Denkmalenthüllung mit „den üblichen Ansprachen“ heißt es lapidar: „Nach 2 Uhr zeigte der Ring wieder das gewohnte Bild“.

Gegen­veranstaltungen

In aller Ausführlichkeit berichtet die Reichspost hingegen vom „imposanten Verlauf der Innsbrucker Heimwehrtagung“ und den angeblichen „sozialdemokratischen Pöbeleien“. In der Arbeiter-Zeitung ist zu lesen, dass in Innsbruck „besoffene Hahnenschwänzler“ randaliert hätten, und dass es in der Wiener Johannesgasse zu einem verbalen Duell mit „Haken­kreuzlern“ gekommen sei, die „demonstrativ Heil schrien“. Die Wache sei eingeschritten und habe einige Arbeiter verhaftet!

Auch sonst war an diesem Tag nicht allen zum Feiern zumute. Die linksliberale Zeitung Der Tag meldet: „Stürmische Republikfeier an der Universität. Couleurstudenten verprügeln die sozialistischen Studenten“. Und die kommunistische Rote Fahne titelt ihren Bericht mit: „Die Republik der Prälaten und Faschisten“ und mokiert sich darüber, dass Bundeskanzler Seipel Verfassungsänderungen angekündigt habe. Und wie immer greifen die Kommunisten die Sozialdemokratie frontal an: Die Partei Otto Bauers lehnt es durchaus nicht ab, die bürgerliche Diktatur, den kalten Faschismus in die Verfassung hineinzunehmen.

Feier-Ende

Als Staatsfeiertag existiert der 12. November nur noch bis 1934. Mit dem Ende der demokratischen Republik wird auch deren Feiertag obsolet. Der autoritäre Ständestaat unter Engelbert Dollfuß schafft ihn schließlich ab, und auch nach dem Krieg erfährt der Tag der Republikgründung keine Wiederbelebung. Bei einer Regierungssitzung erklärt Staatskanzler Karl Renner 1945, dass die „ungünstige Wetterlage“ um diese Zeit ohnehin „für festliche Veranstaltungen sehr ungünstig“ sei.

1965 schließlich wird im Nationalrat – in Erinnerung an den Beschluss des Neutralitätsgesetzes 1955 – der 26. Oktober als neuer Nationalfeiertag beschlossen.

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